Innerhalb der EU lag Deutschland 2015 bezogen auf die Bevölkerung hinter Bulgarien und Rumänien an Platz drei. Wieso kommen so viele Patienten zur stationären Behandlung ins Krankenhaus? Es sind die Krankenhäuser selbst, die ihre Fälle rekrutieren. Die Anzahl der Patienten, die in die Notaufnahmen kommen, ist in Deutschland etwa so hoch wie im europäischen Durchschnitt. Deutlich höher ist allerdings der Prozentsatz der Patienten, die aus der Notaufnahme stationär aufgenommen werden, nämlich rund 45 Prozent – und im Jahr 2020 waren dies erstmals mehr Patienten als stationär eingewiesen wurden.
Was muss in der nächsten Legislaturperiode passieren?
Wir müssen sicherstellen, dass Krankenhäuser nur die Fälle behandeln, für die sie personell und technisch qualifiziert sind. Der Bund sollte bei der Regelung der Vergütung sicherstellen, dass Krankenhäuser auch nur für solche Leistungen vergütet werden können – und die Länder fangen endlich an, ihre Krankhauslandschaft so zu planen, dass sie sich am Bedarf und der Qualität orientiert. In der Realität mangelt es, wie ausgeführt, der deutschen Krankenhaus- und Versorgungslandschaft daran. De facto kann jedes Krankenhaus machen, was es will, es gibt keine Versorgungssteuerung.
Stattdessen finden viele Patientenbehandlungen ohne adäquate Ausstattung statt, und selbst komplexe Eingriffe werden viel zu häufig in kleinen Krankenhäusern durchgeführt. Das heißt, dass der „gute Zugang“ in Deutschland auf einer Milchmädchenrechnung beruht, denn es sollte nicht die Erreichbarkeit des nächsten Krankenhauses zählen, sondern die des nächsten geeigneten Krankenhauses.
Da die Anzahl an Patienten bzw. die Erfahrung mit ihrer Behandlung ein wesentlicher Faktor ist, ist Basiswissen in der Epidemiologie Voraussetzung für Krankenhausplanung und -politik. Als erstes muss die Betrachtungseinheit von „stationären Fällen“ auf Patienten umgestellt werden, d.h. verlegte und/oder mehrfach behandelte Fälle dürfen nicht mehrfach zählen. Eklatant ist dieser Fehler beim Beispiel Krebs zu sehen: Es gibt jährlich knapp 500 000 Neuerkrankungen an Krebs, aber fast zwei Millionen stationärer Krebsfälle, d.h. jeder neue, inzidente Krebsfall („Primärfall“ in der Terminologie der Deutschen Krebsgesellschaft) wird in Deutschland im Durchschnitt viermal stationär behandelt, in anderen EU-Ländern jedoch nur zweimal. Pro Tag haben etwa 500 Personen einen Herzinfarkt, von denen wir 15 Prozent verlegen und so 580 „Fälle“ auf mehr als 1300 Krankenhäuser (und noch mehr Krankenhausstandorte) verteilen.
Krankenhausplanung muss sich an Qualität orientieren, nicht an Betten
Wie viele es stattdessen sein müssen, darüber lässt sich vortrefflich streiten: Wenn die Erreichbarkeit innerhalb von 30 Minuten das ausschlaggebende Kriterium für „echte“ Krankenhäuser (also solche, die die wesentlichen Notfälle versorgen können) ist, würden theoretisch 337 Krankenhausstandorte reichen, durch die in Ballungsbieten zu versorgende Bevölkerung de facto aber mehr – derzeit gibt es rund 430 mit den Notfallstufen 2 und 3, die also rechnerisch ausreichend wären. Daneben wird es auch weiterhin andere Krankenhäuser geben, die aber zunehmend in ambulant-stationäre Versorgungszentren umgewandelt werden sollten.
Notwendig für eine solche Neustrukturierung ist die Umstellung der Krankenhausplanung weg von „Betten“ bzw. „Abteilungen“ hin zu einer klaren Definition von Leistungsbereichen bzw. Leistungsgruppen, für die jeweils klare an der Qualität orientierte Mindestvorgaben an Technik, Personal, Zertifizierung und Mengen definiert werden – so wie es derzeit in Nordrhein-Westfalen umgesetzt wird.
Angesichts der großen Relevanz der Notfall- und Intensivversorgung werden aber auch die Notfallstufen größere Relevanz erhalten müssen, und zwar dergestalt, dass Häuser ohne Notfallstufe keine Notfälle mehr behandeln und abrechnen dürfen. Die Behandlung komplexerer Notfälle, wie auch Risikogeburten, wird in Häusern höherer Notfallstufen konzentriert, die im Gegenzug einen Facharztstandard auf 24/7-Basis vorhalten müssen.
Erschienen in kma 09/21 Jetzt kaufen!





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