Georg Thieme Verlag KG

Ganzheitliche BetrachtungDigitalisierung braucht ein Leitbild - integrierte Versorgung

Chronisch erkrankt zu sein heißt, mit vielen einzelnen Institutionen und Akteuren in Kontakt zu kommen. Eine echte Herausforderung für unser Gesundheitssystem. Dieser komplexe und intersektorale Behandlungsbedarf war bei seiner Etablierung noch nicht in der aktuellen Ausprägung absehbar.

Kreuzknoten
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Symbolfoto

Heute blicken wir zurück auf eine Periode der Gesetzgebung, die das Potenzial informationstechnologischer Innovationen in den Dienst dieser veränderten Versorgungsrealität stellen will (DIGA, ePA etc.). Die Telematik-Infrastruktur reicht in ihrer aktuellen Funktionalität noch nicht aus, um eine hinreichende Strukturqualität für die Vernetzung von Leistungserbringern auf Prozessebene zu bieten.

So basiert die Koordination von Leistungen häufig auf intrapersoneller Gesundheitskompetenz und Bildung, sozialem Netz und sozioökonomischen Status, oder einer hausärztlichen Medizin, die mit hohem Engagement versucht, den Patienten als Navigator zu begleiten. Versagen diese Elemente oder sind sie überlastet, kommt es dazu, dass besonders chronisch Erkrankte den Alltag mit allen Krankheitsfolgen und -anforderungen allein zu Hause erleben. Das kann zu empfindlichen Störungen bei der Adhärenz zu vereinbarten Verhaltensänderungen oder der Medikamenteneinnahme führen. Die Folge sind schwerere Krankheitsverläufe und höhere Kosten. Das ist unbefriedigend für Patienten, Kostenträger und Leistungserbringer.

Der vielfach bekannte und oft beklagte „Dr. Google“ ist für diese Patienten schon heute häufig der einzige Ansprechpartner. Auch behelfen sich Patienten mit frei verkäuflichen Gesundheitsanwendungen („Apps“), um Informationen zur besten Krankheitsbewältigung oder schlicht für einen gesünderen Lebensstil zu erhalten.

Diese Patientenautonomie läuft vielfach außerhalb des ersten Gesundheitsmarkts, zeigt jedoch auf, dass der Patient interessiert ist an Prozessoptimierung mit digitalen Gesundheitslösungen, wenn es für ihn einen relevanten Mehrwert hat. Das in diesen Anwendungen angewandte „Nudging“ – also die permanente niederschwellige Anregung zu positivem Gesundheitsverhalten durch Information und spielerische Elemente – ist von erheblichem Potenzial, um behandlungsfreie Intervalle nutzbringend zu verdichten: ein wesentlicher Aspekt integrierter Versorgung.

Ganzheitliches Denken erforderlich

Mit „App und gut“ ist es jedoch nicht getan. Digitale Unterstützung und Motivationshilfen werden erst zum positiven „Patientenerleben“, wenn klar ist, dass man auch menschlich abgeholt ist.

Wer krankheitsbedingt leidet, empathische Zuwendung benötigt oder sich auch nur neue Impulse für die Selbstfürsorge während der langen Reise als Chroniker wünscht, muss ein passendes Angebot bekommen, das niedrigschwellig eingebunden ist in den Gesamtprozess, der je nach Wunsch physisch oder virtuell daherkommen kann. Diese ganzheitliche Denkweise ist seit jeher Kern von Integrierter Versorgung, welche die Herstellung der Einheit aller Gesundheitsepisoden in den Fokus stellt. Die Integrierte Versorgung kann somit das ideale Leitbild für die Digitalisierung sein.

Digitalisierung ist mehr als ePA

Allzu häufig wird die Digitalisierung falsch verstanden. Die Digitalisierung (englisch: „digitalisation“) grenzt sich von der Elektrifizierung (englisch: „digitization“) dadurch ab, dass sie nicht nur die Umwandlung analoger Informationen in maschinenlesbare Daten umfasst, sondern durch nutzerorientierte Prozesse eine umfassende Veränderung von Geschäftsprozessen und -modellen bewirkt. Digitalisierung wird als Treiber innovativer, neuer Wertschöpfungsmodelle verstanden.

