Georg Thieme Verlag KG

Senkrechtstarterin 2021Mai Thi Nguyen-Kim – Mit Fakten gegen Fakes

Statt als promovierte Chemikerin im Labor zu forschen, berichtet Dr. Mai Thi Nguyen-Kim als Journalistin, Autorin und YouTuberin über die Wissenschaft. Dabei befolgt sie dieselben Leitsätze und Standards, wie in der Forschung: der Evidenz folgen, differenzieren, bei entsprechender Datenlage auch klare Schlüsse ziehen. Ein wohltuendes Erfolgsrezept, wie es sich gerade in der Corona-Pandemie gezeigt hat.

Dr. Mai Thi Ngyuen-Kim
dm-Magazin alverde/Boris Breuer

Dr. Mai Thi Ngyuen-Kim, Wissenschaftsjournalistin, YouTuberin und Fernsehmoderatorin, wurde beim Thieme Management Award 2021 zur Senkrechtstarterin gewählt.

„Wir müssen jetzt aufhören. Ab jetzt kann es nur noch bergab gehen!“ So reagierte Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, als sie für ihre journalistische Arbeit mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. 2018 war das. Überwältigt war sie von dieser Ehrung und davon, wie viele Menschen sie auf ihrem YouTube-Kanal „maiLab“ erreichen konnte. Heute lacht die Wissenschaftsjournalistin, wenn sie sich daran zurückerinnert. Denn seitdem ist viel passiert – eine Pandemie, die alle verunsichert hat und in der die Menschen sich nach sachlichen Informationen sehnten. Mai Thi Nguyen-Kim, deren Arbeitsmotto sich mit „Informieren und unterhalten“ zusammenfassen lässt, die mit Humor, Empathie, klaren Worten und vor allem mit wissenschaftlichen Fakten in ihren Videos selbst komplexe Themen erklärt, traf da mit ihrer Arbeit genau den Nerv der Zeit.

Sie konnte die Pandemie, die Fachbegriffe und die erforderlichen Maßnahmen scheinbar mühelos begreiflich machen, den Ausnahmezustand anhand aktueller Erkenntnisse aus der Forschung verständlich einordnen und verzichtete dabei ganz auf alarmistische Töne. Das kam an und das Video „Corona geht gerade erst los“, am 1. April 2020 aufgenommen, ging schnell viral und landete im selben Jahr auf Platz eins der „Top Trending Videos“. Bis heute wurde es mehr als 6,6 Millionen Mal aufgerufen. Nguyen-Kim sprach auch nach diesem Überraschungserfolg immer wieder in ihren Videos an, was in Deutschland gerade Fragen aufwarf oder zu gesellschaftlichen Kontroversen führte: Wann sollten Kitas und Schulen nach dem Lockdown wieder geöffnet werden, können schnell entwickelte Impfstoffe überhaupt sicher sein und was ist überhaupt das Problem mit der Impflücke?

Erklärerin der Pandemie

Für diese sachliche, dabei trotzdem verständliche und bisweilen sogar mit einem Augenzwinkern versehene Corona-Wissensvermittlung wurde Mai Thi Nguyen-Kim vielfach ausgezeichnet, die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zitierte sie im Bundestag, der Bundespräsident verlieh ihr das Bundesverdienstkreuz, ihr YouTube-Kanal „maiLab“ wurde immer beliebter und zählt heute 1,45 Millionen Abonnenten. In den Medien war die 34-Jährige bald als Erklärerin der Pandemie omnipräsent, sprach einen Kommentar in der Tagesschau, wurde gefragte Interviewpartnerin bei Zeitungen, im Fernsehen und bei Podcasts. Sie wurde als „Stimme der Aufklärung“ betitelt, ebenso als „Queen aller Wissenschaftsjournalistinnen“. Dieser Erfolg ist überragend und lässt Mai Thi Nguyen-Kim immer wieder staunen. Auch, weil sie am Anfang eine ganze andere Karriere für sich im Blick hatte.

Ein Mädchen mit vielen Interessen war sie, das Lieblingsfach in der Schule war Deutsch. „Aber ich war wohl schon immer zu rational oder zu vernünftig, um Literatur zu studieren“, erzählt sie mit einem Lachen. Stattdessen fiel die Wahl des Studienfaches am Ende auf Chemie. Nicht nur, weil ihr Vater Chemiker war und die Faszination dafür schon früh in ihr geweckt hatte. Vielmehr war der ausschlaggebende Punkt, dass sie mit dem Schulabschluss nicht auch den Zugang zur Naturwissenschaft verlieren wollte. „Man kann sich mit Politik, Literatur, Kunst, Geschichte und selbst mit Fremdsprachen noch in der Freizeit beschäftigen, wenn man denn möchte. Das ist mit Chemie oder Physik viel schwieriger“, sagt sie und ist deshalb froh, dass sie heute mit ihrem Beruf einem Laienpublikum Einblicke in die Welt der Wissenschaft ermöglichen kann. Erste Erfahrungen in der Wissensvermittlung sammelte die Nachwuchs-Chemikerin bei Falling Walls Lab, einer Konferenz, bei der Forschungsprojekte in nur drei Minuten präsentiert werden müssen. Eine Mitarbeiterin machte sie danach auf den Wettbewerb „forscher tanzen“ aufmerksam, bei dem Forschung auf der Tanzfläche präsentiert wird. Nguyen-Kims erste Reaktion war: „Das ist so bescheuert, da muss ich unbedingt mitmachen!“

