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KommentarKHZG – In the year 2025

Die Zeitspanne zur Umsetzung des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) ist denkbar kurz. Das ist einerseits gut, weil damit Bewegung in Digitalisierungsvorhaben kommt. Andererseits verleitet sie dazu, auch kurzfristiger zu denken.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Ja, im Original besingt das Duo Zager and Evans das Jahr 2525, falls Sie sich gerade gewundert haben. Dafür dürfen wir wohl aber davon ausgehen, dass 2025 sowohl Männer noch am Leben sind als auch Frauen überlebt haben. Vielmehr noch: Mit dem 2020 verabschiedeten Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) wurde die Digitalisierung in deutschen Kliniken maßgeblich vorangetrieben. Die Patientenaufnahme findet @home statt, das Konsil hat sich auch klinikübergreifend dank telemedizinischer Lösungen bei den Medizinern etabliert und die Patienten werden auf jedem Schritt ihres Behandlungspfades informiert und abgeholt – eine ganzheitliche Patient Journey eben.

Die Krankenhausreise von Karl-Heinz

Dann lassen Sie uns doch mal exemplarisch schauen, wie diese neue Krankenhauswelt im Jahr 2025 aussehen könnte: Karl-Heinz ist 71 Jahre alt, als sein Hausarzt ihn im Juli 2025 mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall in das örtliche Krankenhaus einweisen lässt – natürlich voll digital. Denn auch wenn es sich „nur“ um eine kleine, regionale Klinik mit wenigen Betten handelt, gehört sie zu einem großen Klinikverbund, der mit der KHZG-Förderung bis in den ländlichen Raum hin voll digitalisiert hat. Das heißt, der Hausarzt hat Karl-Heinz über das Patientenportal der regionalen Klinik einweisen und den behandelnden Ärzten auch gleich alle Details seiner ersten Anamnese mitteilen können.

Nach einigen Untersuchungen in der Klinik ist dann aber schnell klar, ein Schlaganfall ist es nicht. Die diensthabende Ärztin vermutet einen neurologischen Hintergrund, weshalb sie ihn in die etwa 100 Kilometer entfernte Universitätsklinik überweisen möchte. Dort gibt es die nächstgelegene Neurologie. Vorab hat sie eine telemedizinische Videoschalte mit den dortigen Kollegen, um in einem kleinen Konsil abzustimmen, ob sie mit Ihrer Vermutung richtig liegt. Auf der neurologischen Station ist man einverstanden, Karl-Heinz aufzunehmen. Also übernimmt das regionale Krankenhaus digital die Terminabstimmung für seine stationäre Aufnahme.

Neues Haus, neue App, neue Bedienung

Zwei Wochen später ist Karl-Heinz in der Universitätsklinik. Für die Aufnahme lädt er sich die dortige Patientenapp runter. Damit kenn er sich schon aus, schließlich hat er das in der regionalen Klinik zuvor auch gemacht, wo er zwei Tage stationär aufgenommen wurde. Allerdings ist die App der Universitätsklinik nun ganz anders und er muss auch sämtliche Daten erneut eintragen. Das macht er natürlich, fragt sich dabei aber, ob dann wohl alle Befunde und auch die Anamnese des vorherigen Aufenthalts übermittelt wurden. Karl-Heinz bemerkt bereits hier große Unterschiede zwischen den Patientenapps der beiden Häuser. Allerdings bleibt ihm für seinen einwöchigen Aufenthalt in der Universitätsklinik nichts anderes übrig, als die App zu nutzen. Denn ohne sie kann er weder sein Essen auswählen noch seine Untersuchungstermine einsehen. Zum Glück kommen seine Kinder regelmäßig zu Besuch – in 2025 gibt es (hoffentlich) keine Corona-beschränkungen mehr – und greifen ihm unter die Arme.

