Aarhus: Erfolgreich mit App-basiertem Task Management
Zusätzlich verwendet Aarhus eine App-Lösung für Handheld-Geräte, die es erlaubt, Bedarfsspitzen besser zu bewältigen: „Wann immer Personal frei ist, kann es eine Aufgabe buchen und seine Zeit effizienter nutzen“, erklärt der DAICY-Experte: „Klinikmitarbeiter, die Patienten transportieren, müssen nicht mehr zum Telefon greifen und können sich ganz auf die Patienten konzentrieren - gute Voraussetzungen für eine bessere Planung, Priorisierung und insgesamt weniger Stress.“
Auch das Krankenhaus in Apenrade setzt mit fahrerlosen Transportfahrzeugen (Automated Guided Vehicles, AGV) auf logistische Innovation: Kleine Roboter fahren Utensilien und Ressourcen durch das Krankenhaus und liefern zeitnah aus, was vor Ort benötigt wird. Im Rigshospitalet in Kopenhagen sind High-End-Operationssäle für die Gehirnchirurgie eingeführt worden, in denen Patienten während der OPs bei freiliegendem Gehirn gescannt werden können: „So lässt sich sicherstellen, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist, bevor der Schädel wieder geschlossen wird.“
Digitale Patientenwege beginnen bereits im Krankenwagen
Überhaupt: Technologie leistet an den dänischen Krankenhäusern bereits ein Vielfaches mehr von dem, was in Deutschland gängige Praxis ist und unterstützt sowohl den Patientenweg als auch die Effizienz im Krankenhaus: „Wir haben in allen fünf Regionen einen digitalen Patientenweg eingeführt, der direkt am Point of Care beginnt, mitunter also bereits im Krankenwagen“, so Holgersen stolz: „Diagnose und Messungen werden unterwegs direkt digital gespeichert. Es gibt einen nahtlosen Austausch zwischen unserem Ambulanzsystem und den Krankenhäusern.“
Gab es auch Hürden auf dem Weg? Die Schließung der lokalen Krankenhäuser war Holgersen zufolge in der dänischen Bevölkerung anfänglich wenig populär: „Die Bürger empfanden es als sicherer, lokale Versorger zu haben. Deshalb haben wir die staatliche Finanzierung vom regionalen Engagement für die strukturelle Reform abhängig gemacht.“ Eine schlaue Idee der dänischen Regierung, denn so wurde in der praktischen Ausführung aus der Top-Down-Reform schließlich doch ein Bottom-Up-Ansatz: „Um Geld zu bekommen, mussten die fünf Regionen für die Krankenhäuser, die sie bauen wollten, Bewerbungen einreichen und sich dahingehend selbstverpflichten, bestehende Häuser der Region zu schließen“, berichtet Holgersen über das Framework.
Der zweite Meilenstein: Finanzen im Blick
Mit der Budgetverwaltung wartete beim Super-Krankenhaus-Programm gleich die nächste Herausforderung auf ihre Bewältigung: Wie bei allen klinischen Großprojekten bestand auch hier die Gefahr, das Budget mit der Zeit zu überschreiten. Die Lösung der Dänen: „Wir legen für jedes Projekt Budgets fest, die wir quartalsweise überprüfen. Eine wichtige Entscheidung, wie sich gezeigt hat“, zieht Holgersen Bilanz. Das Expertengremium habe sich dabei an vergleichbaren Auslandsprojekten orientiert und den durchschnittlichen Preis pro Krankenhausquadratmeter berücksichtigt, der bei knapp 5000 Euro pro Quadratmeter Krankenhaus liegt.
Verantwortlich für die Budgeteinhaltung seien dabei jeweils die Regionen. Ein Mix aus kontinuierlicher Priorisierung und Innovation mache den bisherigen Erfolg des Super-Krankenhaus-Programms aus, findet man im Ministerium: „Auch in ökonomischer Hinsicht. Die Erreichung der Effizienzziele ist Bedingung für die Projektbewilligung.“
Fester Bestandteil für die Effizienzsteierung an den dänischen Kliniken ist die anvisierte Abnahme der Bettentage, realisiert durch eine Reduzierung der Wiedereinweisungen und die Zunahme ambulanter Behandlungen: „Dadurch, dass wir jetzt schneller diagnostizieren und schon beim ersten Patientenkontakt die richtige Behandlung identifizieren, ergibt sich eine positive Kreislauf-Dynamik, die den gesamten Prozess beschleunigt“, erklärt Holgersen. In Folge würden personelle Ressourcen frei und Betten flexibel nutzbar. Einzelzimmer seien schon längst Standard in dem neuen Konzept.
