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Personalmangel und Exit BlockDer Kollaps in den Notaufnahmen

Deutschlands Notaufnahmen sind zum Dauernotfall geworden. Nahezu jede leidet unter Personalmangel, zwei Drittel berichten von gefährlicher Überbelegung. Das zeigt eine Blitzumfrage der DGINA – die die Erfahrungen der vergangenen 20 Monate bestätigt.

Notaufnahme
Thomas Möller/Thieme Gruppe

Symbolfoto

Die Alarmmeldungen gehen aus allen Teilen Deutschlands ein: Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind zunehmend überlastet, und die Situation scheint mittlerweile ein Dauerzustand zu sein. Eine Blitzumfrage der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) ergab ein erschreckendes Szenario.

Demnach litten am Tag der Datenerhebung, am 5. Juli 2022, insgesamt 98,6 Prozent der Notaufnahmen unter Personalmangel, weil pflegerische und/oder ärztliche Stellen nicht besetzt waren und zusätzlich noch Krankheitsausfälle und Quarantänefälle das Personal dezimiert hatten.

Trotz Abmeldung zusätzliche Patienten

66 Prozent der Notfallkliniken berichteten laut DGINA über eine gefährliche Überbelegung (Overcrowding) der Notaufnahme. Die Ursache war einerseits die fehlende Möglichkeit, die Patienten zur weiteren stationären Behandlung auf eine Station abzuverlegen, anderseits die anhaltende Zuweisung von Patienten über den Rettungsdienst. Zwar hatten fast 60 Prozent der Notfallkliniken bei der integrierten Leitstelle ihre Kapazitätserschöpfung angezeigt, doch fast 95 Prozent von ihnen wurden weiter durch den Rettungsdienst angefahren.

Der DGINA zufolge lag die Zahl der real belegbaren Betten bei der Umfrage im Durchschnitt der Kliniken um rund 18 Prozent niedriger als die im Krankenhausplan angegebenen Planbetten der Häuser im Jahr 2021. Die Kliniken berichteten über einen Mangel an normalstationären Betten (86 Prozent), an Intensivbetten (54) und an intermediate care Betten (48). An der Umfrage nahmen 362 von derzeit rund 1064 Notfallkliniken teil. Sie versorgen laut DGINA jährlich fast zehn Millionen der 25 Millionen Notfallkontakte in deutschen Kliniken.

Bettenreduzierung von fast 20 Prozent

Die DGINA erfasst mit ihrer Notaufnahmeampel seit 20 Monaten täglich freiwillige Statusmeldungen von bis zu 80 Notaufnahmen – und sieht sich von den Ergebnissen der Blitzumfrage bestätigt. Beides zeige, dass es nicht allein die Intensivbetten seien, die von der Coronapandemie und dem Personalmangel betroffen seien, sondern noch in viel größerem Ausmaß die Normalstationen und die Notaufnahmen.

Letztlich könnten nur wenige der befragten Krankenhäuser die im Krankenhausplan aufgeführten Planbetten zur Verfügung stellen. Die Bettenreduktion betrage annähernd 20 Prozent. In den 362 teilnehmenden Kliniken waren zum Befragungszeitpunkt mehr als 27 000 Betten nicht belegbar.

Gefährlicher Exit Block

Ein zunehmendes Problem der Notaufnahmen ist der DGINA zufolge, dass sie Patienten, die stationär aufgenommen werden müssen, nicht mehr zeitnah abverlegen können. Dieser Exit Block bedinge einen Patientenstau, führe zu verzögerter Diagnostik und Behandlungsabläufen und gefährde so die Patientensicherheit, heißt es. Zudem müssten die Notfallmediziner Behandlungen priorisieren und könnten die gesetzliche Anforderung, für jeden Patienten eine angemessene und zeitnahe Behandlung zu veranlassen, nicht mehr garantieren.

Aus Sicht der DGINA zeige die Studie eindeutig, dass sich die Belastung der Häuser nicht allein auf den Intensivstationen messen lasse, sondern eine Gesamtbetrachtung der Krankenhäuser erforderlich sei. Für eine ressourcenbasierte Steuerung der Gesundheitsversorgung müssten die Belastungen der Notfallkliniken spezifisch und kontinuierlich erfasst und berichtet werden, um eine bessere Ressourcensteuerung zu erreichen.

DGINA fordert Garantie für Bettenkontingente

Damit die gesetzlich geforderte Akutversorgung von Notfallpatienten immer gewährleistet werden könne, müsse der Gesetzgeber der Notfallversorgung ausreichend Ressourcen zuordnen, fordert die DGINA. Für die Fachgesellschaft ist es vordringlich, Bettenkontingente für Notfallpatienten auf Intensiv-, IMC- und Normalstationen zu garantieren. Eine Kapazitätserschöpfungsmeldung von der Mehrheit der Notfallversorgungskrankenhäuser sei mit dem gesetzlichen Auftrag der Notfallversorgung nicht vereinbar.

Bei Erschöpfung der Bettenkapazität müssten Rettungsdienst und Krankenhäuser Pläne erstellen, die die Notfallversorgung aufrechterhalten und Exit Blocks in den Notaufnahmen vermeiden helfen. Besonderer Wert müsse dabei auf die ausreichende Personalausstattung für die Notfallversorgung gelegt werden, die auch Personalausfallkonzepte in Pandemiesituationen mit einberechnet. Das Fazit der DGINA ist deutlich: Die aktuelle Überlastungssituation in der Notfallversorgung der Krankenhäuser demonstriere die Notwendigkeit einer koordinierten vorausschauenden Planung der gesamten Notfallversorgungskette.

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