
Frau Prof. Nickl-Weller, kann ein Gebäude Menschen heilen?
Ich würde es lieber so formulieren: Die Gebäudeplanung kann dazu beitragen, dass Menschen leichter genesen und besser versorgt werden.
Wie erreichen Sie das?
Die Möglichkeiten in der Architektur fangen an beim Städtebau – bei der Frage, wie sich ein Haus in der Stadt, an einem Standort positioniert –, gehen über die Konzeption von Grundrissen, Wegeverbindungen, Raumanordnungen bis hin zu Fassaden und Innenraumplanung und enden bei der Detailplanung. Genauso vielfältig sind die vorliegenden Erkenntnisse über einzelne Aspekte, wie Zugang zur Natur, Lichtverhältnisse im Bettenzimmer, Effizienz der Raumaufteilung, Raumklima etc. und deren Auswirkung auf Patient und Personal, zum Beispiel Schlafverhalten, Schmerzempfinden, Konzentrationsmöglichkeit. Wir haben es also mit einer hochkomplexen Situation zu tun.
Das klingt nach umfassenden Einflussmöglichkeiten für Sie?
Sie müssen bedenken, dass Architekten niemals frei entscheiden können, wie das Gebäude zum Schluss aussehen soll. Die Planung ist abhängig von finanziellen Zwängen, Bauordnungen, Nutzerpräferenzen, standortabhängigen Faktoren und vielem mehr. Daher kann immer nur in einem sehr intensiven gemeinsamen Dialog zwischen Betreibern, Personal und Architekten die jeweils optimale Lösung für ein spezifisches Haus gefunden werden. Die Ausgangsfrage muss immer lauten: Wie nimmt der Mensch – der Patient, der Arzt oder Pfleger – das Gebäude wahr und wie beeinflusst es sein Verhalten? Wie kann die Architektur dazu beitragen, dass er sich wohlfühlt, sich orientieren kann, seine Arbeit effizient und gefahrlos verrichten kann?
Geben Sie uns bitte ein Beispiel.
Ich bin sehr gespannt auf die Fertigstellung des Kantonsspitals Baden, das wir derzeit in der Schweiz bauen. Dort konnten wir einige der Leitgedanken einfließen lassen. Alle Bettenzimmer sind in die grüne Umgebung orientiert. Wir haben größtes Gewicht auf die Tageslichtplanung und die Anbindung zum Beispiel der Personalräume an begrünte Freiräume gelegt. Auch das Thema Stressbewältigung hat uns bei dem Entwurf beschäftigt. Patienten und Angehörige werden über einen begrünten Innenhof in einer entspannten, heiteren Atmosphäre empfangen, bevor sie zur Anmeldung weitergeleitet werden. Schwellenängste beim Betreten des Hauses können so abgebaut werden. Viele unserer Erfahrungen und Erkenntnisse beruhen aber bereits auf dem Krankenhaus Agatharied im bayerischen Landkreis Miesbach, welches wir 1998 geplant haben. Bis heute bekommen wir positives Feedback, hinsichtlich der Aufenthaltsqualität der Patientenbereiche.
Der Blick auf freie Natur zählt zu den wesentlichen Merkmalen der Healing Architecture. Was steckt dahinter?
Einer der ersten Umweltpsychologen, die sich mit evidenz-basierter Architektur auseinandergesetzt haben, war Roger S. Ulrich. Er veröffentlichte 1984 seine Studie „View Through a Window May Influence Recovery from Surgery“ und wies nach, dass die Belegung eines Zimmers mit Fensteraussicht und Blick in die Natur den Heilungsprozess positiv beeinflusst. Er verglich dazu mehrere Patienten nach einer Gallenblasen-OP, wovon die eine Gruppe in ihrem Zimmer Blick auf Natur, die andere Blick auf eine Steinmauer hatte. Das Ergebnis der Vergleichsstudie zeigte, dass die Patienten mit Naturaussicht weniger negatives Feedback gegenüber dem Pflegepersonal gaben, eine geringere Menge Schmerzmittel benötigten, weniger post-operative Komplikationen und eine insgesamt verringerte Verweildauer hatten. Die Naturaussicht half also, Stress zu verringern, und führte schließlich zu einem kürzeren Krankenhausaufenthalt. Seither konnte der begünstigende Effekt des Ausblicks in die Natur in weiteren Studien belegt werden.
Schließen sich die High-Tech-Ausrüstung eines Krankenhauses in Kombination mit dem Wunsch nach höchster Effizienz einerseits und eine angenehme, wohnliche Umgebung andererseits nicht aus?
