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KrankenhausbauNeue Herausforderungen bei der Planung

Die Planung von Klinikbauprojekten wird aufwendiger und komplexer. Zu den bekannten Faktoren wie Kostensteigerungen, Rohstoff- und Personalmangel kommt in Zukunft die Einhaltung der Klimaschutzziele der Bundesregierung hinzu.

Baustelle
Steve McHale/stock.adobe.com

Symbolfoto

Bauprojekte von Kliniken und Krankenhäusern sehen sich stetig Herausforderungen ausgesetzt. Aktuell ist eine immense und (leider) nicht abschätzbare Steigerung der Baukosten zu beobachten. Die andauernde Pandemie mit ihren Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten sowie der Krieg in der Ukraine haben dazu geführt, dass die Verfügbarkeit von rudimentären (Bau-) Materialen sinkt, während zugleich die Preise steigen.

Aktuelle Ausschreibungsergebnisse in laufenden Krankenhausbauprojekten liegen weit über den ursprünglich kalkulierten Preisen; der Grund ist aber nicht primär in einer zu laxen oder unvollständigen vorherigen Kostenberechnung zu suchen.

Starker Anstieg der Baupreise

Solche Kostenberechnungen stimmen die jeweiligen Fachplaner vor der Ausschreibung mit dem Auftraggeber auf Klinikseite ab, und dieser meldet die Kostenberechnungen den zuständigen Förderbehörden oder Investoren. Eine realistische Kostenberechnung wird von den Stakeholdern erwartet. Wurden in der Vergangenheit häufig sogenannte „Vergabegewinne“, also ein geringeres Ausschreibungsergebnis als die ursprünglich erwartete Kostenberechnung, erzielt, sind aktuell solche Vergabegewinne so gut wie ausgeschlossen. Vielmehr sind die angebotenen Marktpreise deutlich höher. Deshalb stehen die Bauherrenschaften bei Kliniken und Krankenhäusern vor der aktuellen Herausforderung, den zusätzlichen Finanzierungsbedarf bei laufenden Maßnahmen zu stemmen. Das gelingt aber nicht immer, einzelne Projekte werden gestoppt oder hinsichtlich ihres Umfangs (und somit der Kosten) reduziert.

Die Baupreise steigen weiter, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im November 2021 um über 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hierbei handelt es sich um den stärksten Anstieg der Baukosten seit über 50 Jahren. Holz, Dämmmaterial, Betonstahl in Stäben und andere Materialien stiegen gemäß Destatis um teilweise über 50 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Auch Kupfer- und Kupferlegierungen, die für den Heizungsbau oder in der Elektro- und Medizintechnik benötigt werden, sind im Vergleich zum Vorjahresdurchschnitt um über 25 Prozent gestiegen.

Die Knappheit von vielen Baumaterialen hat bereits auf vielen aktuellen Baustellen im Gesundheitswesen zu Verzögerungen geführt. Dies führt üblicherweise zu Behinderungsanzeigen und Mehrkostenforderungen der ausführenden Gewerke.

Gestohlenes Material nicht zeitnah ersetzbar

Eine andere, nicht zu unterschätzende Gefahr sind Diebstähle von Material von Baustellen. Wurde früher meistens Technik entwendet, so haben es derzeit Kriminelle auf Material abgesehen. Mit dem Folgeproblem, dass Ersatz für das gestohlene Material nicht zeitnah zu bekommen ist. Ende des ersten Quartals 2022 war zwar eine leichte Abnahme der Lieferengpässe zu beobachten. Die Materialpreise bleiben allerdings auf einem hohen Niveau. Aktuellen Medienberichten zufolge kommt es derzeitig bei geplanten oder laufenden Klinikneubauten zu deutlichen Kostensteigerungen – sowohl im Nordwesten als auch im Südwesten der Republik. Aber sind die steigenden Kosten die alleinigen zukünftigen Herausforderungen für Bauprojekte im Gesundheitswesen? Häufig übersehen wird dabei das Vorhaben der derzeitigen Bundesregierung, auf der Grundlage des Koalitionsvertrags ambitionierte Zielsetzungen im Bereich des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit zu erreichen.