Was Deutschland vom dänischen Ansatz lernen kann
Ist das dänische Konzept auch für Deutschland tragfähig? DAICY-Experte Holgersen meint: „Nur bedingt. Dänemark ist im Vergleich zu Deutschland, nicht zuletzt auf Grund seiner überschaubaren Größe, auf staatlicher Ebene ziemlich zentralisiert – sei es bei der Gesetzgebung, der nationalen Gesundheitspolitik einschließlich des wirtschaftlichen Rahmens bis hin zu den Zielen des Gesundheitswesens.“
Obgleich dem Experten zufolge ein solcher Top-Down-Ansatz hierzulande wenig umsetzbar erscheint, könnten die Bündelung der Ambulanzen und die nationale Planung medizinischer Fachgebiete in den Regionen durchaus zum Leitbild für Deutschland werden. Wie die Dänen bislang eindrucksvoll zeigen, sind bessere Krankenhäuser mit weniger Betten kein Widerspruch, wenn den Baumaßnahmen ein durchdachter Expertenkonsens zu Grunde liegt.
Auch in puncto Technologie könnte sich Deutschland vielerorts eine Scheibe abschneiden: Statt auf weiße Tafeln setzt man in den dänischen Kliniken einheitlich auf elektronische Anmeldetafeln, um die Patientenströme zu verwalten. So wissen die Kliniker sofort, welche Patienten sich wo befinden und welche Fälle besonders kritisch sind.
Außerhalb der Klinikwände ist Deutschlands Nachbar ebenfalls bestrebt das eigene Gesundheitssystem besser zu machen, vor allem in der Interaktion zwischen Krankenhäusern, Primärsektor und Gemeinden. Für die neuen Häuser gilt: Die Patienten sollen möglichst gar nicht erst eingewiesen werden oder nach der Einweisung so schnell wie möglich wieder nach Hause gehen. Wo Patienten früher wochenlang verweilten, gehen sie heute direkt nach Hause und erhalten Nachsorge durch eine häusliche Krankenschwester, welche die im Krankenhaus begonnene Behandlung nahtlos fortführt. „Das erfordert Fortschritte bei der digitalen Infrastruktur, um Informationen zwischen den Sektoren zu teilen“, stellt Holgersen klar.
Vollständig vernetzt
Und das ist den Dänen bis dato par excellence gelungen. Ob Medikation oder Laborergebnisse – das dänische Gesundheitssystem ist vollständig digitalisiert und vernetzt. Deutschland als noch verhalten digitalisierte Gesellschaft tut sich, abseits von elektronischen Gesundheitsakten, hier noch schwer, würde aber nachhaltig von einer Digitalisierung auf allen Ebenen profitieren.
Auch der dänische Zugriff auf medizinisches Fachwissen über telemedizinische Services hat Vorbildfunktion, denn er läuft in ausgewählten Bereichen wie z.B. bei diabetischen Fußgeschwüren, anders als hierzulande, zentralisiert ab. Das wiederum reduziert den Zeitaufwand für Wege und Transporte: Ärzte können sich auf Patienten konzentrieren, die eine spezielle Behandlung benötigen und Patienten sind grundsätzlich zufriedener, weil sie ihre Zeit für andere Dinge nutzen können.
„Das neue Krankenhaus ist wie ein Leuchtturm“
Da wundert es nicht, dass Martin Nyrop Holgersen von einem Paradigmenwechsel im Krankenhaussystem spricht: „Das herkömmliche Krankenhaus war einer Kathedrale gleich, der zentrale Ort für die Versorgung: Es gab universelle Lösungen für alle und man war nur in ihrem Inneren sicher.“ Die modernen dänischen Krankenhäuser seien dagegen wie Leuchttürme, betont er und plädiert: „Wir müssen die Rolle der Krankenhäuser neu denken: Leuchttürme leiten Patienten und geben ihnen auch auf Distanz ein Gefühl der Sicherheit.“ Zwar gehe der Wandel zur Verbesserung von Qualität und Effizienz zu einem gewissen Grad auf Kosten der Nähe.
Die digitale Transformation mache den Zugang zur Versorgung jedoch weitgehend unabhängig von Mobilität und der Nähe zu einem Krankenhaus: „In Dänemark kann man heute zuhause sein und trotzdem von hochspezialisierten Ärzten im eigenen Wohnzimmer gesehen werden. Die Nutzung der digitalen Infrastrukturen fördert diese Kohärenz. Dafür braucht es gemeinsame Standards und Plattformen, die alle zusammenarbeiten.“





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