Allerdings ist Karl-Heinz Krankenhausreise damit noch nicht beendet. Bei ihm wird eine seltene Erkrankung vermutet, weshalb er an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen wird. Hier beginnt, Sie ahnen es, die Prozedur von neuem: Neues Haus, neue App, neue Anwendungsfelder, neue Bedienung. Karl-Heinz wird es langsam zu viel. Ein derart langer Klinikaufenthalt und die Ungewissheit zehren an seinen psychischen Kräften – zusätzlich zu der offensichtlich vorhandenen Erkrankung. Das ständige Auseinandersetzen mit neuen Apps, Lösungen, Videosprechstunden und Terminkalendern sind ihm da schlicht zu viel. Hätte er nicht seine Familie um sich, die ihn nach besten Kräften unterstützt, er würde sich hilflos fühlen.

Digitalisierung über das KHZG hinaus denken

Zurück im Jahr 2021. Das KHZG ist gerade gestartet, viele Berater sind schon zertifiziert und mit Sicherheit werden in den nächsten Wochen und Monaten zahlreiche Bedarfsmeldungen bei den Ländern eingehen – wovon viele die Implementierung eines Patientenportals beinhalten werden. Und das ist gut! Ich bin ehrlich davon überzeugt, dass gerade die Patientenportale die Arbeitsabläufe in den Häusern verbessern, die Patienten umfangreich informieren und damit abholen können, was letztendlich zu einer deutlich besseren und effizienteren Versorgung in den Klinken und darüber hinaus führt.

Aber, und das ist ein großes Aber: Einzel- oder gar Insellösungen werden zwangsläufig nicht funktionieren. Das gilt ganz grundsätzlich für die Digitalisierung, im Gesundheitswesen, im Rahmen des KHZG und in jeder anderen Branche auch. Wem das Beispiel von Karl-Heinz noch nicht plastisch genug ist, der möge an die eigene Mobilität denken – vor Corona und hoffentlich auch bald wieder danach. Stellen Sie sich die Frage, welchen Weg Sie auf einer Reise von Hamburg nach Köln bevorzugen würden. Weg A, für den Sie mit der HVV-App Ihr Ticket für den öffentlichen Nahverkehr kaufen, um dann mit der Bahn-App ihr Zugticket zu buchen, um dann in Köln je nach Wetterlage auf einen E-Roller oder Cityflitzer umzusteigen – natürlich reserviert und bezahlt über die jeweilige App des Anbieters. Oder würden Sie Weg B bevorzugen, für den Sie flexibel über eine Mobilitätsplattform ganz individuell ihre Reise planen und buchen können – unabhängig davon, von welchem Anbieter das jeweilige Mobilitätsangebot kommt, deutschland-, wenn wir groß denken, sogar europaweit?

Übergeordnete Ziel nicht aus den Augen verlieren 

Wenn wir jetzt alle ganz ehrlich sind, wünschen wir uns als Nutzer immer den einfachsten Weg. Darf es deshalb nur einen Mobilitätsanbieter oder im Fall des KHZG nur einen Anbieter eines Patientenportals geben? Ganz sicher nicht. Nur sollten die jeweiligen Anbieter in der Lage sein, ihre Lösungen auch über übergeordnete Portale anbieten zu können, sie sollten offen für den Datenaustausch und bei Schnittstellen sein.

Für mich heißt das, wir dürfen bei der kurzen Spanne, die jetzt für den ersten Digitalisierungsschub durch das KHZG zur Verfügung steht, die langfristigen Ziele nicht aus den Augen verlieren. Sicherlich wird es bis 2025 noch viele Überraschungen geben, an die wir heute noch nicht denken und auf die wir Antworten finden müssen. Aber haben Sie beim großen, langfristigen Ziel vielleicht den Nordstern im Kopf, der zumindest grob die Richtung vorgibt. Diesen Nordstern als Wegweiser brauchen wir heute unbedingt bei allen Digitalisierungsvorhaben rund um das KHZG.

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