
Wie kann man die Personalprobleme in Deutschlands Krankenhäusern bekämpfen? Mögliche Lösungen zeigt der aktuelle Krankenhausreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zum Thema „Personal“, der jetzt vorgestellt wurde. Das Fazit: Mehr Behandlungen im ambulanten Bereich und die qualitätsorientierte Konzentration von Leistungen auf weniger Standorte könnten die Schwierigkeiten lösen.
Der Report zeigt auchWege auf, um die Attraktivität der Krankenhäuser als Arbeitgeber zu steigern. Dazu gehören bessere Angebote zur Vereinbarung von Familie und Beruf sowie die Umsetzung von Konzepten für ein innovatives Personalmanagement.
Überlebensvorteil dank zertifizierter Zentren
Die AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann betont, dass die Verbesserung der Behandlungsqualität für die Patienten das zentrale Ziel der Reform bleibe und in den aktuell laufenden Verhandlungen zwischen Bund und Ländern nicht auf der Strecke bleiben dürfe. Angesichts der immer noch weit verbreiteten Gelegenheitsversorgung müsse sich dringend etwas ändern.
Wie entscheidend die Behandlung in zertifizierten Zentren sein kann,zeigt etwa das Innovationsfonds-Projekt „WiZen“, dessen Ergebnisse im vergangenen Jahr vorgestellt wurden. Demnach haben Krebspatienten, die in Zentren behandelt werden, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert sind, einen Überlebensvorteil. Voraussetzung dafür sind unter anderem eine adäquate Ausstattung, eine besondere Qualifikation des Personals und das Erreichen bestimmter Mindestfallzahl.
Ein weiteres Beispiel kommt aus dem Bereich der Notfallversorgung. 290 000 Patienten erleiden jährlich einen Schlaganfall. „Patientinnen und Patienten mit einem Schlaganfall sollten in sogenannten Stroke Units behandelt werden, die technisch und personell optimal für die Versorgung dieses aktuten Notfalls ausgestattet sind“, führt Reimann aus. Das erhöhe die Überlebenschance und vermeide Folgeschäden.
Noch immer würden viel zu viele Patienten in Kliniken ohne Stroke Unit behandelt, unter anderem weil sie vom Rettungsdienst in nicht optimal ausgestattete Krankenhäuser gebracht werden. Laut Auswertungen des Innovationsfondsprojekts QUASCH (Abkürzung für Ergebnisse qualitätsgesicherter Schlaganfallversorgung) lag die Sterblichkeit von Schlaganfallpatienten um 6,5 Prozentpunkte niedriger bei Behandlung in Kliniken mit Stroke Unit.
Klug geplant statt kalt bereinigt
Beide Beispiele seien ein drastischer Beleg dafür, dass eine qualitätsorientierte Reform der Krankenhausstrukturen erforderlich sei, so Reimann. Aus Sicht der AOK sind die Leistungsgruppen und Leistungsbereiche das Herzstück der Reform. Auf Basis der Leistungsgruppen könnten klare Versorgungsaufträge definiert werden, die auf konkrete Strukturanforderungen aufsetzen und sich an den Bedarfen der Bevölkerungen ausrichten.
Bei der sinnvollen Verteilung differenzierter Versorgungsaufträge an die Kliniken gehe es nicht um die komplette Schließung der Standorte oder eine „kalte Bereinigung“, sondern um einen „klug geplanten, sinnvoll gesteuerten und ganz klar qualitätsorientierten Umbau der Strukturen“, sagt die AOK-Vorsitzende. Dies führe dann auch zu einem wirtschaftlichen Einsatz der Ressourcen, auch der personellen Ressourcen. „Eine gut aufgestellte Krankenhauslandschaft sorgt dafür, dass die vorhandenen Personalressourcen sinnvoller als bisher eingesetzt werden und dass sich dadurch auch die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten nachhaltig verbessern“, lautet ihr Fazit.
Alarmierender Rückgang der Pflege-Azubis
Wie wichtig der sinnvolle Ressourceneinsatz ist verdeutlichte Mitherausgeber Prof. Jürgen Wasem. Zwar hat Deutschland im europäischen Vergleich leicht überdurchschnittlich viel Personal im ärztlichen und pflegerischen Bereich, jedoch muss das ärztliche und pflegerische Personal mehr Fälle versorgen als in anderen Ländern. Im Mittel versorgen rund zwölf Ärztinnen und Ärzte 1000 Fälle. Deutschland ist auf dem drittletzten Platz mit acht Ärztinnen und Ärzten sowie 19 Pflegekräften pro 1000 Fällen, wie Zahlen aus dem Jahr 2019 zeigen. Spitzenreiter sind in diesem Fall Zypern (elf Ärzte, 61 Pflegekräfte pro 1000 Fälle) und Norwegen (16 Ärzte und 49 Pflegekräfte). Langfristig werde sich die Personalsituation in deutschen Krankenhäusern eher verschärfen, führt Wasem aus.
Vor allem die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts, die aktuell einen Rückgang bei der Zahl der Pflege-Auszubildenden sehen, sei alarmierend. Demnach wurden im Jahr 2022 4000 Ausbildungsverträge weniger abgeschlossen (minus sieben Prozent) als im Vorjahr. Problematisch seien neben der demografischen Entwicklung, bei der von einer steigenden Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und damit auch einem höheren Personalbedarf auszugehen ist, auch die hohe Ausstiegsrate. So seien nach 20 Berufsjahren nur noch knapp 60 Prozent der ausgelernten Fachkräfte in ihrem angestammten Beruf tätig, bei den Hilfskräften hätte sogar mehr als die Hälfte nach zwei Jahren den erlernten Beruf gewechselt.
