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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogNudging in der Notfallversorgung

Ein neuer Referentenentwurf zur Notfallversorgung liegt vor, das Coronavirus bricht aus und es wird wieder deutlich, dass die Notfallversorgung in Deutschland ganz anders läuft, als sich das der Gesetzgeber und die Akteure im Gesundheitswesen vorstellen.

Milena Kolb
Privat
Milena Kolb ist im Klinikmanagement tätig und engagiert sich bei Hashtag Gesundheit e.V.

Die Notfallversorgung beschäftigt seit Jahren viele Personen. Strikte Grenzen gibt es nicht, weil doch jeder Krankheitsfall individuell ist. Nun wagt sich der Bundesgesundheitsminister an eine sektorenübergreifende Notfallversorgung. Bislang sind die Notfallversorgung im ambulanten Setting der Kassenärztlichen Vereinigung und die Notfallversorgung im stationären Setting der Krankenhäuser voneinander getrennt. Während die Notfallnummer 112 und die nächste Notaufnahme am Krankenhaus in der Bevölkerung relativ bekannt sind, werden der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst und die zugehörige Telefonnummer 116117 stiefmütterlich behandelt oder gar nicht in der Gesundheitslandschaft wahrgenommen. Im vergangenen Jahr folgte eine Kampagne “116117 - Die Nummer mit den Elfen” der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, um die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes zu bewerben, die von der Bevölkerung jedoch kaum wahrgenommen wurde.  

Gemeinsames Notfallleitsystem und Integrierte Notfallzentren  

Nun also werden Ideen des Sachverständigenrates Gesundheit in den Referentenentwurf des „Gesetzes zur Verbesserung der Notfallversorgung“ aufgenommen. Im Referentenentwurf sind das Gemeinsame Notfallleitsystem (GNL) für die 116117 und die 112 sowie die Integrierten Notfallzentren (INZ) gelandet. Ein gemeinsames Notfallzentrum am Krankenhaus unter Leitung des Kassenärztlichen Vereinigung betrieben durch Kassenärztliche Vereinigung und das Krankenhaus lautet die Vorgabe des INZ. Die Kritik der Krankenhäuser ist immens, die Kassenärztliche Vereinigung verhält sich ruhig, die Details sind unklar, aber Jens Spahn hält sein Tempo von einem Referentenentwurf pro Monat weiterhin hoch.  

Das Konzept der GNL findet bisher Anklang. Die Lotsenfunktion zur Überwindung von Sektorengrenzen bietet bei einer professionellen Umsetzung einen erheblichen Mehrwert für alle Beteiligten. Eine professionelle Besetzung durch Pflegefachkräfte oder Ärztinnen und Ärzten scheint ideal. Ob dies zur Realität wird, ist jedoch ungewiss.  

Einsatz von Nudges  

Doch sind immer Gesetze und neue Ideen erforderlich, um Teil der Bevölkerung über die Notfallversorgung und die richtigen Anlaufstellen in Deutschland aufzuklären? Ein behutsamer Schubs in die richtige Richtung kann bereits helfen – in der Verhaltensökonomik bekannt als Nudges. Nudges in Form von Bandansagen, Werbekampagne und Präsenz kann die Kassenärztliche Vereinigung für den Kassenärztliche Bereitschaftsdienst setzen. Welche Nudges können Krankenhäuser einsetzen? Zu volle Notaufnahmen haben immerhin auch einen Effekt auf die Personalplanung, was den kostenintensivsten Block der Behandlung darstellt und bei einer ambulanten Abrechnung – möglicherweise sogar mit Abschlag aufgrund des fehlenden INZ – nicht ausreichend finanziert ist. Wenn der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst auf dem Krankenhausgelände sitzt, sind Räumlichkeiten sinnvoll zu positionieren.

Der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst ist in jedem Fall vor dem Eingang der Zentralen Notaufnahme eines Krankenhauses zu positionieren. Der Bereitschaftsdienst wird als erste Anlaufstelle gesehen und der Patientin/dem Patienten quasi “vor die Augen gesetzt wird”. Zusätzlich sind entsprechende Beschilderungen am Aufzug, an der Treppe oder an Türen sinnvoll, wo die Patientin/der Patient das Schritttempo drosselt. Einen weiteren Effekt können weiche Faktoren haben, beispielsweise Hinweise auf die durchschnittliche Wartezeit, die im ambulanten Setting regelhaft unter der Wartezeit in der Notaufnahme eines Krankenhauses liegen sollte.  

Ein Referentenentwurf, der viel Trubel verursacht, wird die Probleme zwischen dem ambulanten und dem stationären Setting nicht vollumfänglich lösen. Vielmehr sind Nudges sinnvoll, um Patientinnen und Patienten im Bedarfsfall auf den richtigen Weg/in das richtige Gebäude zu lotsen. Nudging wird vielerorts als Manipulation verurteilt, doch eine positive Manipulation in die richtige Richtung spart Ressourcen und unterstützt das Gesundheitssystem nachhaltig.

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