In ihrer Schulzeit konnte sich Mai Thi Nguyen-Kim nicht so recht entscheiden, was sie studieren wollte — zu vielfältig waren ihre Interessen. Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich schließlich 2006 für ein Chemiestudium und folgte damit ihrem Vater, der ebenfalls Chemiker war und bei ihr schon in der Kindheit das Interesse für Naturwissenschaften geweckt hatte.

Während ihres Studiums verbrachte Nguyen-Kim einen Studienaufenthalt am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Als Doktorandin begann sie ihre Forschungsarbeit zum Thema „Physikalische Hydrogele auf Polyurethan-Basis“ an der RWTH Aachen. Ein Forschungsjahr verbrachte sie an der Havard University und am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung. Die Promotion erfolgte an der Universität Potsdam. Eine geplante einjährige Auszeit vom Wissenschaftsbetrieb mündete in ihrer Karriere als Wissenschaftsjournalistin — sie baute bei funk, dem Online-Angebot von ARD und ZDF, einen Youtube-Kanal auf.

Aus dem Labor vor die Kamera

Die passionierte Tänzerin hatte während ihrer Doktorarbeit an der RWTH Aachen Hip-Hop-Tanz unterrichtet. Also scharte sie die Campus Dance Crew um sich, schnappte sich eine Videokamera und vertanzte ihre Forschungsarbeit zum Thema „Drug Delivery“. „Es ist bis heute das aufwendigste Video, das ich je gemacht habe“, sagt Mai Thi Nguyen-Kim amüsiert. Es ist nicht nur Zeugnis ihrer kreativen Herangehensweise, Wissenschaft vorzustellen, sondern markiert auch eine wichtige Station auf ihrem Weg zur Wissenschaftsjournalistin: Sie brachte sich selbst bei, Videos aufzunehmen und zu schneiden. Ein spaßiges Hobby war es für sie, den Schritt zur YouTuberin traute sie sich aber erst gut ein Jahr später zu. Bei einem Forschungsaufenthalt in Boston, in der Anonymität des Auslands, startete sie mit 28 Jahren ihren privaten YouTube- Kanal „The Secret Life Of Scientists“, auf dem sie mit Vorurteilen gegenüber Forscherinnen und Forschern spielte, einige von ihnen vorstellte oder auch den Alltag im Labor auf die Schippe nahm.

Dadurch wurde funk, das Online-Angebot von ARD und ZDF, auf Mai Thi Nguyen-Kim aufmerksam und wollte gern mit ihr zusammenarbeiten. Das passte – für funk wollte die frisch promovierte Wissenschaftlerin ein Sabbat-Jahr einlegen und dann wieder in die Wissenschaft zurückkehren. Der Plan ist nicht aufgegangen, ihre journalistische Arbeit wollte sie schnell nicht mehr gegen das Labor eintauschen. Auf „schönschlau“, wie der YouTube-Kanal für funk anfangs hieß, stellte Nguyen-Kim ihrem Publikum in etwa dreiminütigen Clips unnützes Wissen vor. Das aber wissenschaftlich fundiert. Was passiert beispielsweise, wenn Astronauten rülpsen? Wissenschaft in kleinen Happen serviert, die als Lacher oder Aha-Thema für die nächste WG-Party dienen konnten, das war das Konzept des Kanals.

Ab 2018 nennt Mai Thi Nguyen-Kim den Kanal „maiLab“ und mit dem Namenswechsel ändert sie auch die Art und Weise, wie sie Wissen vermittelt. Sie gibt die Fixierung auf ein junges Publikum auf. Gesellschaftsrelevante Themen wie Impfskepsis oder Rassismus werden nun in bis zu 20 Minuten langen Videos besprochen. Das heißt, noch mehr Zeit und Mühe wird in die Recherche, in das Durchstöbern von wissenschaftlichen Veröffentlichungen gesteckt, um alle Aussagen belegen zu können. Doch der Aufwand lohnt sich – die Clickzahlen der Videos steigen, ebenso die Abonnentenzahlen, die ersten Journalisten- und Medienpreise folgen.

