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Melde- und Aufzeichnungspflichten

Kliniken müssen mehr Geld für Strahlenschutz einplanen

Für Kliniken lohnt der Blick ins neue Strahlenschutzgesetz, dessen Neuerungen überwiegend 2018 in Kraft treten. Neben detaillierteren Aufzeichnungs- und Meldepflichten fordert es auch, Medizinphysikexperten künftig stärker in die radiologische Praxis einzubinden.

Röntgenuntersuchung

Foto: DRG

Bisher ist der medizinische Strahlenschutz in der Röntgenverordnung (RöV) und der Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) geregelt. Bereits 2013 hat der Europäische Rat jedoch eine Richtlinie der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) verabschiedet, die darauf abzielt, den Strahlenschutz zu verbessern und büro­kratische Hemmnisse abzubauen. Alle Mitgliedstaaten sind verpflichtet, die Richtlinie bis zum 6. Februar 2018 in nationales Recht umzuwandeln.

Deutschland hat diese Richtlinie bereits umgesetzt. Ende Juni dieses Jahres hat der Bundestag das neue Strahlenschutzgesetz (StrlSchG) beschlossen. Laut dem Bundesumweltministerium (BMUB) treten Teile davon bereits Anfang Oktober 2017 in Kraft. Das sind Bestimmungen, die den radiologischen Notfallschutz auf der Grundlage der Erfahrungen von Fukushima neu organisieren und Bund und Länder verpflichten, ihre Notfallpläne nach einheitlichen Vorgaben zu erstellen und ihre Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung abzustimmen. „Die anderen Neuregelungen werden ganz überwiegend Ende 2018 in Kraft treten, nämlich zeitgleich mit noch zu erarbeitenden konkretisierenden Vorgaben zur Richtlinienumsetzung auf der Ebene von Rechtsverordnungen“, so das BMUB. Laut der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) enthalten gerade sie allerdings einige Neuerungen, die den medizinischen Bereich betreffen – und damit alle Abteilungen der Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie in Kliniken und Privatpraxen.

Früherkennung für Lungenkrebs bald möglich

Die erste Neuerung betrifft die Erlaubnis von Verfahren, die dem Erkennen von Erkrankungen im Frühstadium dienen. Derzeit ist das Mammo­grafie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs bei Frauen die einzige Untersuchung in Deutschland, bei der Röntgenstrahlung eingesetzt werden darf. „Wir haben also nur eine einzige Screening-Untersuchung, die sich nicht mit Kranken, sondern mit gesunden Personen beschäftigt. Die sehen keinen Arzt bei der Untersuchung, da brauche ich auch keine Rechtfertigung durch einen Facharzt, denn die Rechtfertigung ist durch das Screening-Gesetz gegeben“, erläutert Reinhard Loose, Mitglied der Strahlenschutzkommission und ehemaliger Chefarzt der Radiologie am Klinikum Nord in Nürnberg. Nach § 84 des neuen Gesetzes sollen künftig ­allerdings auch andere Früherkennungsmaßnahmen zugelassen werden können – vorausgesetzt, dass der Nutzen das Risiko der eingesetzten Strahlung überwiegt. Außerdem muss die Untersuchung ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren sein und zum Erkennen einer schweren Erkrankung dienen, für die es eine effektive Therapie gibt. „Das akuteste Beispiel ist die Früherkennung des Lungenkrebses bei Rauchern. Das Bundesamt für Strahlenschutz muss sich jetzt überlegen, ab welchem Alter und ab wie vielen Zigaretten pro Tag und Jahr sich gesunde Personen von sich aus mit einem CT untersuchen lassen dürfen. Darunter können aber auch CT-Verfahren zur Früherkennung von Darmkrebs sowie Erkrankungen der Koronargefäße fallen“, so Reinhard Loose. Wann diese Untersuchungen zugelassen werden, hängt von der Entscheidung des BMUB und der Bewertung des BfS ab.

