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ModulbauweiseWas Klinikplaner von Aldi und Lidl lernen können

Als Mitglied der DIN-Arbeitsgruppe „Temporäre medizinische Einrichtungen“, erarbeitet der neue FKT-Vizepräsident, Matthias Vahrson, aktuell Standards für Krisenkrankenhäuser wie die Corona-Klinik auf dem Gelände der Berliner Messe. In Anlehnung an die DIN 13080 „Gliederung des Krankenhauses in Funktionsbereiche und Funktionsstellen“ werden in diesem Gremium standardisierte Bereiche definiert, Flächenansätze und Mustergrundrisse erarbeitet. Darauf aufbauend könnten solche Vorgaben bis hin zu Prototypen für die wichtigsten Bereiche auch in dauerhaft genutzten Gesundheitseinrichtungen entstehen.

Raffinesse mit Zweckmäßigkeit koppeln

Temporäre Bauten ist das Stichwort, bei dem der Geschäftsführer des Bundesverbands Bausysteme e.V., Günter Jösch, einhakt. Übergangslösungen sind ein bedeutsames Einsatzgebiet der Raumsystem-Hersteller: Teilbereiche einer Klinik werden zum Beispiel in sogenannten Containern untergebracht, während anderswo konventionell neue Gebäudetrakte errichtet werden. Der Begriff Container beschreibt dabei nur unzureichend, um was es sich tatsächlich handelt: In einzelne Raumsysteme zurückbaubare funktionale und durchaus ansehnliche Systemgebäude. Ihr wichtigstes Alleinstellungsmerkmal besteht bis jetzt darin, dass sie schnell auf- und wieder abgebaut sowie von A nach B transportiert werden können.

„Ergänzend zu Interimslösungen bieten viele Modulhersteller Gebäude aus Stahl, Holz oder Beton, die ebenfalls industriell vorgefertigt und auf der Baustelle lediglich zusammengefügt, mit einer Außenfassade versehen und mit den Medienanschlüssen verbunden werden“, erzählt Jösch. Diese Modulgebäude für die dauerhafte Nutzung seien in Qualität, Nutzungsdauer und Ausstattung vergleichbar mit konventionellen Bauwerken. Schon im Unterschied bei der Errichtung würden die Vorteile klar hervorgehen, urteilt der Bauexperte. Die Planung muss danach komplett abgeschlossen sein, bevor mit der Produktion der Module begonnen wird. Eine permanente Kontrolle sichere die gewünschte Qualität. „Zeitgleich werden vor Ort die Zuwegungen, Medienanschlüsse usw. hergestellt, sodass mit der Anlieferung und dem Zusammenfügen der einzelnen Module vor Ort die kurze Bauzeit eher als Ereignis zu sehen ist“, sagt Jösch.

Die Zukunft sieht er in hybriden Gebäuden. „Modular gebaute lassen sich wunderbar mit konventionell errichteten Komplexen kombinieren und so Raffinesse und Individualität mit Zweckmäßigkeit koppeln. Jeder sollte dabei das machen, was er am besten kann, und seine Grenzen kennen – Modulbauer ebenso wie konventionelle Baufirmen. Die Kosten konventioneller und in Modulbauweise errichteter Gebäude seien alles in allem identisch“, resümiert der Geschäftsführer des Systembauerverbandes. Die eigentlich höheren Kosten der Modulbauweise, die Vahrson als Nachteil ins Feld führte, mache der frühere Kapitalrückfluss durch die schnellere Fertigstellung wieder wett, argumentiert Jösch.

Prototypen im Fluss

Prototypen für zukünftige Krankenhäuser, sollte es sie tatsächlich geben, dürfen aber nicht in Stein gemeißelt sein. Anforderungen ändern sich, die im Krankenhaus eingesetzte Technik entwickelt sich rasant. Planer von Gesundheitseinrichtungen werden sich künftig beispielsweise mit den Erkenntnissen aus der Corona-Pandemie auseinandersetzen müssen. Um Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können, müssen Wartebereiche, Cafeterien und andere Gemeinschaftsräume möglicherweise dauerhaft großzügiger bemessen werden. Dafür sinkt im Zeitalter von Telemedizin und Homeoffice der Bedarf an Untersuchungsräumen und Büroflächen.

Auch das vieldiskutierte Einzelzimmer für alle wird nochmal auf den Tisch kommen. Der Einsatz von Pflege-, Transport- oder Putz-Robotern wird die Logistikflächenplanung verändern und Türen im Gesundheitswesen weitgehend automatisieren. Dazu gilt es, den Weg des Patienten durch das Krankenhaus so kurz wie möglich zu halten. Die Lösung besteht also in Prototypen, die laufend hinterfragt und weiterentwickelt werden – im großen Stil. Sie sollten Raum bieten für Individualität, entscheidende Details aber vorgeben.

Erschienen in kma 12/20  Jetzt kaufen!

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