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Marburger Bund und DGINAIntegrative Notfallversorgung statt bürokratischer Weiterleitungen

Lösungsvorschläge für die Überarbeitung der Strukturen in der Notfallversorgung haben der Marburger Bund und die DGINA entwickelt. Ihnen zufolge müsse das Patientenverhalten dringend mit einbezogen werden.

Krankenwagen
Carola Vahldiek/stock.adobe.com

Symbolfoto

Der Marburger Bund und die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) plädieren für eine Gesamtreform der Notfallversorgung. Es sei der falsche Weg, in Teilbereichen wie der Ersteinschätzung schon jetzt Fakten zu schaffen. „Solange nicht geklärt ist, wie die unterschiedlichen Versorgungsebenen in der ambulanten Notfallversorgung vernetzt werden sollen und welches Leistungsspektrum sie aufweisen, ist die Etablierung eines neuen Ersteinschätzungssystems zur Patientensteuerung losgelöst von einem Gesamtkonzept nicht sinnvoll“.

An den Gesetzgeber richten sie den Appell, den Auftrag an den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), Kriterien für ein Ersteinschätzungsverfahren zu beschließen, auszusetzen. Die verfasste Ärzteschaft schließt sich hier an. Die Vertreter der Länder im G-BA hatten sich bereits gegen den Zeitpunkt der Einleitung des Stellungnahmeverfahrens am 21. April 2022 ausgesprochen.

Die Strukturen der Notfallversorgung sollten nach Ansicht des Marburger Bundes und der DGINA das Patientenverhalten berücksichtigen und niederschwellig für alle erreichbar bleiben. Idealerweise würden den Patienten am Ort der Erstvorstellung diagnositiziert und behandelt. In einem integrativen Konzept sollten daher die niedergelassenen Ärzte zusammen mit den Notaufnahmeärzten eine umfassende Versorgung gewährleisten. Es geht um die Entlastung des Gesundheitssystems, indem wiederholte Patientenvorstellungen und überbürokratisierte Weiterleitungen vermieden werden und die Akut- und Notfallversorgung effizienter gestaltet wird. 

So müssten gemeinsame Anlaufstellen an allen Krankenhausstandorten geschaffen werden, an denen Notfallversorgung in relevantem Umfang stattfindet. „Wie in benachbarten europäischen Ländern, sollten Notdienstpraxen zentral und nach Möglichkeit am Krankenhaus verortet sein. Das hat den Vorteil, dass alle diagnostischen Möglichkeiten eines Krankenhauses bei entsprechender Indikation auch der ambulanten Notfallversorgung zur Verfügung stehen und bei Bedarf rasch eine stationäre Aufnahme erfolgen kann“, betonen Marburger Bund und DGINA. Zwingend notwendig sei ein einheitliches IT-gestütztes System, das durchgängige Informationsketten sicherstellt, und eine verbindliche strukturelle Verknüpfung der telefonischen Erstkontaktstellen.

Konkret sieht das Positionspapier folgende Lösungen für die Reform der Notfallversorgung vor:

  • Patientensteuerung nach Behandlungsdringlichkeit: Es braucht standardisierte Behandlungsabläufe in der Notfallversorgung. Ohne eine validierte, standardisierte Ersteinschätzung der Patientinnen und Patienten nach ihrer Behandlungsdringlichkeit käme man nicht weiter. Diese müssten verbindlich für Rettungsdienste, Notdienstpraxen, gemeinsame medizinische Anlaufstellen und für die Rettungsleitstellen sein.
  • Sicherstellung der Notfallversorgung: Die Voraussetzung hierfür sei, dass sich die Niedergelassenen an der Notfallversorgung beteiligen. Zugleich müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen gewährleisten, dass hilfesuchende Patientinnen und Patienten eine ambulante Versorgung innerhalb und außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten erhalten – und das in der Nähe ihres Wohnortes.
  • Zentrale Strukturen: Das Patientenverhalten im Blick müsste die Notfallversorgung niederschwellig für alle erreichbar bleiben, zum Beispiel durch gemeinsame Anlaufstellen an allen Krankenhausstandorten, an denen Notfallversorgung in relevantem Umfang stattfindet.
  • Abstimmung: Die Notaufnahmen in den müssten entlastet werden, damit Ärzt*innen mehr Zeit für die Patientenbehandlung erhalten. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen seien in der Pflicht, die ambulante ärztliche Versorgung außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten sicherzustellen.

Ausführliche Erläuterungen zu diesen und den weiteren Forderungen können Sie im Positionspapier selbst nachlesen.

Kritik von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) übt derweil Kritik an den Forderungen. „Die dargelegten Vorstellungen – insbesondere hinsichtlich einer überall und immer zur Verfügung stehenden Notfallversorgung – sind vor dem Hintergrund wachsender personeller Engpässe sowohl beim ärztlichen wie auch beim nichtärztlichen Personal schlichtweg realitätsfern“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzender der KVH, Dr. Eckhard Starke. In Wahrheit ginge es dem Marburger Bund um den Erhalt der aktuellen Krankenhauslandschaft. Die kämpfen seinen Angaben nach, mit einem herausfordernden Personalmangel, sowohl bei den Ärztinnen und Ärzten wie auch bei den nichtärztlichen Mitarbeitenden. Deshalb sei auch die Vorstellung einer Ausweitung der Dienstzeiten des ambulanten Notdienstes, schlicht nicht machbar, so Dr. Starke. Ein Wunschkonzert zum Erhalt der Krankenhäuser sei demnach vollkommen deplatziert.

Er betont, dass der Großteil der Akutpatientinnen und -patienten in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte gut und flächendeckend versorgt würde. Die Beteiligten einschließlich des Rettungsdienstes müssten kompromissbereit aufeinander zugehen und abrücken vom Begehr, den größten Nutzen für sich herauszuholen. „Denn eine Notfallreform geht nur gemeinsam“, so der KVH-Vorstand.

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