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WirtschaftDer Weltmarkt für Medizintechnik wächst weiter

Seit 2010 verzeichnen Medizintechnikhersteller ein Umsatzwachstum von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr. Damit scheint nun Schluss zu sein. Während die Wachstumszahlen seit 2018 im Inland deutlich zurückgehen, wächst das Auslandsgeschäft weiterhin. Marcus Kuhlmann, Leiter Medizintechnik bei Spectaris, im Interview.

Weltwirtschaft
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Im Herbst konstatierte der Bundesverband Medizintechnologie e.V. (BVMed), dass sich die Stimmung in der deutschen Medizintechnikbranche eingetrübt habe. Die erwartete Umsatzentwicklung im Inland sei mit einem Wachstum von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 4,2 Prozent stark rückläufig. Die Unternehmen fürchten abnehmende Gewinne aufgrund sinkender Preise und höherer Kosten. International tätige Medtech-Unternehmen profitieren weiterhin stark vom Export: Die Branche erwartet für das Jahr 2019 im Ausland ein Umsatzwachstum von 5,8 Prozent. So lautet das Ergebnis der BVMed-Herbstumfrage, an der sich 102 Mitgliedsunternehmen des Branchenverbandes beteiligt haben. Für das Jahr 2019 rechnen 86 Prozent dieser Unternehmen mit einem weltweit besseren Umsatzergebnis als im Vorjahr.

Auch Spectaris beobachtet die Marktzahlen für Medizintechnikunternehmen genau. Bei der Medica im November in Düsseldorf präsentierte der Industrieverband für den Zeitraum Januar bis August 2019 ein kräftiges Umsatzplus von 9,8 Prozent. Die Spectaris-Zahlen basieren auf Angaben des Statistischen Bundesamtes zum Umsatz von 471 deutschen Medizintechnikherstellern mit mehr als 50 Beschäftigten und spiegeln nur den genannten Zeitraum wider“, erklärt Marcus Kuhlmann, der den Spectaris-Fachverband Medizintechnik leitet. „Wie sich das Gesamtjahr entwickeln wird, können wir nur bedingt einschätzen, ein Tertial steht ja noch aus. Frost and Sullivan erwartet einen Anstieg des Weltmarktes um 5,6 Prozent in diesem Jahr.“

Zu den Hauptzielländern der deutschen Medizintechnik-Exporte zählen mit Abstand die USA mit einem Volumen von rund vier Milliarden Euro, gefolgt von China mit einem Volumen von knapp zwei Milliarden Euro. Für weitere gut vier Milliarden Euro geht Medizintechnik nach Frankreich, die Niederlande und Italien. Insgesamt fließt über die Hälfte der deutschen Medizintechnikexporte in europäische Länder.

Bremsklotz MDR

Laut dem BVMed-Vorstandsvorsitzenden Dr. Meinrad Lugan sei der Hauptgrund für die aktuell trübe Stimmung in der Branche die neue EU-Medizinprodukteverordnung (Medical Device Regulation, MDR). Sie trage zu Engpässen bei den Benannten Stellen, längeren Bewertungsverfahren und steigenden Kosten bei. In der BVMed-Herbstumfrage befürchten 87 Prozent der Unternehmen, dass Produkte aus ökonomischen Gründen vom Markt genommen oder gar nicht erst auf den Markt gebracht werden. In der klein- und mittelständisch geprägten Branche könnten nach Schätzungen zehn Prozent der Unternehmen und 30 Prozent der Produkte verschwinden.

Damit die Unternehmen die zusätzlichen Anforderungen aus der EU-Medizinprodukteverordnung erfüllen können, müssten zusätzliche Stellen vor allem in regulatorischen Bereichen geschaffen werden. Dies könnte langfristig auf Kosten der Bereiche Forschung und Entwicklung gehen. Deshalb fürchtet der BVMed um die Innovationskraft der Branche. Im Durchschnitt investieren die Unternehmen neun Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Noch haben zwei Drittel der befragten BVMed-Unternehmen vor, ihre Ausgaben für Investitionen und die Forschung zu erhöhen oder zumindest auf Vorjahresniveau zu halten. Lugan weist darauf hin, dass die industrielle Gesundheitswirtschaft, insbesondere die Medizintechnik, inzwischen eine Schlüsselindustrie für die deutsche Volkswirtschaft sei – als Innovationsmotor und starker Arbeitsplatzfaktor. Nach den USA liegt Deutschland weltweit auf Platz zwei bei der Anzahl der Patentanmeldungen in dieser Branche.

Digitalisierung verleiht Flügel

Wie viele andere Branchen setzt auch die Medizintechnik auf die Digitalisierung. So veröffentlichte jüngst die Unternehmensberatung Roland Berger eine Studie zum digitalen Gesundheitsmarkt in Europa unter dem Titel „Future of Health: Eine Branche digitalisiert sich“. Demnach scheint der Markt für digitale Produkte und Dienstleistungen im Gesundheitswesen schneller voranzukommen als bislang vermutet. Bis zum Jahr 2025 soll das europaweite Marktvolumen circa 155 Milliarden Euro betragen. Rund 38 Milliarden Euro davon entfallen voraussichtlich auf Deutschland. Für die Studie haben die Berater 400 internationale Gesundheitsexperten interviewt. Sie sehen die Digitalisierung, insbesondere die Einführung von Künstlicher Intelligenz, als größten Treiber der Transformation. Den im Gesundheitsmarkt etablierten Unternehmen drohe dabei zunehmend Konkurrenz: zum einen durch branchenfremde Marktteilnehmer wie den großen Technologiekonzernen, zum anderen durch eine zunehmende Zahl an Start-ups, die mit innovativen Ideen in den Markt drängen.

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