kma im Interview

Wie Healing Architecture im Krankenhaus Ärzte unterstützen kann

Wie die Architektur eines Krankenhauses die Genesung von Patienten unterstützen kann, beschäftigt auch deutsche Klinikplaner zunehmend. Im Interview erklärt die Münchner Architektin Prof. Christine Nickl-Weller, was genau hinter dem Konzept der Healing Architecture steckt.

Prof. Christine Nickl-Weller

Partner Architekten AG

Prof. Christine Nickl-Weller ist Expertin für das Thema Healing ­Architecture. Nach ihrem Architekturstudium an der TU München und einigen Jahren im Staatsdienst trat sie 1989 in die Architektengemeinschaft Nickl & Partner in München ein und übernahm 2008 den Vorstandsvorsitz der AG mit Standorten in München, Berlin, Frankfurt, Zürich, Peking und Jakarta. Von 2004 bis Ende 2017 hatte sie an der TU Berlin den Lehrstuhl inne für das „Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens“.

Frau Prof. Nickl-Weller, kann ein Gebäude Menschen heilen?

Ich würde es lieber so formulieren: Die Gebäudeplanung kann dazu beitragen, dass Menschen leichter genesen und besser versorgt werden.

Wie erreichen Sie das?

Die Möglichkeiten in der Architektur fangen an beim Städtebau – bei der Frage, wie sich ein Haus in der Stadt, an einem Standort positioniert –, gehen über die Konzeption von Grundrissen, Wegeverbindungen, Raumanordnungen bis hin zu Fassaden und Innenraumplanung und enden bei der Detailplanung. Genauso vielfältig sind die vorliegenden Erkenntnisse über einzelne Aspekte, wie Zugang zur Natur, Lichtverhältnisse im Bettenzimmer, Effizienz der Raumaufteilung, Raumklima etc. und deren Auswirkung auf Patient und Personal, zum Beispiel Schlafverhalten, Schmerzempfinden, Konzentrationsmöglichkeit. Wir haben es also mit einer hochkomplexen Situation zu tun.

Das klingt nach umfassenden Einflussmöglichkeiten für Sie?

Sie müssen bedenken, dass Architekten niemals frei entscheiden können, wie das Gebäude zum Schluss aussehen soll. Die Planung ist abhängig von finanziellen Zwängen, Bauordnungen, Nutzerpräferenzen, standortabhängigen Faktoren und vielem mehr. Daher kann immer nur in einem sehr intensiven gemeinsamen Dialog zwischen Betreibern, Personal und Architekten die jeweils optimale Lösung für ein spezifisches Haus gefunden werden. Die Ausgangsfrage muss immer lauten: Wie nimmt der Mensch – der Patient, der Arzt oder Pfleger – das Gebäude wahr und wie beeinflusst es sein Verhalten? Wie kann die Architektur dazu beitragen, dass er sich wohlfühlt, sich orientieren kann, seine Arbeit effizient und gefahrlos verrichten kann?

Geben Sie uns bitte ein Beispiel.

Ich bin sehr gespannt auf die Fertigstellung des Kantonsspitals Baden, das wir derzeit in der Schweiz bauen. Dort konnten wir einige der Leitgedanken einfließen lassen. Alle Bettenzimmer sind in die grüne Umgebung orientiert. Wir haben größtes Gewicht auf die Tageslichtplanung und die Anbindung zum Beispiel der Personalräume an begrünte Freiräume gelegt. Auch das Thema Stressbewältigung hat uns bei dem Entwurf beschäftigt. Patienten und Angehörige werden über einen begrünten Innenhof in einer entspannten, heiteren Atmosphäre empfangen, bevor sie zur Anmeldung weitergeleitet werden. Schwellenängste beim Betreten des Hauses können so abgebaut werden. Viele unserer Erfahrungen und Erkenntnisse beruhen aber bereits auf dem Krankenhaus Agatharied im bayerischen Landkreis Miesbach, welches wir 1998 geplant haben. Bis heute bekommen wir positives Feedback, hinsichtlich der Aufenthaltsqualität der Patientenbereiche.

Der Blick auf freie Natur zählt zu den wesentlichen Merkmalen der Healing Architecture. Was steckt dahinter?

Einer der ersten Umweltpsychologen, die sich mit evidenz-basierter Architektur auseinandergesetzt haben, war Roger S. Ulrich. Er veröffentlichte 1984 seine Studie „View Through a Window May Influence Recovery from Surgery“ und wies nach, dass die Belegung eines Zimmers mit Fensteraussicht und Blick in die Natur den Heilungsprozess positiv beeinflusst. Er verglich dazu mehrere Patienten nach einer Gallenblasen-OP, wovon die eine Gruppe in ihrem Zimmer Blick auf Natur, die andere Blick auf eine Steinmauer hatte. Das Ergebnis der Vergleichsstudie zeigte, dass die Patienten mit Naturaussicht weniger negatives Feedback gegenüber dem Pflegepersonal gaben, eine geringere Menge Schmerzmittel benötigten, weniger post-operative Komplikationen und eine insgesamt verringerte Verweildauer hatten. Die Naturaussicht half also, Stress zu verringern, und führte schließlich zu einem kürzeren Krankenhausaufenthalt. Seither konnte der begünstigende Effekt des Ausblicks in die Natur in weiteren Studien belegt werden.

Schließen sich die High-Tech-Ausrüstung eines Krankenhauses in Kombination mit dem Wunsch nach höchster Effizienz einerseits und eine angenehme, wohnliche Umgebung andererseits nicht aus?

Nicht unbedingt, immerhin reduzieren sich die hoch-technisierten Bereiche im Krankenhaus ja auf einen relativ kleinen Anteil. Und selbst dort, zum Beispiel im ICU-Bereich, gibt es Bemühungen, Medizintechnik soweit in die Raumausstattung zu integrieren, dass es für den Patienten weniger bedrohlich wirkt. Sie müssen auch bedenken, dass in Krisensituationen, wenn zum Beispiel eine Operation bevorsteht, eine hochtechnisierte und steril wirkende Raumausstattung durchaus einen beruhigenden Effekt haben kann. Sie vermittelt den Eindruck, hier wird hygienisch und professionell gearbeitet. Daher gilt es, für jede Behandlungs-, Genesungs- oder Arbeitssituation die passende Raumlösung zu finden.

Ohne Frage stehen die Patienten für ­Kliniken im Zentrum. Welche Rolle spielt das Personal in Ihrem Konzept?

Eine mindestens so große wie die Patienten. Ein Patient wird nur wenige Tage im Krankenhaus verbringen. Das Klinikpersonal jedoch hält sich dort Tag für Tag, Jahr für Jahr auf, und von Motivation, Effizienz und Leistungsfähigkeit des Personals hängt schließlich die Qualität der Versorgung entscheidend ab. Im Krankenhausbau kann also gar nicht genug auf das Wohl des Personals Rücksicht genommen werden. Wichtige Aspekte sind hier, ruhige und gut belichtete Arbeitsplätze zu schaffen, um Konzentration zu ermöglichen, effiziente Raumbeziehungen, um lange Wege zu vermeiden, sowie Zugang zu Außenraum und Natur, damit die Mitarbeiter auch kurze Pausen zur Erholung nutzen können.

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