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KommentarKHZG geht auch unbürokratisch

Die Überraschung ist groß, dass die Schulungen zur Zertifizierung im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) pünktlich gestartet sind. Es scheint, als meint es der Gesetzgeber mit dem angekündigten Tempo ernst. Gibt es Hoffnung für die Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Vermutlich sehen auch Sie es in Ihren sozialen Netzwerken derzeit zuhauf: Menschen, die stolz ein Zertifikat des Bundesamts für Soziale Sicherung posten, welches sie dazu berechtigt, die Voraussetzungen zu überprüfen, die für die Gewährung von Fördermitteln nach 19 Absatz 1 Nummer 2 bis 6, 8 und 10 KHSFV und des Krankenhausfinanzierungsgesetzes nötig sind. Und vielleicht haben auch Sie sich schon gefragt, warum selbst so mancher Mediziner mit Doktortitel dieses Zertifikat einer „schnöden“ Online-Schulung „stolz wie Bolle“ präsentiert. Ganz einfach: Weil wir es alle irgendwie noch gar nicht glauben können. Denn diese zahlreichen Zertifikate, die sie derzeit in Ihrem Feed rauf und runter sehen, bedeuten nichts Geringeres, als dass es der Gesetzgeber ernst meint mit dem Krankenhauszukunftsgesetz!

Sicher, es gibt auch kritische Stimmen, die hinterfragen, ob die Schulungen wohl ausreichend sind. Ich denke auch, dass man darüber durchaus diskutieren kann – nur darf man dabei eben das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Und das ist schlicht und ergreifend die Botschaft: Die Digitalisierung der Kliniken in Deutschland ist dank der Ernsthaftigkeit auf Seiten des Gesetzgebers schon mal auf Kurs. Das schürt die Hoffnung auf einen tatsächlichen Schub durch das KHZG natürlich ungemein.

Krankenhäuser machen sich bereit

Das merkt die Branche natürlich nicht nur an den zahlreichen Zertifizierungen der IT-Dienstleister. Auch auf Seiten der Kliniken werden schnell und zügig Mitarbeiter geschult und zertifiziert. Aus vielen Häusern hört man, dass bereits Pläne geschmiedet, Projektteams zusammengestellt und – das finde ich persönlich am allerwichtigsten – viele Gespräche stattfinden, was zum jetzigen Zeitpunkt in dem individuellen Haus überhaupt Sinn macht. Hier sind natürlich auch die Dienstleister gefragt, seriös zu beraten. Digitalisierung um der Digitalisierung Willen bringt niemanden vorwärts, ob mit oder ohne Förderung. Auch wenn der Förderzeitraum begrenzt und die Aussicht auf neue Projekte verlockend ist, muss hier doch mit Augenmaß navigiert werden. Denn am Ende sollen ja vor allem die Patienten profitieren, indem sich der administrative Aufwand verringert und die Versorgungsqualität erhöht.

Kein Lob ohne konstruktive Kritik

Die Dynamik, die der Startschuss für das KHZG der Klinik-Digitalisierung bringt, ist gut und wichtig. Komplett rund läuft es deshalb trotzdem nicht. Beispielsweise ist noch nicht in allen Bundesländern klar geregelt, wie der Antragsprozess ablaufen soll. Grundsätzlich ist ja vorgesehen, dass 1,3 Milliarden Euro des insgesamt 4,3 Milliarden schweren Fördertopfes von den Ländern, respektive den Krankenhausträgern beigesteuert werden. Besonders schwammig ist das Vorgehen derzeit noch für Klinikgruppen, weil nicht abschließend geklärt ist, ob die gemeinsam oder jedes einzelne Haus individuell einen Antrag stellen muss. Angesichts der insgesamt hohen Geschwindigkeit, mit dem das KHZG vorangetrieben wird, ist es essentiell, dass gerade solch wichtige Details geklärt werden. Denn Unsicherheit führt meist dazu, erst einmal nichts zu tun und abzuwarten. Und wenn irgendwas derzeit absolut klar ist, dann dass wir uns ein Abwarten schlicht nicht leisten können.

