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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogSchluss mit der deutschen Arroganz im Krankenhauswesen!

Die deutsche Kultur des Jammerns, Beklagens, ewig Ausdiskutierens muss endlich enden. Meistens ist jemand anderes Schuld, wenn etwas nicht klappt. Eine außergewöhnliche Geschichte von einem, der dabei nicht mitmachen wollte.

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Haben Sie schon einmal von den Waldkliniken Eisenberg gehört? Ich bis letzte Woche nicht. Bis zum 27. März 2022 kann die Klinik-Dokumentation „Vier Sterne Plus“ noch auf der Kino-Tour in ausgewählten deutschen Kinos angeschaut werden. Ab 14. April 2022 kommt der Film offiziell in die Kinos. Die Doku legt eindrücklich dar, wie man eine Klinik der Regelversorgung in einer eher strukturschwachen Region mit visionärem Weitblick in die Zukunft führen kann. Krankenhausmanagement auf Thies‘ Art. Ein zweifellos außergewöhnlicher Protagonist wartet nicht bis die Reformen aus der trägen Selbstverwaltung endlich das Leben deutscher Klinikmanager wieder leichter machen.

Er machte sich auf den Weg nach Kalifornien, in die Niederlande und sonst wohin, wo man die besten Beispiele modernen Krankenhausmanagements bewundern konnte. Seit Jahren pilgern Heerscharen von Führungskräften des Gesundheitswesens nach Dänemark, Estland, Schweden, um dann weitestgehend weiter an den bestehenden verkorksten Strukturen im Klein-Klein herumzudoktern, ohne nennenswerte Ergebnisse. Fünfzehn Jahre Erkenntnisgewinn und noch immer keine integrierte Versorgung, keine funktionsfähige ePA, keine zielführenden Vergütungen ohne Negativanreize.

Bei David-Ruben Thies in Thüringen sieht das anders aus. Er hat sich die besten Konzepte zu eigen gemacht und zahlreiche Instrumente in seiner Strategie implementiert. Aus seinem Neubau der Waldkliniken hat er das einzige deutsche Klinikum mit vier Hotelsternen gemacht. Die Heilung soll im Mittelpunkt stehen, mit dem Wohlfühlkomfort, den Patientinnen und Patienten sich im Genesungsprozess wünschen. Deutlich bessere Pflegepersonalschlüssel inklusive.

Zusammen mit Vera Starker und Mona Frommelt hat Thies die Erkenntnisse aus 14 Jahren erfolgreichem Klinikmanagement zusammengefasst. Mit „New Work in der Medizin“ beschreiben sie nicht nur theoretische Ansätze, die ein zukunftsfähiges Klinikmanagement von morgen braucht, sondern auch jede Menge anwendungsorientierte Maßnahmen, die in der Unternehmens- und Führungskultur nachhaltig verankert werden müssen. Die drei maßgeblich hemmenden Hierarchien schauen wir uns kurz an.

Die Hierarchie der Regulierung

Als erstes steht die Profitorientierung und die Bürokratie im Raum. Dabei wird der Profit nicht als solches kritisiert, sondern der wirtschaftliche Druck, dem Kliniken mehr oder weniger durch das fehlgeleitete Vergütungssystem ausgeliefert sind. Es erzeugt keine Anreize zur Patienten- oder Mitarbeiterorientierung. Im Gegenteil stehen Erlössteigerung und Kostensenkung im Mittelpunkt. Hinzu kommt die todesumständliche Bürokratisierung, die den Kliniken die Luft zum Atmen und zur Weiterentwicklung nimmt. Auf das Problem der Überregulierung im Gesundheitswesen wurde im kma Entscheider Blog schon häufiger hingewiesen.

Es muss mehr Offenheit für neue Versorgungsmodelle geben, die auch in der Regelversorgung ankommen und den Versorgungsbedürfnissen der sehr unterschiedlichen Regionen in Deutschland gerecht werden. Für eine integrierte Versorgung kann es nur eine Leistungsplanung von ambulant und stationär aus einer Hand geben. Man wird dieses Planungsinstrument den KVen wegnehmen müssen. Sonst erreichen wir dieses Ziel niemals. Das hemmt zudem auch die Fortschritte der digitalen Transformation, die in besonderer Weise durch die Sektorentrennung ausgebremst wird.

Die Hierarchie der Berufsgruppen

Die zweite Hierarchie ist die Segmentierung der Berufe, die in Deutschland eher zu einem konkurrierenden oder hierarchischen Denken führt, statt zu einer interprofessionellen Kollaboration. Schließlich sollten der optimale Outcome bzw. die bestmögliche Therapie im Mittelpunkt stehen. Unabhängig davon, wer in der Hackordnung mehr zu sagen hat oder die meisten Abschlüsse vorweisen kann. In vielen anderen europäischen Ländern erfolgen Therapieentscheidung und -Begleitung im interprofessionellen Dialog. Im Jahr 2019 besuchten wir mit der B. Braun-Stiftung das Södersjukhuset, Stockholms größtes Krankenhaus. In beeindruckender Weise wurde uns die Zusammenarbeit im Klinikbetrieb geschildert, bis hin zur Nutzung von Design Thinking für eine Patienten-zentrierte Prozessgestaltung. Diese Beispiele kopiert auch Thies in den Waldkliniken.

Dabei muss man auch mal ein Kostenrisiko wagen, wenn die Pflegepersonalschlüssel zugunsten eines üppigeren Personalumfangs neugestaltet werden. Die höhere Qualität, höhere Patientenzufriedenheit, geringere Fehlerquoten usw. sind die Ergebnisse mittel- und langfristiger strategischer Entscheidungen.

Die Hierarchien in den Führungsebenen

Drittens spielt auch die bestehende Führungskultur eine wichtige Rolle. Die preußisch-militärische Hierarchie von Organisationen zieht sich von Industrieunternehmen bis in den öffentlichen Sektor durch. Im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft mit all ihren intergenerativen Veränderungen, funktionieren klassische Hierarchien jedoch nicht mehr. Was in der Industrie schon mehr oder weniger erfolgreich in schlanke und agile Organisationsformen umgebaut wurde, sucht man in klassischen Gesundheitseinrichtungen noch weitestgehend.

Mit der Feminisierung des Arztberufs und einer besseren Durchlässigkeit von Frauen in Führungsjobs verändern sich auch die Führungsebenen zunehmend. Das bedeutet im Zweifel auch Abschied vom Einzelbüro mit Sekretariat. Stattdessen arbeiten auch Oberärztinnen und Oberärzte heute im Großraumbüro. Offene Kommunikation und kurze Entscheidungswege sind gefragt. Das hat jedoch selbst Thies noch nicht geschafft im ärztlichen Dienst umzusetzen. Kliniken sollten sich jedoch schon heute mit Shared Leadership-Modellen und agiler Zusammenarbeit beschäftigen. Die Nachfrage nach guten Mitarbeitenden-zentrierten Organisationsformen wird rasant zunehmen. In einem Arbeitnehmendenmarkt sollte man nicht zu lange an traditionellen Mustern festhalten!

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