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ForschungsergebnisseWie gelangen weniger Röntgenkontrastmittel in Gewässer?

Die in der Medizin verwendeten iodhaltigen Röntgenkontrastmittel (RKMi) werden nahezu unverändert in Gewässer eingetragen. Eine neue Studie vom Fraunhofer ISI und von der IGES Gruppe zeigt, wie die Menge reduziert und die Umwelt dadurch geschützt werden kann.

Onkologie
Viacheslav Iakobchuk/stock.adobe.com

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Iodhaltige Röntgenkontrastmittel (RKMi) werden bei Untersuchungen und Behandlungen von Organen und Gefäßen verabreicht, die Patient*innen scheiden sie innerhalb von 24 Stunden fast vollständig und unverändert über den Urin wieder aus. In Kläranlagen können die Kontrastmittel jedoch nur mit hohem Aufwand zurückgehalten werden und werden daher in relativ großen Mengen in die Gewässer eingetragen. Diese Mengen zu reduzieren, ist ein Ziel der »Spurenstoffstrategie des Bundes«, für die das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI unter anderem einen Stakeholder-Dialog umgesetzt hat.

Bisherige Pilotprojekte erforschten Möglichkeiten, den belasteten Urin der Patient*innen gesondert aufzufangen, etwa durch spezielle Urinbeutel für daheim oder separate Toiletten in den medizinischen Einrichtungen. Um diese Methoden auszuweiten, sind der Beleg der Wirksamkeit sowie die Akzeptanz aller Beteiligten nötig. Das Fraunhofer ISI und die IGES Gruppe wurden damit beauftragt, eine Entscheidungs- und Planungsgrundlage für die Ausweitung der bisherigen Pilotprojekte mit Urinauffangsystemen zu erstellen.

Die jetzt veröffentlichte Studie, die von sieben Pharmaunternehmen finanziert und von einem unabhängigen Projektbeirat begleitet wurde, enthält eine Marktübersicht, schätzt die ökologischen Wirkungen und kreislaufwirtschaftlichen Chancen von Urin-Sammelmaßnahmen ab, bewertet Kosten und Wirtschaftlichkeit, stellt Erkenntnisse zur Integration in das Gesundheitssystem vor und zeigt auf, welche Herausforderungen es bei der Umsetzung gibt.

Etwa 30 Prozent der Patient*innen machen ohne großen Aufwand mit

Die Auswertungen zeigen, dass zwischen 25 und 30 Prozent der Patient*innen ohne größere Umstände bereit sind, in den ersten vier bis fünf Stunden nach der Untersuchung Urinbeutel zu nutzen, weil sie ein persönliches Interesse an Umweltthemen haben. So ließen sich bereits mehr als 100 Tonnen RKMi pro Jahr zurückhalten. Wird diese Maßnahme weitgehend in die Ablaufroutine integriert, ließen sich die Teilnahme und somit die zurückgehaltene Menge sogar noch deutlich steigern.

Um die Patient*innen zu motivieren, entweder die gesonderten Toiletten der Einrichtung zu nutzen oder die Urinsammelbeutel mit nach Hause zu nehmen, ließe sich die Aufforderung dazu beispielsweise in das ärztliche Aufklärungsgespräch integrieren. Um den Aufwand für das Personal möglichst gering zu halten, empfehlen die Autor*innen die zentrale Ausarbeitung und Bereitstellung von Informationsmaterialien, beispielsweise durch das Bundesumweltministerium. Für die Investitions- und Betriebskosten der neuen Toilettensysteme zeigen sie verschiedene Förder- und Erstattungsmaßnahmen auf. Wichtig sei stets, für die breitere Evaluation der Maßnahmen genug Zeit – mindestens ein Jahr – einzuplanen, um über den Pilotcharakter hinaus auch die Effekte der Integration der Maßnahmen in die Alltagsroutinen erfassen zu können.

Die Erkenntnisse sollen die Grundlage für größerskalige Umsetzungen in mehreren Regionen bilden. Die Pilotstandorte sollten bundesweit verteilt sein, um das Thema breit bekannt zu machen und länderspezifisch viele Akteur*innen einzubinden. Um valide Ergebnisse zu erhalten, braucht es stets ein geeignetes Gewässermonitoring sowohl in den Einrichtungen als auch an den Kläranlagen und in Gewässern.

Pilotprojekte sollten sich vernetzen und austauschen

Die Autor*innen sprechen sich zudem dafür aus, alle Pilotprojekte in einem wissenschaftlichen Begleitvorhaben zusammenzuführen. So ließe sich das in einzelnen Projekten gesammelte Wissen aufeinander abstimmen und für alle nutzbar machen; durch die Vernetzung könnten offene Fragen besser beantwortet werden.

Mit Vernetzung und Austausch hat das Projektteam auch bei der Erstellung der aktuellen Studie positive Erfahrungen gemacht, wie Projektleiterin Dr.-Ing. Jutta Niederste-Hollenberg vom Fraunhofer ISI bilanziert: »Wir wurden fachlich vom Runden Tisch Röntgenkontrastmittel unterstützt, dem Expert*innen aus Gesundheitssystem, Behörden, Politik sowie Wasser- und Entsorgungswirtschaft angehören. Durch die kontinuierliche Diskussion mit diesen Stakeholdern konnten wir deren Expertise direkt einbinden und die Ergebnisse in einem breiten Konsens erarbeiten. Das verkürzt den Transferprozess von der Wissenschaft in die Praxis und erleichtert den Weg in die Umsetzung.«

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