Medizinphysiker werden zur Pflicht

Die zweite Neuerung betrifft sowohl die Kontrolle des Strahlenschutzes, als auch das Überwachen der bei allen strahlendiagnostischen und interventionsradiologischen Verfahren eingesetzten Strahlendosis – und zwar durch einen Medizinphysiker. Bisher musste diese Berufsgruppe nur in der Strahlentherapie und der nuklear­medizinischen Therapie zwingend eingebunden werden. „Ab dem Inkrafttreten des Gesetzes muss jeder, der einen Röntgenstrahler betreibt, in Abhängigkeit von den jeweiligen Risikopotenzialen zwingend einen Medizinphysiker einbinden“, so Loose. Die Neuregelung besagt zwar nicht, dass er bei jeder Untersuchung anwesend sein muss – allerdings muss jede Klinik und auch jede Praxis, die solche Untersuchungen durchführt, nachweisen, dass ein Medizinphysiker dort regelmäßig vor Ort und für Notfälle verfügbar ist. Sie müssen ihn also entweder eingestellt haben, oder eine Kooperation im Sinne eines Dienstleistungsvertrages mit ihm eingehen. Wie viele Stunden der Medizinphysiker vor Ort sein muss, steht noch nicht fest. „Ein weiterer Streitpunkt ist, ob ein Medizinphysiker, der Dienstleister bei einer Einrichtung ist, dort nur beratende Funktionen hat oder die Direktive eines Strahlenschutzbeauftragten besitzt“, ergänzt Loose. Da der Gesetzestext seine Anwesenheit von dem jeweiligen Risikopotential der Verfahren abhängig macht, wird der Mehraufwand laut DRG vor allem Betreiber von CT-Geräten und Angiografieanlagen betreffen –  denn hier ist die Strahlenexposition am höchsten.

Teleradiologen brauchen keine „volle Fachkunde“

Auch auf die Teleradiologie kommen durch das Gesetz Änderungen zu. Demgemäß muss nach § 14 Abs. 2 ein Gesamtkonzept für den teleradiologischen Betrieb vorliegen. Dazu gehört nicht nur, dass die Verfügbarkeit des Teleradiologiesystems gewährleistet ist, sondern auch, dass „eine im Einzelfall erforderliche persönliche Anwesenheit des ­Teleradiologen am Ort der technischen Durchführung innerhalb eines für eine Notfallversorgung erforderlichen Zeitraums“ möglich ist. In „begründeten Fällen“ kann stattdessen aber auch ein anderer Arzt persönlich anwesend sein, der die erforderliche Fachkunde im Strahlenschutz besitzt. Wie weit der Teleradiologe vom tatsächlichen Ort des Geschehens maximal entfernt sein darf, ist darin allerdings noch nicht definiert. Für den Teleradiologen ist zudem nicht mehr die volle Strahlenschutz-Fachkunde mit 36 Monaten vorausgesetzt, sondern eine dafür „erforderliche Fachkunde“. Wie diese definiert ist, steht ebenfalls noch nicht fest.

Strengere Melde- und Aufzeichnungspflichten

Mit dem neuen Gesetz kommen auch auf die Strahlenschutzbeauftragten mehr Aufzeichnungspflichten zu. Neben den üblichen Angaben zu Indikation, Zeitpunkt und Art der Anwendung, erhobenem Befund, Bestrahlungsplan und dem Bestrahlungsprotokoll einer Behandlung müssen die Aufzeichnungen zusätzlich Angaben dazu enthalten, wieviel Strahlung Patienten ausgesetzt wurden – einschließlich einer Begründung, wenn dabei diagnostische Referenzwerte überschritten werden. Sollte die Strahlendosis dabei zu hoch sein und sie diese nicht rechtfertigen können, müssen sie das künftig laut § 90  StrlSchG auch dem BfS melden. Diese Meldepflicht gilt sowohl für Strahlenunfälle, bei denen Patienten tatsächlich geschädigt werden, als auch für sog. „ungerechtfertigte Überexpositionen“ von Patientengruppen, die einer zu hohen Strahlung ausgesetzt sind, ohne dass dabei unmittelbare Schäden auftreten. „Ab welcher Höhe und wieviel Patienten solche Expositionen zu melden sind, ist im Moment Bestandteil von Expertenmeetings im BfS“, ergänzt Loose. Die Dosis selbst lässt sich mithilfe von Strahlungsdetektoren bei jeder Untersuchung messen. „Wie hoch eine Strahlendosis sein darf, bestimmen die vom BfS definierten Dosisreferenzwerte. Die meisten Geräte, die wir heute haben, messen das schon. Jetzt muss der Betreiber seine Dosiswerte in irgendeiner Form elektronisch verarbeiten und aufzeichnen –  da kommt also ein bisschen EDV-Aufwand auf sie zu“, so Loose.  

Fazit

Rechtsverbindliche Dosisgrenzwerte für Patienten wird es laut BMUB durch das neue Gesetz nicht geben. Auch bei den Dosisgrenzwerten für das Personal ändert sich nun ein Wert – und zwar der für die Dosis der Augenlinse, deren Höchstwert von 150 auf 20 Millisievert pro Jahr herabgesetzt wird. Die Frage, auf welche Änderungen sich Kliniken in Zukunft einstellen müssen, beantwortet Reinhard Loose so: „Wir werden eine Bemessungsgrundlage bekommen für die Medizinphysikerstunden, sie müssen also Geld dafür einplanen. Außerdem werden Kliniken ihre Dosisparameter analysieren müssen, um den Meldekriterien gerecht zu werden.“

  • Schlagwörter:
  • Strahlenschutzgesetz
  • Radiologie
  • Medizinphysik

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