Georg Thieme Verlag KG

KommentarDigitalisierung als Chance für Gender Equality

Wer über die Gleichbehandlung der Geschlechter spricht, stößt früher oder später auf eine immense Datenlücke. Frauen finden in einer datenbasierten Welt kaum statt, was sträflicherweise auch für die Medizin gilt. Dabei manifestieren sich Krankheiten bei beiden Geschlechtern anders, Medikamente wirken unterschiedlich. Mit zunehmender Digitalisierung des Gesundheitswesens haben wir die einmalige Chance, diese und viele andere Datenlücken zu schließen. Und dabei sind es oftmals sogar die kleinen Lösungen, die Großes bewirken können.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

„This is a man’s world”, besang James Brown schon 1966. Und erstaunlicherweise hat sich daran in den letzten 55 Jahren kaum etwas verändert. Zwar wurde und wird seitdem viel über die Gleichstellung der Geschlechter diskutiert, über Emanzipation gesprochen und das Gendern hat seinen Weg in die deutsche Sprache gefunden. Tatsächlich aber sind wir nach wie vor weit entfernt von einer Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Wer sich davon überzeugen will, sollte sich das bereits 2019 erschienene Buch von Caroline Criado-Perez „Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ zur Hand nehmen. Dort listet die Autorin zahlreiche Beispiel dafür auf, dass die Welt von Männern für Männer gemacht wurde – angefangen bei der Tastatur des Klaviers (hierfür braucht es die durchschnittliche Handspannweite eines Mannes) über die Maße der Crash-Test-Dummies (mit einer Größe von 1,70 Metern und einem Gewicht von 70 Kilogramm kaum die Standardmaße einer Frau) bis hin zur Medizin.

Ja, richtig, sogar die moderne Medizin ignoriert in vielen Bereichen, dass Männer und Frauen nun einmal unterschiedlich sind. Das ist historisch gewachsen. Schon die alten Griechen haben den männlichen Körper als Norm festgelegt und den weiblichen als eine Abweichung definiert. Für Aristoteles war der weibliche Körper beispielsweise ein „nach innen gekehrter männliche Körper“. Die Eierstöcke waren die nach innen gekehrten Hoden und erhielten tatsächlich erst im 17. Jahrhundert einen eigenen Namen. Seitdem hat die Medizin zwar viel dazugelernt, dennoch steht der männliche Körper nach wie vor für den menschlichen Körper schlechthin. Und auch die Tatsache, dass sich Krankheiten bei Männern und Frauen ganz unterschiedlich manifestieren können, wird oft unterschätzt. Beispielsweise äußert sich ein Herzinfarkt bei Frauen komplett anders als bei Männern. Sie haben nur selten den „typischen“ Brustschmerz, sondern spüren einen drohenden Infarkt oftmals in der Magengegend, weshalb sie nicht selten mit „unspezifischen Symptomen“ zunächst wieder nach Hause geschickt werden. Das fatale dran: Gerade in der Notaufnahme werden solche Fälle noch viel zu häufig ausschließlich auf Papier erfasst. Es gibt also kaum strukturierte Daten über die „Ausnahmen“, die – Forschung und Wissenschaft zur Verfügung gestellt – zu neuen Erkenntnissen führen könnten. Denn hierfür bräuchte es einen ganz anderen Digitalisierungsgrad, den wir dann hoffentlich 2025 mit dem KHZG in Teilen erreicht haben werden.

Womit wir beim großen Bereich Forschung und Wissenschaft insgesamt wäre, wo der weibliche Teil der Bevölkerung auch über die Erfassung strukturierter Daten, nämlich in Studien, nach wie vor deutlich unterrepräsentiert ist. Es gibt unzählige Studien, die auf einer rein männlichen Kohorte basieren – und genau das ist die Kernkritik von Criado-Perez in ihrem Buch an der Medizin und vielen anderen Bereichen. Daten werden immer wichtiger, die Daten von Frauen finden jedoch kaum Berücksichtigung.

Digitalisierung = Daten = mehr Gerechtigkeit?

Die mangelnde Datenbasis von und für Frauen in der Medizin ist insofern verwunderlich, als dass mit fortschreitender Digitalisierung Daten als das „neue Gold“ gepriesen werden und seitdem in ganz anderen Dimensionen verfügbar sind. Vor allem der Digitalisierungsschub im Gesundheitswesen, den wir seit Ausbruch der Corona-Pandemie erleben, kann mit Blick auf die (medizinische) Gleichstellung der Geschlechter zu einer echten Chance werden.