In Übertragung auf Gesundheitsprozesse bedeutet dies, dass zwar z.B. die Umwandlung einer Patientenakte von Papier in eine rechnerfähige Form einen Fortschritt bringt. Digitalisierung wird aber erst dadurch erreicht, dass aus der Umwandlung Nutzen gezogen wird, z.B. durch KI-gestützte Analyse zur Früherkennung von Komplikationen. Auch dies schafft noch keinen nachhaltigen Nutzen. Erst wenn dieses Wissen koordiniert und nachhaltig in Handlungen zum Wohl des Patienten umgesetzt wird, entsteht Potenzial für medizinische und ökonomische Nachhaltigkeit.

Auch auf Populationsebene kann Digitalisierung in Form von kontinuierlicher Erfassung und Analyse von Patientendaten, z.B. zur Bestimmung frühzeitiger Interventionszeitpunkte mit dann minimalinvasiver Intervention, ein wichtiger Schritt sein. Ein konkretes Krankheitsbild, bei dem dies auch in Hinblick auf inländische Versorgungsdaten erfolgversprechend scheint, ist die Herzinsuffizienz. Auch die Erkennung von optimalen Behandlungspfaden durch die retrospektive Datenanalyse kann Teil der Verbesserung des „Outcomes“ sein, also der langfristigen Behandlungsergebnisse.

Quadruple Aims

Neben „Outcomes“, „Patientenerleben“ und „ökonomischem Impact“ der Versorgung ist der durch Bodenheimer und Sinsky 2014 ergänzte vierte Teil des dann „Quadruple Aims“ der Gesundheitsversorgung die Optimierung des Alltags des medizinischen Fachpersonals. Die Fachkräfte im Gesundheitswesen sind und werden ein immer selteneres Gut. Der demografische Wandel tut sein Übriges. Die Autoren beschreiben eine zunehmende Frustration des medizinischen Personals mit der Realität der Berufspraxis, auch durch wenig auf die eigentlichen klinischen Prozesse einzahlende IT-Unterstützung. Als Beispiel wird die zeitintensive Interaktion mit administrativen Patientenakten-Systemen genannt. Eine Elektrifizierung bisheriger Prozessorganisationen und Silogrenzen scheint daher fast undenkbar. Um die Branche und deren Berufsbilder attraktiv zu halten, sind administrative Entlastung, aber auch neue, flachere Hierarchien mit Möglichkeiten für neue prozessorientierte Rollen, wie z.B. Patientenlotsen, gefordert. Entlastung um alte, starr sektoral gedachte Routinen zugunsten eines integrierten und populationsbezogenen digitalen Versorgungsmanagements, können auch Möglichkeiten bieten, Pflegekräfte zu empowern – statt sie ausgebrannt aus dem Dienst für die Krankenversorgung zu verlieren.

Vorteile moderner Arbeitswelt

Analog-digitale Hybridmodelle sind hier ebenfalls denkbar. Warum sollte es nicht möglich sein, in der Krankenversorgung vor Ort tätig zu sein und dies mit einer Tätigkeit als Digital Nurse oder Doktor aus dem telemedizischen Versorgungszentrum – oder sogar dem Homeoffice – zu kombinieren? Die Vorteile der modernen Arbeitswelt sollten auch den Menschen im Gesundheitswesen nicht vorenthalten werden. Bei Betrachtung der schwindenden Fachkräftezahl wird dies zur Möglichkeit, gezielt menschlich-empathische Interaktion dort zu bündeln, wo sie nötig ist und sie nicht in administrativen Tätigkeiten zu verschleißen.

All dies verlangt nach einem Ordnungsrahmen, der aus Sicht des Bedarfs der Akteure und Patienten abgeleitet wird. Die Vision eines sektorenübergreifenden, digitalisierten Versorgungskontinuums kann nicht kleinteilig über mehr selektivvertragliche Regelungen oder Sonderfinanzierungen erreicht werden. Integrierten Versorgung als Leitbild sollte dazu führen, den nachhaltigen Abbau von juristischen und vergütungsbezogenen Barrieren für intersektorale Prozesse voranzutreiben, frei nach der Maxime „form (Gesetz) follows function (Digitale Integrierte Versorgung)“.

DGIV e.V.

Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen e.V. (DGIV) ist ein deutschlandweit agierender Verein mit der Zielsetzung, die Integrierte Versorgung in der medizi-nischen, pflegerischen und sozialen Betreuung als Regelfall durchzusetzen. Die DGIV wurde am 26. September 2003 in Berlin gegründet. Ziel der Gründungsmitglieder war es, die Integrierte Versorgung als alternative Versorgungsform zur damaligen Regelversorgung zu entwickeln und letztendlich durchzusetzen.