Nicht unbedingt, immerhin reduzieren sich die hoch-technisierten Bereiche im Krankenhaus ja auf einen relativ kleinen Anteil. Und selbst dort, zum Beispiel im ICU-Bereich, gibt es Bemühungen, Medizintechnik soweit in die Raumausstattung zu integrieren, dass es für den Patienten weniger bedrohlich wirkt. Sie müssen auch bedenken, dass in Krisensituationen, wenn zum Beispiel eine Operation bevorsteht, eine hochtechnisierte und steril wirkende Raumausstattung durchaus einen beruhigenden Effekt haben kann. Sie vermittelt den Eindruck, hier wird hygienisch und professionell gearbeitet. Daher gilt es, für jede Behandlungs-, Genesungs- oder Arbeitssituation die passende Raumlösung zu finden.
Ohne Frage stehen die Patienten für Kliniken im Zentrum. Welche Rolle spielt das Personal in Ihrem Konzept?
Eine mindestens so große wie die Patienten. Ein Patient wird nur wenige Tage im Krankenhaus verbringen. Das Klinikpersonal jedoch hält sich dort Tag für Tag, Jahr für Jahr auf, und von Motivation, Effizienz und Leistungsfähigkeit des Personals hängt schließlich die Qualität der Versorgung entscheidend ab. Im Krankenhausbau kann also gar nicht genug auf das Wohl des Personals Rücksicht genommen werden. Wichtige Aspekte sind hier, ruhige und gut belichtete Arbeitsplätze zu schaffen, um Konzentration zu ermöglichen, effiziente Raumbeziehungen, um lange Wege zu vermeiden, sowie Zugang zu Außenraum und Natur, damit die Mitarbeiter auch kurze Pausen zur Erholung nutzen können.
Wie offen sind die Klinikbetreiber dafür?
Meinen Sie in der Theorie oder in der Praxis? Aber mal im Ernst, ich bin überzeugt, dass sich jeder Betreiber für sein Personal und seine Patienten die beste räumliche Lösung wünscht. Doch in der praktischen Umsetzung führen dann diverse Zwänge oft zu der zweitbesten Lösung. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass durchgängig Einbettzimmer geplant werden sollten, da so Infektionsrisiken vermieden werden können, Schlafverhalten verbessert wird, Genesungsprozesse somit schneller verlaufen und so unterm Strich auch finanziell ein besseres Versorgungsergebnis erzielt wird, so leuchtet das in der Theorie zwar ein. Die notwendige Mehrinvestition in eine größere Bausumme wird aber dennoch nicht gerne geleistet oder kann nicht geleistet werden.
Wie geht es weiter? Bleibt Healing Architecture ein Nischenbereich?
Wir brauchen mehr Forschung in dem Bereich. Je besser wir Erkenntnisse über Wechselwirkung zwischen Raum und Gesundheit mit Daten und Zahlen untermauern können, desto mehr Gewicht bekommen sie in der Auseinandersetzung mit Bauherren und Behörden.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Mit unserem Büro planen und realisieren wir derzeit mehrere große Projekte in Deutschland, Europa und Asien. Am schon erwähnten Kantonsspital in Baden (CH) haben wir vor einigen Monaten den Spatenstich gefeiert. In Hamburg planen wir derzeit auf dem UKE-Campus das neue Herzzentrum und am Uniklinikum München die Haunersche Kinderklinik. In China entsteht das Shenzhen Nr.2 Children’s Hospital, ein Haus mit tausend Betten, also etwas anderen Dimensionen als denen, die wir in Deutschland gewohnt sind. Und wir entwickeln in Indonesien in Kooperation mit privaten Investoren ein neues Konzept für modulare Krankenhäuser der Minimalversorgung. Das ist ein Projekt, von dem ich mir viel Input für die Zukunft verspreche. Da ich mich auch weiter in Forschung und Lehre im Bereich Architektur im Gesundheitswesen engagieren möchte, habe ich das European Network Architecture for Health, kurz ENAH, gegründet. Derzeit bereiten wir eine Summer School an der TU Berlin vor und planen das 8. Symposium in der Reihe Health Care der Zukunft. Es findet am 6. März 2020 in Berlin statt und bringt Architekten, Mediziner und Entscheider im Gesundheitswesen an einen Tisch.
Wie sieht Ihr Krankenhaus der Zukunft aus?
Das Krankenhaus der Zukunft ist modular und flexibel, patienten- und mitarbeiterfreundlich und digital vernetzt. Nicht alle dieser Kriterien können von der Architektur beeinflusst werden, doch als Architekt sollte man sich ihrer stets bewusst sein.





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