Mindestens zweischneidig ist zudem auch der Interpretationsspielraum, den einige Kriterien zulassen. Das kann positiv sein, weil die Kliniken dadurch mehr Freiheiten bei den Projekten haben, die sie umsetzen wollen. Andererseits können Vorhaben bei zu viel Spiel auch abgelehnt werden, weil Entscheidungen dann individuell und nach der jeweiligen Sachlage getroffen werden können. Gleiches gilt für die enge Taktung bei der Umsetzung. Sie ist äußerst positiv, weil sie das gesamte Vorhaben konkretisiert und somit zum Katalysator wird. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass bei einem knappen Zeitplan kein Platz zum Experimentieren bleibt. Das heißt, um das KHZG zu einem Erfolg zu machen, müssen die Verantwortlichen auf etablierte Lösungen setzen, die tatsächlich unmittelbar Erleichterung im Klinikalltag bringen, Lösungen, die sofort bei der Belegschaft und den Patienten ankommen. Alles andere wäre Spielerei.

Achtung vor Goldgräbern

Und genau diese etablierten Lösungen sind ein wichtiger Punkt. Denn auch das ist ein Phänomen, welches wir in der Branche mit dem Startschuss des KHZG jetzt häufiger erleben: Plötzlich tauchen Anbieter am Markt auf, von denen man entweder noch nichts gehört hat oder aber die bisher in einem ganz anderen Bereich tätig waren. Das gilt auch für Anwendungen, die anscheinend aus dem Boden gestampft wurden, in dem man sich hier und da eine Idee entliehen hat, die dann – so die Versprechen – die Förderbestandteile erfüllen. Ihre Alltagstauglichkeit bleibt hingegen fraglich.

Per se ist ein größerer Wettbewerb nicht verkehrt, da dieser in der Regel Innovationen fördert. Aber eine kurzfristig aus dem Boden gestampfte Lösung, egal in welchem Bereich, kann schlicht und ergreifend nicht dieselbe Qualität haben. Und da am Ende immer die Gesundheit der Patienten „auf dem Spiel steht“, gilt es für die Kliniken daher aktuell besonders vorsichtig bei der Auswahl der Partner zu sein und sich auch idealerweise Referenzen einzuholen.

KHZG als Chance

Mir ist es auch deshalb so ein großes Anliegen, dass das KHZG nicht mit irgendwelchen Experimenten verbunden wird oder Goldgräber sich an der ein oder anderen Stelle bereichern, weil wir hier alle eine immense Chance haben. Der Gesetzgeber hat nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie erkannt, welchen gesellschaftlichen Stellenwert das Gesundheitswesen hat. Anders als beim Digitalisierungspakt für Schulen wurde das KHZG, vielleicht mit diesem Learning im Hinterkopf, durchaus pragmatisch und unbürokratisch konzipiert – eben so, dass die eingesetzten Gelder tatsächlich etwas bewirken können. Daher sollten wir wo immer möglich jetzt auch gemeinsam und gezielt an der Zukunft einer digitalen Gesundheitsversorgung arbeiten. Wir alle sehen ja auch gerade in diesen Tagen mit einem noch schärferen Shutdown, wo wir ohne Digitalisierung wären und/oder sind, wenn wir das Schulthema noch einmal als negative Referenz heranziehen wollen.

Dass sich Marketing und Kommunikation der Dienstleister in Stellung bringen, die als Partner für Förderprojekte im Rahmen des KHZG in Frage kommen, ist verständlich. Nur bei der Munition sollten wir alle einen Gang zurückschalten und im Zweifel zum Wohle des Gesamtprojekts entscheiden. Der Kuchen ist auch weit über das KHZG groß genug, damit alle satt werden. Schnellschüsse, Fehlinvestitionen oder eben Experimente sind daher unangebracht und würden ein schlechtes Licht auf einen ansonsten nahezu idealen Startschuss fallen lassen. Die Bundesregierung zeigt uns mit dem KHZG gerade mehr als deutlich, dass wir loslegen sollen. Also tun wir es auch und unterstreichen, welche Innovations- und Schlagkraft hierzulande verborgen sind und dass wir damit auch im internationalen Wettbewerb durchaus mitspielen können.

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