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KommentarEin Plädoyer für den Schmerz

Schmerzen sind gut. Sie zeigen uns, wo wir etwas verändern müssen, um besser zu werden. Im Gesundheitswesen scheint das jedoch nicht (mehr) zu gelten. Hat das deutsche Gesundheitswesen seine Schmerzempfindlichkeit verloren und was hat das für Folgen für seine Zukunftsfähigkeit?

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Im Grunde wissen wir das alle sehr genau. Ab und an fällt es uns jedoch wie Schuppen von den Augen. Denn wir sind nicht nur von Geburt an auf die Zuwendung anderer Menschen angewiesen, sondern können auch nur mit- und voneinander lernen. Genau diese Erfahrung durfte ich gerade wieder einmal machen. Und sie hat mich zu allerlei Gedanken angeregt, die ich hier gerne teilen möchte.

Eine Geschäftsführung oder ein Vorstand ist immer nur so gut, wie das Team dahinter. Und deshalb versuche ich stets, die Belegschaft auf dem Marathon, der sich Digitalisierung des Gesundheitswesens nennt, abzuholen und ihr Feedback einzuholen. Ganz konkret beispielsweise im Rahmen eines „All-Hands-Meetings“, bei dem ich über Schmerzen und ihre Bedeutung gesprochen habe. Denn als Digital-Healthcare-Pionier macht man Fehler. Das gehört dazu. Wir alle haben „nur“ eine Vision von der Zukunft und müssen uns auf dem Weg dahin ausprobieren, eventuell auch umkehren und eine andere Richtung einschlagen. Das sind für mich „Schmerzen“. Und es ist wichtig, sie zu spüren. Denn solange wir sie spüren, können wir uns anpassen, Veränderungen anstoßen und im Idealfall erkennen, an welchen Stellschrauben wir für einen "schmerzfreien" Weg noch drehen müssen.

Für mich war der Schmerz vor allem eine Metapher. Bei einem der Kollegen hat sie aber offensichtlich etwas ganz konkretes ausgelöst. Denn nach diesem Meeting sprach er mich an und erklärte mir, dass er dank meiner kleinen Ansprache zum ersten Mal begriffen habe, was wirklich hinter der Erkrankung Lepra steckt. Zwar wüsste er um die Auswirkungen der Krankheit, habe aber nie ganz begreifen können, welche unglaubliche Konsequenz sie eigentlich hat.

Leidet unser Gesundheitssystem an Lepra?

Seine Worte haben bei mir wiederum Gedanken angestoßen und zu neuen Erkenntnissen geführt – der Mensch als äußerst soziales Wesen eben. Aber vorab für alle Nicht-Mediziner unter uns – und immerhin gilt Lepra in den Industrienationen als lange ausgerottet: Lepra ist primär eine Nervenerkrankung, bei der die Schmerzwahrnehmung ausgeschaltet wird. Besonders Bemerkenswert: Nach einer Ansteckung mit dem Erreger, ein Bakterium, können zwei bis 20 Jahre oder mehr vergehen, bis die eigentliche Krankheit ausbricht.

Was mich an diesem Gespräch so fasziniert: Wir alle meiden Schmerz, reden ungern darüber, wollen ihn nach Möglichkeit nicht spüren. Doch wenn wir ihn nicht (mehr) spüren, ist es eigentlich noch viel schlimmer. Und sofort kam mir unser Gesundheitswesen in den Sinn, dass sich an so vielen Stellen gegen die Veränderung, den Schmerz sträubt. Hat es womöglich Lepra?

Wenn man den Gedanken weiter spinnt, muss die Infektion bereits vor vielen Jahren erfolgt sein. Dann nämlich, als attestiert wurde, dass das deutsche Gesundheitssystem auf einem qualitativ hohem Niveau ist – eine Auszeichnung, die offensichtlich zu Bequemlichkeit verleitet, sodass nichts mehr verändert oder gar verbessert werden muss. Damals ließ es nach, das so wichtige Schmerzempfinden, ohne das sich das deutsche Gesundheitssystem in einer Schockstarre befindet.

