Georg Thieme Verlag KG

TraumaNetzwerkWie viele Kriegsverletzte kann Deutschland aufnehmen, Prof. Friemert?

Deutsche Krankenhäuser behandeln jetzt zunehmend Kriegsverletzte aus der Ukraine. Wie sie verteilt werden und worauf sich die Kliniken einstellen müssen, erklärt Prof. Dr. Benedikt Friemert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), im Gespräch mit kma.

UKB Ankunft kriegsverletzte Kinder
F. Heyder/UKB

Das Universitätsklinikum Bonn (UKB) nahm am 11. April 2022 zwei kriegsverletzte Kinder aus der Ukraine auf.

Prof. Dr. Benedikt Friemert
B. Friemert

Prof. Dr. Benedikt Friemert ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

Ein Transportflugzeug der Bundeswehr brachte allein am 11. April elf verwundete und erkrankte Personen sowie drei Begleiter nach Deutschland. Dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zufolge wurden die Patienten auf Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen verteilt. Das Uniklinikum Bonn zum Beispiel nahm eine Mutter und ihre zwei Kinder mit komplexen Fuß- sowie inneren Bauchverletzungen auf. Unter anderem in Frankfurt (Oder), am Alexianer St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam sowie in hessischen Kliniken wurden ebenfalls Opfer von Granaten, Minen und Schussverletzungen behandelt.

Herr Prof. Friemert, wie gut sind die deutschen Krankenhäuser darauf vorbereitet, verstärkt Kriegsverletzte aus der Ukraine aufzunehmen?

Wir sind exzellent vorbereitet – vor allem weil wir seit 2008 ein flächendeckendes TraumaNetzwerk zur Versorgung von Schwerstverletzten haben. Diesem Zusammenschluss von 53 einzelnen Netzwerken sind heute bundesweit 650 Kliniken angeschlossen, gestuft nach lokalen, regionalen und überregionalen Zentren, zwischen denen auch Verlegungen möglich sind und regelmäßig praktiziert werden. Es ist klar definiert, was die Häuser können müssen, und das wird alle drei Jahre rezertifiziert. Weil wir uns zudem seit längerem verstärkt mit Terroranschlägen auseinandersetzen, kennen wir uns auch mit den Verletzungen aus. Die Wunden, die im Krieg entstehen, sind die gleichen. Das System steht, und wir können laufend Patienten aufnehmen.

Wie viele?

Wenn von den 650 Kliniken jede im Durchschnitt zehn Patienten aufnimmt, stehen 6500 Betten zur Verfügung. Das ist aus meiner Sicht gar kein Problem – es geht ja, wohlgemerkt, um normale Betten, und davon haben wir genug. Die Patienten stehen zwar vor einer langen, aufwändigen Behandlung, aber sie brauchen in der Regel kein Intensivbett.

Wie viele Kriegsverletzte aus der Ukraine wurden bereits aufgenommen?

Im Rahmen der Kleeblatt-Struktur der Bundesländer, die für die zentrale Verteilung der Patienten auf deutsche Krankenhäuser genutzt wird, haben wir bisher (Stand: 19. April) 138 Patienten diskutiert und verteilt. Das TraumaNetzwerk der DGU mit den einzelnen Bundesland-Sprechern ist in diese Kleeblatt-Strukturen eingebunden, und wir sind beratend tätig.

Wie viele der diskutierten Fälle sind Soldaten?

Das wissen wir nicht, und wir erheben das auch nicht. Für uns sind alle einfach Patienten.

Sie selbst helfen dabei, Verletzte vor dem Transport aus der Ukraine nach Deutschland einzuschätzen. Wie läuft das ab?

Wenn die Ukraine ein offizielles Hilfegesuch an die Bundesregierung stellt, geht das an die im Rahmen der Coronapandemie aufgebaute Kleeblatt-Struktur, in diesem Fall an das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern. Unser TraumaNetzwerk ist mit den Strukturen verknüpft, so dass wir Unfallchirurgen schon bei der Erstmeldung eingebunden sind. Wir bekommen von den ukrainischen Kollegen einen kurzen medizinischen Bericht zu jedem Patienten und bewerten in Videokonferenzen die Verwundung. Davon hängt ab, welche spezielle chirurgische Fachrichtung im behandelnden Krankenhaus vorhanden sein muss oder für wen wegen der Komplexität nur ein Zentrum der Maximalversorgung infrage kommt. Konkrete Kliniken können wir dafür nicht gleich vorschlagen, denn das ist Ländersache. In der Regel vergehen nach einer Anfrage aber auch einige Tage, bis feststeht, wann und wo ein Patiententransport in Deutschland ankommt. Dann werden die Bundesland-Sprecher unserer 53 TraumaNetzwerke bei der konkreten Krankenhausauswahl beteiligt.

Prof. Dr. Benedikt Friemert ist Offizier des Sanitätsdienstes der Bundeswehr und seit Januar 2022 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Der Oberstarzt ist Klinischer Direktor für Unfallchirurgie und Orthopädie, Septische und Rekonstruktive Chirurgie sowie Sporttraumatologie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat kürzlich organisatorische Mängel bei der medizinischen Versorgung von Kriegsverletzten kritisiert und eine zentrale Organisation für die Verteilung angemahnt. Hat er Recht?