Investitionen in Klimaschutz

Solche (grundsätzlich notwendigen) Anforderungen an Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden ebenfalls dazu führen, dass Bauen noch teurer werden wird. Der gesetzliche Mindestlohn von 12 Euro wird wohl eher eine marginale kostensteigende Wirkung haben, verglichen zu den Summen und Steigerungen bei Baumaterial und, wie im Folgenden dargelegt, den steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Somit ist ein weiterer Kostentreiber im Krankenhausbau, der zukünftig noch bedeutsamer werden wird, unter dem Stichwort: „Klimakiller Krankenhaus“ zu subsumieren. Auf der einen Seite verbrauchen Kliniken und Krankenhäuser enorm viel Energie. Steigende Energiekosten sind mit Sicherheit zu erwarten und sollten einkalkuliert werden. Daher wird als Konsequenz, auch aufgrund der aktuellen politischen Vorgaben, das Streben nach energetischen Einsparpotentialen notwendig. Die Lösung wird in energetischen Sanierungen, Photovoltaikanlagen, moderneren Wärmepumpen und anderen Lösungen liegen. Damit die deutschen Kliniken die zukünftig zu erwartenden Klimaschutzziele erreichen können, müssen sie kräftig investieren. Politische Zielsetzung ist mittel- bis langfristig das klimaneutrale Krankenhaus.

Gemäß Berechnungen des Institutes für Health Care Business (hcb) verursachen Gesundheitseinrichtungen und vor allem Krankenhäuser rund 5,2 Prozent der deutschen CO2-Emissionen. Dieser „Fußabdruck“ wird selten in der Presse erwähnt und ist den meisten Menschen in der Gesellschaft nicht bewusst. Die Stahlbranche dagegen erhält mit rund 6 Prozent des CO2-Ausstoßes mehr gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit. Deshalb ist die Bedeutung der Gesundheitsbranche für den CO2-Fußabdruck nicht zu unterschätzen.

Graue Energie gewinnt an Bedeutung

Die notwendigen Investitionen in den Klimaschutz werden aber nicht nur das Bauen verteuern, sondern erfordern auch eine komplexere Planung. Deshalb müssen die Entscheider in den Klinken ihren Blickwinkel erweitern. Zukünftig geht es nicht mehr allein um die energetische Sanierung der Gebäudehüllen. Auch die vorhandenen baulichen Strukturen müssen für zukünftige Prozesse bestmöglich genutzt werden. In anderen Worten: Es muss auch die sogenannte „graue Energie“ betrachtet werden. Die „graue Energie“ ist die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts – oder Gebäudes – aufgewendet werden muss. Die Energie- und somit die Nachhaltigkeitsberechnung muss daher über den gesamten Lebenszyklus eines Klinikums hinweg erfolgen.

Krankenhäuser und andere Einrichtungen im Gesundheitswesen müssen sich daher umfassender mit dem Nutzungszyklus ihrer Immobilien beschäftigen, wenn Sie sich in Zukunft mit den Themen „Nachhaltigkeit“ und „CO2-Fußabdruck“ auseinandersetzen. Hier steht ein notwendiger Paradigmenwechsel an. Somit stehen die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen aktuell und zukünftig vor folgenden Herausforderungen:

  • Die steigenden Baupreise bei Klinikbauten verteuern aktuell die Projekte im Vergleich zu den ursprünglichen Kostenberechnungen.
  • Die zukünftigen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Klimaschutz für Um- und Neubauten von Kliniken führen dazu, dass die Planung komplexer wird.
  • Eine intensivere Betrachtung des Lebenszyklus von Kliniken rückt in den Fokus.

