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IntensivstationenStrategische Patientenverlegung über das Kleeblattkonzept

Um Kliniken in stark von der Corona-Pandemie betroffenen Regionen zu helfen ihre Intensivstationen zu entlasten, können Patienten bundesweit verlegt werden. Dafür gibt es das neue Kleeblattkonzept. Nach den ersten Erfahrungen sehen sich die Planer bestätigt. 

Kleeblattkonzept
UKSH/Institut für Rettungs- und Notfallmedizin

Für die strategische Patientenverlegung wurde Deutschland in fünf Kleeblatt-Regionen eingeteilt.

Vorbereitung, das ist sein Ding. Er sei ein „totaler Fan“ davon, sagt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, um dann recht überzeugend hinzuzufügen: „Wir sind gut vorbereitet.“ Wenn er das sagt, meint der Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) das Kleeblattkonzept, das überlastete Intensivstationen in deutschen Kliniken vor dem Kollaps bewahren soll. Wie es funktioniert, hat Gräsner in letzter Zeit oft erklärt, denn er hat es mitentwickelt. Der Notfallmediziner ist eines von zwölf Mitgliedern der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (kurz: COVRIIN), die das Robert Koch-Institut (RKI) berät. Das Fachwissen ist gefragt, weil es darum geht, größere Gruppen von Intensivpatienten strategisch und länderübergreifend so zu verlegen, dass selbst bei lokalen Engpässen eines niemals passiert – dass Kliniken Patienten priorisieren müssen.

Die Struktur, die das möglich machen soll, ist seit April 2020 geplant. Bund und Länder haben sie zusammen mit Behörden, Ministerien, dem RKI und den Medizinern erarbeitet und Deutschland dazu in fünf Regionen aufgeteilt: Süd, Südwest, West, Nord und Ost – seitdem liebe- und gleichzeitig hoffnungsvoll die fünf Kleeblätter genannt. Jedes hat eine eigene zentrale Koordinierungsstelle – den Single Point of Contact (SPoC), der rund um die Uhr erreichbar ist. Das Kleeblatt Ost etwa umfasst die Länder Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, zum Kleeblatt Südwest gehören Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland.

Stößt eine Klinik an ihre Grenzen, sucht sie zunächst wie üblich Hilfe bei Häusern in ihrer Umgebung und im Bundesland. Reicht das nicht aus, werden Patienten in weiter entfernte Häuser innerhalb eines Kleeblatts verlegt, und wenn auch das keine Lösung bringt, greift der Plan, den Jan-Thorsten Gräsner „gute Vorbereitung“ nennt: Dann werden die Kleeblatt-SPoC aktiviert, um Patienten über die Kleeblatt-Grenzen hinweg zu verlegen. In dem Fall schließen sich die SPoC mit dem Gemeinsamen Melde- und Lagezentrum des Bundes (GMLZ) und der COVRIIN kurz und wählen nicht nur das richtige Krankenhaus, sondern auch das passende Transportmittel aus – je nach Patient individuell, betont Gräsner, entscheiden Mediziner und Logistiker zusammen. „Wir können, werden und wollen jeden Patienten behandeln“, ergänzt Professor Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI): „Aber dies ist in einigen Regionen Deutschlands nicht mehr in Wohnortnähe möglich.“

Zusammenspiel funktioniert

Bislang scheint sich dieses Konzept zu bewähren. Als mit dem Kleeblatt Ost Ende Dezember 2020 erstmals die Kleeblatt-Strukturen aktiviert wurden, funktionierte das Zusammenspiel, betont Prof. Dr. Steffen Weber-Carstens, Oberarzt und erweiterte Klinikleitung der Berliner Charité: „Wir sind im Kleeblatt im sehr guten Austausch und können recht kurzfristig auf lokale Belastungssituationen reagieren.“ Innerhalb kurzer Zeit seien aus Sachsen Intensivpatienten in andere Bundesländer verlegt worden – nach Thüringen und Sachsen-Anhalt, also innerhalb des Kleeblatts Ost, und auch nach Mecklenburg-Vorpommern, also ins Kleeblatt Nord.

Bis Mitte Januar zählte der zuständige SPoC insgesamt 41 Verlegungen in andere Kleeblätter. Innerhalb des Kleeblatts Ost gab es bis dahin mehr als 73 Verlegungen im Rahmen des Konzepts, teilte ein Sprecher des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt in Magdeburg auf Anfrage von kma mit. Dort ist der SPoC angesiedelt. Die Aufgabe nimmt der Leiter des Referats wahr, das unter anderem für das Rettungswesen zuständig ist. Er wird dabei von einem kleinen Stab aus seinem Referat unterstützt. Über die 41 Fälle hinaus seien innerhalb der fünf Länder rund 200 andere Verlegungen durchgeführt worden, allerdings ohne Beteiligung der Kleeblatt-Strukturen. Diese Größenordnung, so der Sprecher weiter, entspreche im Wesentlichen dem, was auch vor der Corona-Pandemie üblich war. Weitere kleeblattübergreifende Verlegungen habe es bundesweit bis dahin nicht gegeben.

Die nötigen Transporte seien durch die für die abgebende Klinik zuständige Rettungsdienstleitstelle zusammen mit der zentralen Leitstelle für das Land organisiert worden, hieß es weiter. Sie seien nach Möglichkeit mit den regulären Rettungsmitteln erfolgt, zu denen auch die Luftverlegung gehöre. „Es wurden aber auch Hilfsorganisationen oder private Krankentransportunternehmen eingesetzt“, erklärte der Sprecher.

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