Wir haben einen kritischen und skeptischen Blick auf Zeit- und Leiharbeit.
In der anschließenden Fragerunde wurde in diesem Zusammenhang auch das Thema Leiharbeit genannt.Mitte Februar forderte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) Leiharbeit in der Pflege und im ärztlichen Dienst zu begrenzenund auch die AOK hat eine klare Position dazu. „Wir haben einen kritischen und skeptischen Blick auf Zeit- und Leiharbeit“, sagte Reimann. Man sehe sowohl in Kranken- als auch Altenpflege eine Zunahme, die nicht mehr durch Engpässe begründbar sei. „Uns missfällt, dass auf Kosten der Solidargemeinschaft höhere Kosten abgerechnet werden. Und es geht um Arbeitsbedigungen“, so Reimann. Es gehe auf den Rücken der Stammbelegschaft, Kontinuität und Stabilität. Schritte, um das zu begrenzen, werden von der AOK begrüßt. Es werde jedoch nicht leicht sein, das auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen, räumt Reimann ein. „Wir können es nicht zu 100 Prozent verbieten, weil es Fälle gibt, in denen es ein sinnvolles Instrument ist. Als Geschäftsmodell, was um sich greift, halte ich es auch für problematisch“, ergänzt Wasem, der Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen ist.
Entlastung durch Notfallreform
Potenzial sieht der Gesundheitsökonom in der Notfallversorgung. Befragungen in der Notaufnahme würden darauf hinweisen, dass über 50 Prozent der Wartenden ihr eigenes Anliegen mit einer geringen Dringlichkeit bewerten. Derzeit werden 50 Prozent der Notfälle stationär aufgenommen, während es in Frankreich beispielsweise nur 22 Prozent sind. Zwar seien die Zahlen mit den Nachbarländern nur begrenzt vergleichbar, würden aber dennoch Hinweise darauf geben, dass auch Reformen im Notfallbereich zu einer Entlastung des Krankenhauspersonals beitragen könne. „Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, ist bei vier im Krankenhausbett“, veranschaulicht Wasem.
Eine Kritik, die die DKG entschieden zurückweist. Eine „unnötige Polemik“, die an den Realitäten vorbeigehe, teilt die DKG in einer Mitteilung mit. Die wiederholte Behauptung, die Notaufnahmen der Krankenhäuser dienten als eine Art Akquise-Einrichtung, um Patienten in nicht notwendige stationäre Behandlungen zu ziehen, bleibe falsch, heißt es. Die AOK würde zurecht festellen, dass in vielen Regionen die niedergelassene Versorgung wegbreche und die Notaufnahmen für viele Menschen die einzige Anlaufstelle für medizinische Versorgung wären. „Die Kliniken wären froh, wenn es den niedergelassenen Ärzten flächendeckend rund um die Uhr gelingen würde, die einfachen ambulanten Notfälle in ihren Strukturen abzufangen und zu versorgen“, sagt der DKG-Vorstandsvorsitzende Dr. Gerald Gaß.
Niemanden ist geholfen, wenn Menschen nach einer ambulanten Behandlung wieder mit dem Rettungswagen zurück ins Krankenhaus gefahren werden müssen.
Auch bei den sogenannten Top-30-„Kurzliegern“ aus dem AOP-Katalog, die weniger als vier Tage stationär behandelt werden, gebe es ein großes Potenzial für vermeidbare Krankenhaustage und damit auch für eine Entlastung des Personals. Die 30 häufigsten operativen Eingriffe mit einem geringen medizinischen Schweregrad würden etwa vier Prozent aller Pflegetage im Krankenhaus ausmachen. Würde man das gesamte Potenzial „ambulantisierbarer“ Operationen und Behandlungen betrachten, können noch mehr Krankenhaustage vermieden werden.
Gaß mahnt hier jedoch zur Vorsicht: „Gerade bei Fragen von Kurzliegern und ambulanten Behandlungen müssen wir sehr verantwortungsvoll mit den medizinischen und sozialen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten umgehen“. Niemanden sei geholfen, wenn Menschen nach einer ambulanten Behandlung wieder mit dem Rettungswagen zurück ins Krankenhaus gefahren werden müssten. „Deshalb setzen wir uns auch klar für die Ambulantisierung unter Krankenhausbedingungen ein, um die Patienten- und Behandlungssicherheit zu gewährleisten. Selbst wenn es gelingt, zukünftig bis zu 20 Prozent der heute vollstationär behandelten Patientinnen und Patienten ambulant am Krankenhaus zu versorgen, brauchen wir auch für diese das notwendige Fachpersonal“, sagt Gaß.
Regionale Gegebenheiten im Blick
Für die Lösung des Personalproblems sind aus Wasems Sicht Leistungskonzentration und Strukturwandel wichtige Hebel. Um für eine Entlastung des Personals zu sorgen, brauche es eine dauerhafte Leistungskonzentration auf Fälle, die aus medizinischen Gründen zwingend eine stationäre Behandlung benötigen. Denn das Problem sei die aktuelle, historisch-gewachsene Krankenhauslandschaft, die mit vielen kleinen, unspezialisierten Häusern Ressourcen bindet, die besser verteilt werden könnten.






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