
Ganze 43,3 Milliarden Euro wurden im Jahr 2020 in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Arzneimittel ausgegeben. Bereits im Jahr 2017 gaben die Deutschen pro Kopf jährlich 551 Euro für Medikamente aus und belegten damit laut einer Statistik der OECD den ersten Platz. Dabei postulierte die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits im Jahr 2006, dass weltweit mehr als 50 Prozent aller Arzneimittel unangemessen verschrieben, abgegeben oder verkauft werden.
Gerade bei den älteren Patienten mit umfangreicheren Erkrankungen kann die tägliche Einnahme von mehreren unterschiedlichen Medikamenten – in Fachkreisen mit dem Begriff Polypharmazie beschrieben – schwerwiegende Konsequenzen haben, schließlich können sich die darin enthaltenen Wirkstoffe gegenseitig negativ beeinflussen. Zudem steigt mit der Zahl der eingenommenen Mittel auch das Risiko von arzneimittelbedingten Problemen: Die WHO sieht das als eine der Hauptursachen für vermeidbare Patientenschädigungen. Die möglichen Folgen reichen hier von Gedächtnisstörungen über Delir bis hin zu Stürzen und sogar Organversagen.
Risikoreiche Medikamenten-Cocktails
„Ich müsste eigentlich in kniehohen Stiefeln erscheinen, weil ich täglich auf den Intensivstationen und in der Alterstraumatologie mit Medikamenten und Medikamentenlisten konfrontiert werde, die so nicht gehen.“ Es seien gerade die „Cocktails“ der bei Aufnahme der Patienten mitgebrachten risikoreichen Medikamentenlisten von mehreren ambulanten Fachärzten gleichzeitig, die ein trauriges Sumpfgebiet für Sturzereignisse mit Knochenbrüchen, für Gedächtnisstörungen, Herzrhythmusstörungen, Organschädigungen und Hirnblutungen darstellen und damit zur stationären Aufnahme führen.
Mit diesem Appell begann Dr. Ursula Wolf, Fachärztin für Innere Medizin und Abteilungsleiterin des Pharmakotherapie-Managements am Universitätsklinikum Halle (UKH) ihren Kurzvortrag im Rahmen des jährlichen Wettbewerbs um den Zukunftspreis des Clubs der Gesundheitswirtschaft in Berlin. Das von ihr initiierte Projekt „Digital basiertes individuelles Pharmakotherapie-Management (IPM) zur hocheffektiven Versorgungsoptimierung bei risikoreicher Polypharmazie“ füllt eine klaffende Lücke in der deutschen Versorgungslandschaft, ist seit Jahren gelebte Praxis in der Abteilung Pharmako-Management des Universitätsklinikums Halle (Saale) und überzeugte auch die Jury des cdgw-Zukunftspreises 2021 – bestehend aus persönlich eingeladenen Gästen des Präsidiums und den cdgw-Mitgliedern.
In den letzten Jahren werden immer mehr Medikamente in immer größerer Geschwindigkeit auf den Markt geschleust. Den Überblick über alle darin enthaltenen Wirkstoffe und ihre mögliche Wechselwirkung mit anderen Medikamenten zu behalten, die ältere Patienten ebenfalls einnehmen – im Extremfall 20 Medikamenten pro Tag – fällt der Ärzteschaft allerding zunehmend schwer. „Das schaffen die Ärzte höchstens in ihrem eigenen Fachgebiet, aber ein Urologe weiß nicht unbedingt, wie die Medikamente der Kardiologie interagieren und zusammengesetzt sind und umgekehrt – und da kommen noch die Psychiater dazu und andere Fachgruppen. Ich kann heute bei der Vielzahl der Medikamente kaum noch erwarten, dass ein Arzt den Überblick behält“, postuliert Dr. Ursula Wolf.
