Georg Thieme Verlag KG

UmstrukturierungWarum Notaufnahmen und Belegungsmanagement zusammen gehören

Seit Jahren existiert der Problemfall Notaufnahme an deutschen Krankenhäusern, aber es tut sich wenig. Dabei gibt es bereits erfolgreiche Konzepte, wie zum Beispiel das von Dr. Tim Flasbeck, der seit zwölf Jahren die Optimierung vorantreibt. 

Notaufnahme
Thomas Möller/Thieme Gruppe

Symbolfoto

Sie sind vielleicht die größten Sorgenkinder im deutschen Gesundheitswesen: Die Notaufnahmen. Patientinnen und Patienten klagen über stundenlange Wartezeiten. Das Personal arbeitet am Anschlag. Und die Geschäftsführung verzweifelt am Defizit, das diese Abteilungen regelmäßig einfahren. Dennoch wird die Situation an den meisten Kliniken seit Jahren als gegeben hingenommen. Vermeintliche Fachleute tingeln durch das Land und planen Notaufnahmen, ohne sich mit den Bedürfnissen der Pflegekräfte, des Rettungsdienstes und der Patienten wirklich auseinanderzusetzen. Oft sind diese Einheiten bei der Eröffnung schon zu klein. Die zuständigen Behörden fixieren das Problem, indem sie nicht mehr Behandlungsplätze fördern. Und Gesundheitsminister Jens Spahn kommt bei der Reform der Notfallmedizin nicht wirklich in Schwung.

„Die Idee, die Gesamtzahl der Kliniken deutlich zu reduzieren und die Akutversorgung zukünftig 24/7 in integrierten Notfallversorgungszentren unter Leitung der Kassenärztlichen Vereinigung abzubilden, ist nicht nachvollziehbar“, kritisiert Dr. Tim Flasbeck, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. „Integrierte Notfallversorgung ist meiner Meinung nach absolut erstrebenswert, aber sie muss auch umsetzbar sein! Für große Versorgungszentren mit dann entsprechendem Rund-um-die-Uhr-Zulauf fehlt es jedem Haus, das ich kenne, an Behandlungskapazität. Die meisten Notaufnahmen dekompensieren heute schon nahezu täglich und das wird durch die geplante Reform sicher nicht besser werden.“  

Hohe Unzufriedenheit bei Pflegekräften sowie Patientinnen und Patienten

Seit zwölf Jahren beschäftigt sich Flasbeck bereits mit dem Gedanken einer prozessoptimalen Notaufnahme. Neben seiner Chefarzttätigkeit in Cottbus unterstützt der international angesehene Experte Krankenhäuser dabei, ihre Prozesse in der Notaufnahme zu analysieren und die Abläufe und Raumstrukturen zu reorganisieren. Dabei hört er vor allem denen zu, die von der Infrastruktur direkt betroffen sind: Tausende Daten, z.B. zu Wegstrecken, Bettenallokationszeiten oder Mitarbeiter- und Patientenzufriedenheit, wurden über Jahre immer wieder erhoben und ausgewertet. Das Ergebnis: Die, die in den Notaufnahmen ihren Arbeitsalltag leben oder als Patienten dort Hilfe suchen, sind mit den Millionen teuren Infrastrukturen selten zufrieden. „Die Lösung liegt in einer Steigerung der Effizienz. Es ist doch ein großer Unterschied, ob eine Pflegekraft für die Versorgung von zehn Patienten zehn Kilometer laufen und 90 Minuten telefonieren muss oder ob sie dafür zwei Kilometer braucht und das Telefon ganz bei Seite legen kann.“

„Das Stigma der Notfallambulanz muss weg“

Als Dr. Tim Flasbeck seine Karriere in der Notfallmedizin begann, fand er die Zustände unerträglich. „Die Notaufnahme war völlig überlastet. Der Stress war enorm und die Unzufriedenheit bei Patienten, Angehörigen, dem Rettungsdienst und den Pflegekräften groß.“ Dann bekam er die Chance, alles anders zu machen: 2013 wurde er Oberarzt der Abteilung für Nephrologie und Notfallmedizin am Klinikum Dortmund und trug dort die Verantwortung für die Notaufnahme. Das Besondere: Die über 1000 Quadratmeter große Notaufnahme war nagelneu; noch nicht mal die Türen waren beschildert. Flasbeck schlug trotzdem nach kurzer Eingewöhnungsphase vor, die Notaufnahme nochmal umzubauen und das Betriebskonzept nach seinen Vorgaben zu verändern.

„Rudolf Mintrop war damals selbst noch frisch im Amt als Geschäftsführer“, erinnert sich Flasbeck. „Man hatte ihn geholt, um den Maximalversorger aus den tiefroten Zahlen zu holen.“ Trotz der finanziell angespannten Lage setzte Mintrop Flasbecks Vorschläge um und nahm Geld für einen erneuten Umbau in die Hand. Der Mut wurde belohnt: Innerhalb von zwei Jahren nahmen die Notaufnahmekontakte am Klinikum Dortmund um 26 Prozent zu – ohne neue Stellen zu schaffen und bei steigender Zufriedenheit des Notaufnahmepersonals. Kein Wunder, dass diese Zahlen in der Fachwelt auf Beachtung stießen: Aus Flasbecks Idee ist bis heute ein Konzept geworden, das das Potential für einen Paradigmenwechsel in der Medizin hat. „Wer die Prozesse in der Notaufnahme neu ordnet, profitiert auf vielen Ebenen: Bei der Versorgungsqualität, der Patientenzufriedenheit und der Mitarbeiterbindung in Zeiten des Fachkräftemangels und nicht zuletzt auch wirtschaftlich. Denn während Erlössteigerungen im elektiven Bereich nahezu nicht mehr zu realisieren sind, ist in der Notaufnahme fast immer Luft nach oben“, sagt Tobias Vaasen, zuständiger Partner bei WMC Healthcare für das Thema Notaufnahme.

Malteser Krankenhäuser erfolgreich in Akut-Kliniken umgewandelt

Dass sein Konzept im Prinzip an allen Krankenhäusern funktioniert, konnte Flasbeck u.a. bei der Malteser Deutschland GmbH zeigen. Dort nahm man den Paradigmenwechsel ernst: Alle Kliniken der Malteser sollten Akut-Krankenhäuser werden – mit der Unterstützung Flasbecks. 2017 wurde er Chefarzt der Klinik für Notfallmedizin im Malteser Krankenhaus in Bonn und übernahm die Planung der Notaufnahmen im gesamten Verbund. Seine Bedingung: Er brauche auch die Verantwortung für das Belegungsmanagement. „Moderne Notaufnahmen und Belegungsmanagement gehören zusammen“, stellt Flasbeck fest. „Stockende Entlassprozesse auf den Stationen, Erschöpfung der Behandlungskapazitäten oder zeitfressende Bettenallokation können nur durch ein modernes Belegungsmanagement wirklich verbessert werden.“

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