Bestes Beispiel: der stationäre Bereich des deutschen Gesundheitswesens. Tatsächlich werden Männer und Frauen etwa gleich häufig in Krankenhäusern aufgenommen. Denken Sie nun an den Fördertatbestand 2 des KHZG, die Patientenportale, die – hoffentlich bald flächendeckend eingeführt – diese Aufnahmen von Männern UND Frauen erfassen und damit die zugrundeliegenden Daten erstmals strukturiert aufbereiten können. Wir hätten damit also Zugang zu einem „gleichberechtigten“ Datenschatz, der die Informationen von Männern und Frauen gleichwertig umfasst und damit vergleichbar macht. Mit Hilfe der Patientenportale könnten wir die derzeit noch bestehenden Datenlücken bei den Frauen zügig schließen – was allerdings nicht mit der Aufnahme in einer Klinik endet. Denn idealerweise werden auch während des eigentlichen Aufenthalts Behandlung, Therapien, Vitaldaten und andere Parameter beider Geschlechter über das Patientenportal erfasst. Mit integrierten Lösungen, wie beispielsweise gezielt aufbereiteten Fragebögen, können Datenlücken geschlossen und auch die Patientinnen engmaschig überwacht werden – sogar über den eigentlichen Aufenthalt hinaus. Denn diese PROMs können als eine Art Tagebuch genutzt werden, sodass Forschung und Wissenschaft auf diese Weise Daten über den Genesungsprozess, mögliche Komplikationen oder Reaktionen auf die Nachsorge und Therapien erhalten, die bisher überwiegend im Rahmen von Studien erfasst wurden und wie bereits erwähnt, sind deren Teilnehmer zu einem Großteil männlich. Und deshalb sind es genau diese Daten von Frauen, vor allem die mit langfristiger Perspektive bis in die Nachsorge hinein, die bisher schlicht und ergreifend fehlen.

Chance für medizinische Durchbrüche?

Mehr medizinische Daten über Frauen zu erhalten und auszuwerten, birgt für die Zukunft der Medizin immenses Potenzial. Beispielsweise fällt die Immunantwort von Frauen deutlich stärker aus als die von Männern. Das wird in Verbindung mit Schwangerschaften gebracht. Im Laufe der Evolution wurde die Immunantwort der Frauen beschleunigt und stärker ausgeprägt, so die Vermutung, um Föten und Neugeborene zu schützen. Hier könnten sich natürlich spannende Ansätze für Impfungen, aber auch zur Erforschung von Autoimmunerkrankungen ergeben. Letztere nehmen insgesamt immer stärker zu und Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, was ebenfalls mit ihrer ausgeprägten Immunantwort in Verbindung gebracht wird.

Was wir hierfür jedoch dringend brauchen, ist eine solide Datenbasis und mit der Digitalisierung, wie wir sie aktuell erleben, haben wir auf unkomplizierte Art und Weise nun die Möglichkeit, diese Daten zu sammeln. Auch vor diesem Hintergrund sollten wir Digitalisierungsvorhaben, die damit in Verbindung stehenden Investitionen und die veränderten Anforderungen an die Belegschaft, bewerten. Hinter vermeintlich kleinen Modulen wie PROMs im Rahmen eines digitalen Patientenportals kann der Datenschatz verborgen liegen, der – einmal gehoben – vielleicht den nächsten großen medizinischen Durchbruch bringt. Wir sollten also offen, neugierig und auch ein stückweit emanzipiert sein und mehr Gleichberechtigung fordern – und wenn es nur im Namen der Wissenschaft ist.

Und dann denken Sie gerne einmal weiter. Wenn wir bereits über potenziell große Auswirkungen sprechen, indem wir mehr Daten über die Hälfte der Weltbevölkerung sammeln und auswerten. Welches Potenzial verbirgt sich dann in noch granularen aufbereiteten Daten wie beispielsweise nach Alter, Körpergröße, Ethnie oder genetischer Prädisposition? Wir müssen uns in der Medizin dringend vom „Standardmenschen“ verabschieden, Vielfalt zelebrieren und ihren Mehrwert erkennen.

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