52 Medikationsanalysen pro Tag
Um dem Problem Herr zu werden, überprüft die Internistin und Expertin für Medikationsadaption der Transplantationsmedizin täglich bis zu 52 Medikationen – und verfolgt so die Strategie einer präventiven Einflussnahme auf die auffällig häufig medikamentösen Ursachen durch risikoreiche Medikamenten-Cocktails. Die bereits vollständig digital geführten Patientenakten am UKH bilden dabei die Basis der Analysen und ermöglichen es ihr, innerhalb von nur 6,5 Minuten ein „digitales Gesamtbild“ jedes Patienten zu erfassen, inklusive Medikationsanalyse und Handlungsempfehlung. „In rund einer Stunde schaffe ich so 9 bis 10 Patienten. Normalerweise würde man dazu pro Patient eine Stunde mit einem Vor-Ort-Konsil verbrauchen“, so Dr. Ursula Wolf.
Dank der Tatsache, dass die klinische elektronische Patientenakte des UKH auch eine Übersicht über alle Diagnosen, Herz-Kreislaufparameter, aktuellen Labordaten und diagnostischen Befunde jedes Patienten liefert, kann Dr. Ursula Wolf die gesamte Medikationsliste individuell prüfen – um sie anschließend anhand der Fachinformationen und dank ihrer Expertise auf mögliche Wechselwirkungen zu analysieren und in Zusammenarbeit mit den Stationsärzten und Oberärzten zu optimieren. Die Fachärztin mit Zusatzausbildung der klinischen Pharmakologie hat das Projekt bereits 2011 in der Alterstraumatologie des UKH begonnen, konnte es 2015 auf die interdisziplinären Intensivstationen ausweiten und hat mittlerweile Erfahrungen aus mehr als 38000 Medikations-Einzelanalysen gesammelt. „Etwa sind der Ernährungszustand und das Medikamenten-Eliminationsvermögen eines Patienten im Alter oft anders als bei Patienten, an denen die Medikamente getestet und an denen die Dosierungen festgelegt werden. Diese Dosierung weicht aber für alte Patienten nicht von den Dosierungen jener jüngeren Patientengruppen ab. Und das ist das Alarmierende.“
Enorme Kostenreduktion von Arzneimittel
Das IPM adressiert laut Dr. Wolf mit der Prävention, der Arzneimitteltherapiesicherheit, der Patientensicherheit, der Digitalisierung, der elektronischer Patientenakte, dem interdisziplinären Netzwerken und nicht zuletzt der Gesundheitsökonomie weltweit die dringlichsten Anforderungen im Gesundheitswesen. Die Ergebnisse sprechen für sich: So führte das IPM-Projekt in der Alterstraumatologie am UKH bereits zur Reduktion des Delirs um 90,2 Prozent und zu 83 Prozent weniger Sturzereignisse. Auf den Intensivstationen ist von 2015 bis zum Jahr 2018 ein Rückgang schwergradiger Krankheitsverläufe wie Multiorganversagen oder Lungenversagen und eine Reduktion der Krankenhausinfektionen zu verzeichnen. Auch für die Uniklinik rechnet sich das, seit Projektbeginn verzeichnet das UKH auf den Intensivstationen einen Anstieg der Belegungs-Fallzahlen um 25 Prozent – bei verkürzter Liegedauer. Zudem sind die Arzneimittelausgaben auf beiden Intensivstationen um 28 Prozent gesunken. „Der Benefit der Patienten und des Gesundheitssystems ist hier noch nicht mitbewertet“, ergänzt Dr. Ursula Wolf.
Um in Zukunft das Problem der risikoreichen Medikamenten-Cocktails besser in den Griff zu bekommen, fordert die Expertin eine aktivere Rolle von Staat und Krankenkassen. „Ich sehe mich hier auch als Anwältin der alten Patienten, die oft selbst nicht mehr für sich eintreten können. Es muss für Ärzte eine Zusatzausbildungsmöglichkeit zum Arzneimitteltherapiesicherheitsbeauftragten geschaffen werden. Angesichts der Zunahme multiresistenter Erreger hat man staatlich verankerte Hygienebeauftragte im Krankenhaus vorgeschrieben. Genau so muss der Staat auch bei der Arzneimitteltherapiesicherheit handeln. Leider wird dort noch nicht gesehen, dass es brennt, es ist hier aber längst nicht mehr fünf vor zwölf, sondern bereits 20 nach zwölf“, warnt Dr. Ursula Wolf.





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