Ohne Schmerz kein Überleben

Das fatale an dieser „Lepra-Erkrankung“: Die Schmerzursachen sind nach wie vor da. Das heißt, der Veränderungsdruck ist nach wie vor immens groß – ob das System ihn spürt oder nicht. Und hier steckt aus meiner Sicht eine große Gefahr, die ich am Beispiel des KHZG verdeutlichen möchte. Denn das Gesetz ist nicht als klassisches Schmerzmittel gedacht, es ist vielmehr die Lepra-Medikation, die die Ursache der Erkrankung behandeln soll. Doch wenn das System die Schmerzen gar nicht spürt, was passiert dann mit der Medikation, den Fördermillionen? Können sie ihren Zweck überhaupt erfüllen, nämlich den so dringend benötigten Digitalisierungsbooster in der stationären Welt zu zünden? Oder erleben wir ohne Schmerz vielmehr ein „Weiter-So“, die reine Vermeidung von Abschlägen anstatt echter Innovation, Weitsicht, Integration und Interoperabilität?

Wovor ich mich ohne Schmerz jedoch am meisten fürchte: Das der neuralgischer Punkt, die Belegschaften abzuholen und aktiv einzubeziehen, nicht erkannt wird. Und werden sie nicht abgeholt, droht der Kollaps.

Den Schmerz zelebrieren

Meine vage Hoffnung ist jedoch, dass das System gar nicht unter Lepra leidet, die Schmerzen nur stark betäubt sind. Daher sollten alle Verantwortlichen unbedingt noch einmal ganz genau hinhören, wo der Schmerz vielleicht dumpf versucht, sich bemerkbar zu machen. Ansonsten wird die unfassbare Chance verpuffen, die wir mit dem KHZG gerade bekommen. Denn wenn die KHZG-Förderung nur als weiteres Anästhetikum wahrgenommen wird, wird keine Veränderung möglich sein. Dann werden Projekte nach dem Prinzip „unkompliziert und günstig“ umgesetzt, es entsteht kein erkennbarer Mehrwert, weder für die Patienten noch die Belegschaft, die neue digitale Lösung dann nur als Mehraufwand und Zusatzbelastung wahrnehmen wird.

Qualität kostet – und zwar nicht nur Geld, sondern auch Initiative und Einsatz. Sollen die Schmerzen langfristig verschwinden, muss man genau dahin gehen, wo es wehtut. Genau dahin, wo man eigentlich nicht hin möchte oder wovor man sich fürchtet. Auf das KHZG übertragen können das Cloud-Lösungen sein, die auf den ersten Blick unbequem sein mögen, weil sie allerlei Konsequenzen nach sich ziehen - beispielsweise in Punkto Datenschutz. Langfristig kann es sich jedoch lohnen, sich durch diesen Schmerz zu arbeiten, weil es hinterher nicht mehr wehtut, man zukunftssicher aufgestellt ist und auch in 2025 sagen kann: „Ich habe 2022 mit dem KHZG die Grundlagen gelegt.“

Verdrängen ist menschlich

Wenn Sie mich fragen, ob ich mich gerne durch den Schmerz kämpfe. Nein. Auch ich habe es, wenn ich ganz ehrlich bin, gerne einfach. Ich habe vor allem aber in meiner Zeit als Sportler gelernt, dass Schmerzen einem die eigenen Grenzen aufzeigen und dass man diese nur überwinden kann, wenn man etwas verändert. Andernfalls bleibt man in der Mittelmäßigkeit. Und kann das ein erklärtes Ziel für ein Gesundheitssystem sein, dass weltweit einen exzellenten Ruf genießt?

Dafür müssen wir jedoch aufhören, Digitalisierung beispielsweise nur als reinen Kostenfaktor zu werten. Wir müssen aufhören, uns hinter dem Bestehenden zu verstecken. Und wir müssen aufhören, den einfachsten und bequemsten Weg zu wählen. Kurz: Wir müssen den Schmerz wieder als das sehen, was er ist – überlebenswichtig. Wir als Generation sind in der Pflicht, etwas zu verändern und zwar aus einem einfachen Grund: Weil wir es können.

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