Nach wie vor haben auf der einen Seite die Kliniken Ihr Leistungsspektrum klar zu definieren und medizinische Schwerpunkte herauszubilden. Auf der anderen Seite ist ein straffes Prozessmanagement notwendig. Dieses muss wie gehabt und bekannt in der Raum- und Funktionsplanung zu Beginn eines jeden Krankenhausbauprojektes definiert werden. Entscheidend ist aber eine zeitnahe Umsetzung der Planungsgrundlage ohne wesentliche Veränderungen. Änderungen in den laufenden Bauprojekten waren in der Vergangenheit schon immer kostspielig und werden in Zukunft wegen der zunehmenden Komplexität in der Planung noch erheblich teurer werden.

Investitionen in zukunftsträchtige Baumaßnahmen stellen einen Wettbewerbsfaktor für Kliniken und Krankenhäuser dar. Aber eine Entscheidung zwischen einem Neubau und einem Umbau muss mittlerweile – gerade unter dem Aspekt der Nutzung der grauen Energie – differenzierter betrachtet werden. Sinnvolle, überzeugende und nachhaltige Nachnutzungskonzepte von freiwerdenden Flächen innerhalb und außerhalb von Kliniken werden wichtiger denn je.

Folgende Konsequenzen ergeben sich daher für die Krankenhäuser:

  • Preissteigerungen sind real. Dies bedeutet, dass innerhalb von Projekten die Kostenberechnungen kritisch evaluiert werden müssen. Gegebenenfalls ist es erforderlich, frühzeitig offen mit den jeweiligen Kostenträgern oder Förderstellen zu kommunizieren.
  • Planungsänderungen im laufenden Bau waren schon immer teuer und haben zu Kostensteigerungen geführt. Wegen der immer komplexer werdenden Planung (Stichwort: Einhaltung von klimapolitischen Zielen) werden sich Änderungen zukünftig noch stärker auf die Kosten auswirken.
  • Eine Gesamtbetrachtung der Infrastruktur muss unter dem Gesichtspunkt des Lebenszyklus erfolgen. Die aktuelle und zukünftige Diskussion eines CO2-Fußabdruckes wird diese Notwendigkeit noch verstärkten.
  • Zu Beginn muss flexibel geplant werden, damit während der Bauausführungsphase flexibel und kostenschonend reagiert werden kann

Zusammenfassend bleibt es beim Planen und Bauen im Gesundheitswesen herausfordernd: Die Krankenhäuser sollten nach wie vor vermeiden, im laufenden Baubetrieb Planungsänderungen vorzunehmen. Das war in der Vergangenheit schon immer teuer. In der Zukunft wird sich dies aber aufgrund der steigenden technischen Komplexität preislich noch stärker auswirken.

Das Thema Nachhaltigkeit wird dazu führen, dass Bestandsstrukturen noch intensiver gemäß einer sinnvollen Nachnutzung betrachtet und berücksichtigt werden müssen. Werden diese Themen erst im fortgeschrittenen Projektverlauf adressiert, können zusätzliche Kosten entstehen. In der betriebsorganisatorischen Konzeptentwicklung im Krankenhausbau lag der Fokus bisher häufig auf den zukünftigen medizinischen, pflegerischen, logistischen und informationstechnologischen Prozessen. Zukünftig muss der Fokus auf die Prozesse und auf die „graue Energie“ gelegt werden.

Ansonsten könnten bei der Bestimmung eines CO2-Fußabdruckes für ein Krankenhausbauprojekt unliebsame Überraschungen entstehen. Allein ein Raum- und Funktionsprogramm im Rahmen der Grundlagenermittlung zu erstellen, wird nicht mehr reichen. Dass hierfür als Grundlage ein medizinisches Konzept sowie ein Logistik- und IT-Konzept vorliegen muss, ist hinlänglich bekannt. Jetzt kommt aber die Betrachtung eines Energie- und Nachhaltigkeitskonzept hinzu, welches Einfluss auf die (Grundlagen-) Planung haben wird. Daher ist, neben den aktuellen Kostenherausforderungen, eine solche frühzeitige umfassende Betrachtung des Lebenszyklus von Gebäuden bei Neu- und Umbauten von Kliniken und Krankenhäusern jetzt und in Zukunft essentiell.

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