Attacken im Krankenhaus

Tabuthema Sicherheit rückt in den Fokus

Nach den tödlichen Schüssen am Berliner Benjamin-Franklin-Klinikum stellt sich die Frage: Wie sicher sind deutsche Krankenhäuser und welche Konsequenzen ziehen Kliniken aus der wachsenden Bedrohung?

Angesichts des Todes eines Oberarztes der Charité durch die Schüsse eines 72-jährigen Patienten bleibt die Charité-Führung betont gelassen. "Wir können aus der Klinik keinen Flughafen machen. Mit diesem Risiko müssen wir leben“, erklärt der Ärztliche Direktor Ulrich Frei im Berliner „Tagesspiegel“. Vorstandschef-Chef Karl-Max Einhäupl ergänzt: "Krankenhäuser sind offene Häuser." Doch zweifellos werden Sicherheitsmaßnahmen in Zukunft stärker in den Fokus der Öffentlichkeit und der Klinikmanager rücken.

Generell sprechen Kliniken ungern über Attacken und Sicherheitsmaßnahmen, obwohl Angriffe auf Klinikpersonal längst keine Einzelfälle mehr sind. "Nach Rücksprache mit der Geschäftsführung möchten wir keine Stellungnahme abgeben”, hieß es etwa aus dem Krankenhaus Sigmaringen, das die kma im April zum Thema Sicherheitsdienst befragt hatte. Dabei hat die Klinik seit November 2015 eine private Sicherheitsfirma zum Schutz des Personals beauftragt. Der "Südkurier” berichtete unter der Schlagzeile "Sicherheitsdienst schützt Krankenschwestern”. Vermehrt sei es zu "Übergriffen gegen das Nachtpersonal” gekommen, ein Grund seien "Sprachbarrieren und Kulturunterschiede zu Flüchtlingen”. Pflegedienstleiterin Silva Stärk wurde in dem Blatt mit den Worten zitiert: "Ein Problem ist, dass sich Männer anderer Kulturen nicht gerne etwas von Frauen sagen lassen”.

 

Angst vor dem Shitstorm

Dass fünf Monate später niemand aus der Klinik mehr öffentlich über das Thema reden will, sei verständlich, sagt Frank Ohi, Vorstand der sächsischen Elblandkliniken, denn jeder, der sich zu dem Thema äußere, müsse mit einem "Shitstorm” rechnen. Ohi tut es dennoch, denn an den Elblandkliniken in Meißen, Riesa und Radebeul wird es bald einen eigenen Sicherheitsdienst geben. Bislang habe man nur einen privaten Wachdienst am Standort Meißen eingesetzt, künftig soll ein in das hauseigene Tochterunternehmen "Elbland Service und Logistik” integrierter Sicherheitsdienst für die Überwachung der drei Standorte zuständig sein. So wie das an größeren Kliniken längst üblich ist. Laut Stellenausschreibung geht es den Sachsen um Zugangs- und Personenkontrollen, Außenüberwachung, Kontrollgänge und Baustellensicherung.

 

Aggressionen in der Notaufnahme

"Wir haben viele weibliche Mitarbeiter, die über ein hohes Aggressionspotenzial der Patienten klagen, vor allem in der Notaufnahme”, sagt Ohi. Das Thema Sicherheit sei zwar immer schon relevant für Krankenhäuser gewesen, aber aktuell gewinne es an Gewicht. Patienten, Angehörige und Begleitpersonen würden heute viel schneller gewalttätig. Von Beleidigungen und Bedrohungen, sexuellen Angriffen, Anspucken und Kratzen bis zum Werfen von Gläsern, Infusionsflaschen und Möbeln sei "alles dabei”.

 

Massenkeile vor dem Kliniktor

In Bremen gab es kürzlich eine Massenschlägerei vor der Notaufnahme des Klinikums Links der Weser, ausgelöst durch zwei kurdisch-libanesische Familienclans. Passiert ist dabei weder Ärzten noch Pflegepersonal oder Patienten etwas. Das Klinikum gehört zum Unternehmen Gesundheit Nord, das bereits seit Jahren einen Sicherheitsdienst installiert hat. Pflegepersonal habe sofort die Eingänge verriegelt, um zu verhindern, dass sich die Massenkeilerei vom Parkplatz in die Klinik verlagere. Nach den Worten des Kliniksprechers Rolf Schlüter seien solche Vorfälle "nichts Besonderes”. Aus einer Uniklinik, die nicht genannt werden will, ist derweil Beunruhigendes zu hören. Kliniken, so der Chef des dortigen Sicherheitsdienstes, ständen wie Flughäfen, Bahnhöfe und Einkaufszentren im Fadenkreuz von Terroristen. Die meisten Krankenhäuser würden die Gefahr aber noch nicht richtig einschätzen.

 

Körperliche Attacken in Nürnberg

Auch das Klinikum Nürnberg hat sich inzwischen für einen externen Sicherheitsdienst zu engagieren. „Aufgrund der immer stärker werdenden Aggressivität von Patienten und deren Angehörigen mussten wir uns leider bereits vor Jahren dazu entschließen, in einer besonders exponierten Einrichtung einen Sicherheitsdienst zu etablieren. Bei der Einrichtung handelte es sich um eine Station für Menschen mit Alkohol- und Drogen-Intoxikation. Hier kam es immer wieder zu körperlichen Attacken. Die dann herbeigerufene Polizei konnte aufgrund der notwendigen Anrückzeit meist nicht zeitig genug eingreifen“, berichtet Alfred Estelmann, Vorstand des Klinikums Nürnberg. Die Klinik hatte zwar ihre Beschäftigten schon viele Jahre im Umgang mit solchen kritischen Situationen geschult und einen zusätzlichen, hauseigenen Nachtwächterdienst dafür abgestellt. „Wir mussten allerdings zu unserem Bedauern feststellen, dass diese Maßnahmen irgendwann nicht mehr ausreichend waren. Wir haben uns deshalb seiner Zeit entschieden, einen externen Sicherheitsdienst zu beauftragen“, so Estelmann. Inzwischen setzt das Klinikum an seinen beiden Standorten mehrere Sicherheitskräfte ein, die von verschiedenen Firmen gestellt werden.

 

Nach den Anschlägen wächst die Wachsamkeit

Die Attacken der vergangenen Woche in München, Würzburg, Ansbach und jetzt in der Charité haben bei allen Klinikbeschäftigten Spuren hinterlassen. „Der Fall München macht deutlich, dass es überall passieren kann, also auch in Krankenhäuser.n“, erklärt Markus Funk, Geschäftsführender Krankenhausdirektor bei der Gesundheit Nord gGmbH (Bremen). "Eingangskontrollen wie am Flughafen lassen sich bei unserem Pavillon-System kaum realisieren. Bei einem Neubau mit entsprechenden technischen Voraussetzungen wäre das aber durchaus realistisch. „Die Krankenhäuser haben Alarmpläne für alle möglichen Themen, aber das Thema Terror stand bislang nicht im Fokus. Die momentane Entwicklung erfordert diesbezüglich Handlungsbedarf, das Thema muss stärker in den Fokus rücken.“

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