Seine Aussage hat mich ein wenig geärgert, denn die gerade beschriebene Kombination der Kleeblatt-Strukturen mit den TraumaNetzwerken der DGU ist mittlerweile auch für die jetzige Lage sehr gut organisiert. Recht hat er allerdings bei einer anderen Gruppe von Patienten. Bei denjenigen, die nicht nach offiziellen Anfragen, sondern selbstständig oder über private Kontakte nach Deutschland kommen, sind wir nahezu blind. Darüber weiß niemand Bescheid, bis die Patienten vor der Tür stehen, und das passiert offenbar gar nicht so selten. Das könnte in der Tat besser organisiert sein, möglicherweise über zentrale Anlaufstellen an der Grenze zur Ukraine.

Was sind die größten Herausforderungen für Kliniken und Mediziner bei der Behandlung von Kriegsverletzten?

Die infizierten Defektwunden. Wir bekommen ja keine Akut-Patienten. In der Regel liegen die eigentliche Verletzung und die Erstversorgung bereits Tage, manchmal Wochen zurück, und wir haben es mit angehandelten und älteren Wunden zu tun. Granaten oder Bomben reißen richtige Löcher in den Körper. Wer das überlebt, hat erhebliche Weichteil-, Nerven- oder Knochendefekte und bringt meist multiresistente Keime mit. Eine solche Infektion lässt sich nur chirurgisch bekämpfen, meist in mehreren OPs. Das geht nicht nur mit Antibiotika. Hat man die Infektion dann im Griff, werden im zweiten Schritt zum Beispiel die Extremitäten und Weichteile am Bauch und Thorax rekonstruiert. Das geht nur im Zusammenspiel von Unfall- und Viszeralchirurgen, Anästhesisten und vielen anderen Fachrichtungen sowie der Pflege und letztlich der Rehabilitation. Es ist sehr aufwändig und dauert lange – zwischen drei Monaten und bis zu einem Jahr.    

Sind überhaupt alle Häuser bereit, Kriegsverletzte aufzunehmen?

Momentan wollen gefühlt alle Bundesländer unbedingt Patienten behandeln, was ich toll finde. Doch manch einer wird sich noch wundern, denn auch nach der langen Behandlung werden die Patienten ja nicht in die Ukraine zurückkehren können. Es wird vielmehr auch ein hoher Reha-Bedarf entstehen, und diese Kosten müssen kalkuliert werden. Im Bundeswehrkrankenhaus Ulm haben wir in den vergangenen Jahren schon viele Verwundete aus der Ukraine behandelt, und dafür wurden pro Fall zwischen 40 000 und 120 000 Euro abgerechnet.

Apropos, welche Rolle spielen die fünf Bundeswehrkrankenhäuser in der aktuellen Lage?

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr fungiert in erster Linie als Wissensträger. Uns kann man jederzeit fragen. Wir haben die Erfahrung aus vielen Einsätzen und haben auch bereits viele Ukrainer behandelt. Weiterhin haben wir die Fähigkeit mit unseren Flugzeugen die Patienten nach Deutschland zu holen. Zudem sind alle Häuser in das TraumaNetzwerk der DGU eingebunden, und wir machen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für Einsatz-. Katastrophen- und Taktische Chirurgie der DGU Schulungsangebote für Mediziner, die bislang noch nicht mit Kriegsverletzungen zu tun hatten. Ein neu entwickeltes einstündiges Webinar der DGU zum Beispiel vermittelt Spezialwissen dazu. Da wir für diese Patienten keine Akutversorgung machen müssen, haben wir genug Zeit, das medizinische Personal noch einmal zu schulen und Wissen aufzufrischen. Zudem sind per Videokonferenz jederzeit Fallbesprechungen möglich.

Womit rechnen Sie in den kommenden Wochen und Monaten?

Es ist zu erwarten, dass in den ukrainischen Sanitätseinrichtungen mehrere Tausend Verletzte liegen. Wann ein Transport in andere Länder möglich ist, hängt vom Kriegsverlauf ab. Ich rechne aber nicht mit einer Überlastung in deutschen Kliniken, da es einen Verteilungsmechanismus für ganz Europa gibt.

Sie selbst waren in zahlreichen Auslandseinsätzen der Bundeswehr, unter anderem mehrfach in Afghanistan und zuletzt 2020 in Mali. Wie haben Sie diese Einsätze erlebt?

Ich habe gesehen, wie Kriege ganze Länder zerstören. Die Verwundungen der Menschen kenne ich, und ich weiß, was bei diesen Einsätzen auf mich zukommt. Doch ich kann mir bis heute nicht beantworten, wie Menschen anderen Menschen solches Leid zufügen können. Was treibt sie dazu? Woher kommen dieser Hass und diese maßlose Brutalität? Damit komme ich emotional nicht zurecht, und das begleitet mich während solcher Einsätze.

Müssten wir uns auch in Deutschland mehr mit solchen Situationen auseinandersetzen?

Der zunehmende Terror hat in der Hinsicht schon viel bewirkt. Grundsätzlich gilt, dass jede Friedensphase einmal wieder enden wird. Die Frage ist nur, wann. Wir sollten keine Panik schüren, aber wir müssen das auf der Agenda haben und uns ernsthaft damit beschäftigen.

2022. Thieme. All rights reserved.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!