Vermittlerin von Fakten

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie war es mit dem Nischendasein im Wissenschaftsjournalismus erst einmal vorbei. Wissenschaft und Berichte darüber standen plötzlich im Scheinwerferlicht, mit all seinen Schattenseiten. Verkürzungen und Zuspitzungen in der Berichterstattung – auch gezielte Angriffe auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Deutschlands auflagenstärkster Boulevardzeitung – verursachen bisweilen ein verzerrtes Bild vom Wissenschaftsbetrieb, was Expertinnen und Experten verschreckt, beim Publikum Zweifel aufkommen lässt und Fronten verhärtet. Das hat auch Auswirkungen auf Nguyen-Kims Arbeit: „Gerade Wissenschaft lebt von Differenzierung, von Nuancen, Unsicherheiten, Sachlichkeit und Unaufgeregtheit – aber es ist sehr anstrengend geworden, in diesen Zeiten in diesem Bereich überhaupt zu agieren und zu arbeiten, sich immer diesem Gefecht aussetzen zu müssen.“

Mit der gewonnenen Reichweite ihres YouTube-Kanals mehren sich in den Kommentarspalten zunehmend Hasskommentare und Falschbehauptungen. Beeinflusst das die Auswahl der Themen und die Art, wie sie diese präsentiert? Darauf hat Nguyen-Kim eine klare Antwort: „Die Ablehnung von Fakten und vom rationalen Denken kommt nicht überraschend, aber das macht es nicht weniger schlimm. Leider sind Krisenzeiten, auch historisch betrachtet, immer Hochzeiten von Verschwörungserzählungen. Wenn man sich mit der Wissenschaft befasst, gibt es zwangsläufig einen Konflikt mit gewissen Ideologien und es gibt immer Menschen, die sich von Fakten sehr angegriffen fühlen, wenn sie nicht zu bestimmten Weltbildern passen. Wir konzentrieren uns einfach auf die vernünftige Mehrheit.“ Beleidigungen ignoriert sie generell. Das hat auch damit zu tun, dass Nguyen-Kim sich weniger als Person im Vordergrund sieht, sondern als Vermittlerin von Fakten. Doch geändert hat sich trotzdem etwas: Bei öffentlichen Auftritten wie Lesetouren wird sie nun immer von einem Security Service begleitet.

Nicht nur die Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie hat ihr Arbeiten beeinflusst, Anfang 2020 wurde ihre Tochter geboren. „Ich bin auch Mutter. Da stellt sich schon die Frage, wie man es schafft, Beruf und Familie zu vereinen. Die Antwort darauf ist erstens: Kaum. Und zweitens: Indem man sehr viel Nein sagen muss“, erzählt Nguyen-Kim. Es gebe zwar viele Projekte, die sie gern unterstützen würde, doch hätten sich ihre Prioritäten verschoben, ihr Zeitmanagement sei strikter geworden.

Ihren Fokus setzt sie nun auf wenige Vorhaben, die sie unverändert leidenschaftlich umsetzt. „Ich habe es als Freiberuflerin selbst in der Hand: Ich kann mich bei niemandem beschweren, wenn ich zu wenig Zeit für meine Tochter habe. Ich muss mir selbst mehr Zeit nehmen, so einfach ist das. Seit sie da ist, fällt es mir aber tatsächlich viel leichter, Nein zu sagen. Denn was auch immer es ist, keine Veranstaltung kann mit ihr mithalten“, findet sie und lächelt dabei strahlend. Aber gerade als junge Mutter macht sie sich auch Sorgen über eine fortschreitende Desinformation: „Wir rutschen immer tiefer in eine Informationskrise und die Unmenschlichkeit in sozialen Medien wird unter anderem als Instrument von Desinformation eingesetzt.“ Dadurch könne jede Krise um ein Vielfaches verstärkt werden, wie sich auch in der Corona-Pandemie gezeigt habe. Bis die Gesellschaft sich darüber im Klaren ist, welche Rahmenbedingungen und Regeln es braucht, um diese Krise zu bremsen, sieht Mai Thi Nguyen-Kim für sich nur eine Lösung: „Ich kann versuchen, meinen kleinen Teil beizutragen, indem ich Desinformation mit verlässlicher Information entgegentrete.“ Also, es geht weiter so wie gehabt.

Mai Thi Nguyen-Kim hat es sich zum Ziel gesetzt, Wissenschaft für alle Altersgruppen und Medien zugänglich zu machen. Mit Youtube-Videos brachte sie seit 2015 auf ihrem privaten Kanal sowie ab 2016 auf dem für funk produzierten Youtube- Kanal einer jungen Zielgruppe Wissenschaftsthemen näher. Dem interessierten Fernsehpublikum war Nguyen-Kim spätestens 2018 bekannt, als sie die Moderation der Sendung Quarks übernahm. Seit 2021 ist sie im Fernsehbereich exklusiv für das ZDF tätig und stand für die Terra X-Reihe „Wunderwelt Chemie“ vor der Kamera. Außerdem präsentiert sie auf ZDFneo die Show „MaiThink X“, für die sie die wissenschaftliche Leitung innehat. Ihre beiden Bücher „Komisch, alles chemisch!“ und „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit.“ entwickelten sich zu Bestsellern. Für ihre journalistische Arbeit wurde Mai Thi Nguyen-Kim mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

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