Georg Thieme Verlag KG

... Fortsetzung des Artikels

Reform der medizinischen Versorgung„Wir müssen die Sektorengrenzen niederreißen“

De Meo: Auch die Politik fängt an, darüber nachzudenken, wie man den erforderlichen Wandel gestalten kann. Das könnte ein Einstieg sein. Die früheren Versuche, mit denen man wohlmeinend versucht hat, qualitätsindizierte Versorgung langsam auszubauen und Strukturen qualitätsorientiert anzupassen, sind alle komplett gescheitert. Auch deshalb, weil die Länder nicht mitgezogen haben und der Bund nicht massiv eingreifen konnte. Wenn wir es schaffen, ein paar konkrete Erfolgsmodelle aufzuzeigen, und wenn die Politik den Mut hätte, etwas auf die Beine zu stellen, dann könnten wir das gemeinsam voranbringen. Andere Länder in Europa haben gezeigt, wie das geht. Das ist da viel klarer, viel radikaler, viel deutlicher in der Organisation. Wir dagegen organisieren bislang Versorgung nicht, wir lassen sie passieren.  

Dazu müsste das Vergütungssystem umgestaltet werden. Wie soll das konkret aussehen?  

Richard: Wir wollen zum einen die Möglichkeit haben, vor Ort vertraglich die Vergütung zu regeln für diejenigen, die diese Versorgungsaufträge übernehmen.  

Über Selektivverträge? 

Richard: Nicht nur, wir reden sowohl über Kollektiv- als über Selektivverträge. Derzeit haben wir im ambulanten Bereich in vielen Fällen praktisch keine regionalen Vergütungsregularien oder noch nicht einmal Verträge. Hier brauchen wir durchgehend auch kollektive regionale Verträge. Zusätzlich brauchen wir einen zusätzlichen selektiven Spielraum, um eben auch innerhalb der regionalen Versorgung weitere Veränderungsimpulse zu setzen. Wir brauchen diese Impulse, um sicherzustellen, dass man vor Ort nicht stehenbleibt, sondern ein System, das sich aus sich selbst heraus an neue Gegebenheiten anpassen kann. Über die Vergütung haben wir viel diskutiert. Ein wesentlicher Punkt war dabei immer die Frage, wie wir stärker in eine Erfolgsabhängigkeit kommen, also genau wissen, wofür wir bezahlen. Natürlich wissen aber auch, dass es nur bei in wenigen Leistungen echte Erfolgsmessungen gibt. Wir werden die bestehenden Vergütungssysteme als Basis für die Weiterentwicklung nehmen. Wichtig sind gleiche Spielregeln – nicht nur bei der Vergütung für alle Beteiligten, egal aus welchem Sektor sie kommen.- Da haben wir eine große Veränderungsaufgabe vor uns, die wir in diesem Papier nicht abschließend beschrieben haben. Klar ist aber, wir wollen Raum haben auch für regionale Vergütungsmodelle, die sich weiterentwickeln können.  

De Meo: In unserem DRG-System wird pauschal für Aktivität bezahlt. Man könnte stattdessen aber auch ein Versorgungsgebiet definieren, wo bezogen auf die Einwohnerzahl eine umfassende Versorgung nach Populationsgröße bezahlt wird. Das wird von Anfang an nicht immer der große Wurf sein. Wichtig ist aber, dass wir es erkennen und die Bruchstellen einebnen. Nehmen Sie das Thema der ambulanten OPs. Es macht wenig Sinn, wenn Kliniken stationär Operationen erbringen, die in diesem Setting schlicht und einfach zu teuer sind, während das im ambulanten Setting mit gleicher Qualität viel günstiger geht. Es geht nicht darum, per se Geld zu sparen, es geht darum Geldverschwendung zu vermeiden und das Geld woanders sinnvoller einzusetzen. Also ein System zu haben, das es ermöglicht, dass Versorgung bei gleicher Qualität regional erbracht wird, in den Strukturen, die dort idealerweise eingesetzt werden können. Und das zu einer Vergütung, die das Richtige fördert und falsche Incentivierung vermeidet. 

Das klingt komplex und dürfte im Detail schwierig umzusetzen sein… 

De Meo: Richtig, es ist sehr komplex. Zumindest dann, wenn man das nach dem identischen Muster in ganz Deutschland abbilden wollte. Wenn man es aber auf die Regionen herunterbricht, dann ist es auch machbar – und wäre es besser für die Menschen. Einen Baukasten zu haben, mit dem man das bestücken kann, wäre schon mal ein guter Anfang.  

Wie viele Krankenhäuser braucht Deutschland?    

Richard: Uns geht es um das Prinzip: Wir brauchen eine Bereinigung, die nach bestimmten Kriterien, eben auch sehr stark qualitätsgetrieben, erfolgen muss und müssen die Ambulantisierung vorantreiben. Im Moment haben wir Strukturen, die getrennt sind nach stationären und ambulanten Kennzahlen geplant werden, die aber nicht den regionalen Bedarf abbilden. Ein patientenorientierter Behandlungsprozess mit definierten Verantwortlichkeiten ist so nicht organisierbar. Daher wollen wir weg von der Betten- und von der Arztsitzplanung hinzu einer Beschreibung von Versorgungsaufträgen und Leistungskomplexen für alle an der Versorgung Beteiligten.  

Auch nach ihrem Konzept wird es eine deutliche Reduktion der Krankenhäuser geben… 

De Meo: Derzeit ist eine Bedarfsplanung schwierig, weil es die politische Dimension gibt und vor allem, weil die Planung nicht in einem Gremium aus einer Hand erfolgt. Stattdessen haben wir Sektoren, die unterschiedliche Bedarfe planen und sich selbst darin noch nicht mal einig sind. Zusätzlich wird noch darüber gestritten, ob denn das, was vielleicht ambulant gemacht werden könnte, nicht stationär gemacht werden müsste oder umgekehrt. Das eigentliche Problem ist daher, dass der ermittelte Bedarf zum Teil präjudiziert wird, sowohl durch Finanzierungssysteme als auch durch die Sektoren. Wenn wir uns aus diesen Klammern befreien, werden sich viele Kliniken woanders hin entwickeln. Das muss gar nicht bedeuten, dass sich diese aus dem Markt verabschieden. Viele werden eine Zukunft haben, sich nur eben verändern müssen. Einige werden ein ganz anderes, stärker spezialisiertes Spektrum haben.  

Sie halten also nichts von den pauschalen Schließungsszenarien?  

De Meo: Jede Äußerung, die von einer Rasenmäher-Zahl ausgeht, ist komplett falsch. Transformation bedeutet Wandel. Wandel bedeutet, dass manche – vielleicht sogar ganz viele – nicht mehr das tun werden, was und wie sie es bislang gemacht haben. An der Versorgung teilhaben werden viele aber weiterhin. 

Gekürzte Version. Die Langversion finden Sie in der kommenden Oktober-Ausgabe der kma (ET: 07.10.2021).

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!