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KommentarGeht es jetzt wirklich los mit der Klinik-Digitalisierung?

Ja, es geht jetzt wirklich los – ungeachtet der vermeintlich negativen Meldungen, der Kritik oder des Kleinmachens. Das KHZG ist da, die Reifegradmessung steht und die ersten Fördergelder wurden bereits ausgezahlt. Gute Neuigkeiten. Lassen Sie sie uns als solche feiern! 

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Als „Zugezogener“ darf ich es sagen: Manchmal wundere ich mich über die typisch deutsche Perspektive und frage mich, ob wirklich nur „bad news, good news“ sind. Denn in den Medien war dieser Tage zu lesen, dass bisher „lediglich“ 244 Millionen aus dem Krankenhauszukunftsfonds beantragt und sogar „nur“ 16,5 Millionen ausgezahlt wurde. Zwischen den Zeilen eine deutliche Kritik am gesamten Förderprogramm, die einer genaueren Betrachtung allerdings nicht standhält. Denn die Medien, die so berichten, verkennen, dass die Förderanträge von den Ländern und nicht von den Kliniken und Krankenhäuser gestellt werden und lassen zudem außer Acht, dass auf eben jener Landeeben auch die Fristen individuell festgelegt wurden.

Beispielsweise hatte Niedersachsen seine Antragsfrist nicht nur bis zum 31. Juli 2021 verlängert, anschließend wird die vom Gesetzgeber eingeräumte Bearbeitungsfrist von drei Monaten genutzt, sodass erste Fördergelder hier frühestens im November vom Bundesland selbst beim Krankenhauszukunftsfonds beantragt und anschließend ausgezahlt werden können. Ein anderes Beispiel ist Bayern, wo die allgemeine Antragsfrist zwar schon Ende Mai auslief, für Unikliniken aber noch bis September läuft. Ergo können auch hier noch nicht alle Anträge bearbeitet worden sein.

Das Glas ist also schon halb voll!

Anstatt also indirekt zu kritisieren, dass das volle Potenzial der insgesamt 4,3 Milliarden Euro schweren Förderung noch nicht komplett ausgeschöpft wurde – was vor dem aktuellen Hintergrund auch wie gesagt gar nicht möglich ist –, könnte man quasi frohlocken, dass innerhalb des sehr kurzen Antragszeitraums und angesichts der gerade erst auslaufenden Fristen für die Bedarfsmeldung der Kliniken immerhin schon 244 Millionen Euro angefordert und davon sogar schon erste Mittel ausgeschüttet wurden. Denn aus meiner Sicht ist das mehr als ein gutes Zeichen. Es ist ein erster großer Erfolg und bei der Komplexität der Muss und Kann-Kriterien des KHZG keine Selbstverständlichkeit. Und genau deshalb sollten wir diesen Erfolg auch als solchen feiern!

Mehr noch: Es ist in der kurzen Zeit zudem gelungen, das Modell zur Reifegradmessung in den Häusern vorzustellen. Denn – und das ist für mich ein zentraler Aspekt des KHZG – die Förderung von Digitalprojekten innerhalb der deutschen Kliniklandschaft soll nicht ohne eine anschließende Wirksamkeitsüberprüfung erfolgen. Dafür wird der Digitalisierungsgrad 2021 mit dem in 2024 zu messenden verglichen, um zu evaluieren, ob und wie sich die Investitionen auf die Versorgung der Patientinnen und Patienten ausgewirkt haben. Auch hier: Ja, wir sind insgesamt etwas später dran als geplant. Der Gesetzgeber hatte die erste Reifegradmessung bereits für Juni diesen Jahres angedacht. Doch angesichts des schieren Projektumfangs des KHZG für alle Beteiligten und den insgesamt knappen Ressourcen mit Blick auf die Umsetzung des Gesamtprojekts ist auch das dennoch eine positive Nachricht.

Einbindung vieler Sichtweisen

Die Vorstellung der Reifegradmessung werte ich auch deshalb als Erfolg, weil – anders als oft kommuniziert – eben nicht nur der deutsche Ableger der US-amerikanischen Healthcare Information and Management System Society (HIMSS) an der Entwicklung der digitalen Messinstrumente beteiligt war. Vielmehr steht ein ganzes Konsortium hinter der Reifegradevaluierung. Sowohl Kliniken als auch Kassen, Verbandsvertreter und viele andere Akteure des Gesundheitswesens waren eingeladen, sich zu beteiligen. Im Ergebnis sind also ganz verschiedene Sichtweisen in die Bewertung geflossen, sodass sich das Ergebnis vor allem auch dadurch zukunftsorientiert präsentiert.

Ab Oktober wird gemessen, wie das Konsortium nun bekannt gegeben hat. Und auch das wird kein einfaches Unterfangen. Nach aktuellem Stand des Modells werden 230 Kriterien evaluiert, die insgesamt die sechs Dimensionen klinische Prozesse, Patientenpartizipation, Informationsaustausch, Resilienz Management und Performance, organische Steuerung und Datenmanagement sowie Telehealth erfassen.

Echte Transformation

Also schauen wir uns doch noch einmal die Ausgangslage an. Im Oktober 2020 ist das KHZG in Kraft getreten, um den insgesamt und gerade im internationalen Vergleich sehr niedrigen Digitalisierungstand deutscher Krankenhäuser zu verbessern. In den seit dem vergangenen, vergleichsweise wenigen Monaten hat die große Mehrheit der Häuser in Deutschland also schon Bedarfsmeldungen an die jeweiligen Bundesländer abgegeben. Dafür mussten intern – wohlgemerkt neben dem laufenden Betrieb! – Projektteams gebildet, Bedarfe und Machbarkeiten analysiert, zusätzlich Ressourcen und Berater mobilisiert sowie zahlreiche Gespräche mit Anbietern und Herstellern geführt werden. Und dann steht nicht nur die Evaluierung des gesamten Zukunftsprojekts schon fest, die ersten Fördergelder sind ebenfalls schon geflossen!

Sollten wir das nicht als Zeichen dessen werten, was wir hierzulande im Stande sind, in kürzester Zeit zu leisten? Als Zeichen dessen, dass Digitalisierung gewollt ist? Als Zeichen dafür, dass das Gesundheitswesen einen Wandel, ja eine echte Transformation durchläuft? Meine Meinung hierzu kennen Sie!

Einfach machen!

Was ich mit dem vorangegangen eigentlich ausdrücken möchte: Ja, es gibt jede Menge Verbesserungspotenzial. Das gibt es meiner Meinung nach aber immer. Und ja, wir sind an der ein oder anderen Stelle etwas hinter dem eigentlichen Zeitplan hinterher. Aber im Großen und Ganzen dürfen wir, darf das gesamte Gesundheitswesen sehr stolz sein, was seit dem Inkrafttreten des KHZG bereits realisiert, geleistet und umgesetzt wurde. Jetzt heißt es, die Umsetzung der Projekte in den kommenden drei Jahren mit demselben Elan voranzutreiben, wie wir ihn während der Antragsphase erleben durften.

Mein Gefühl, dass wir wieder eine echte Chance haben, in Sachen Digitalisierung den internationalen Anschluss zu finden, wird in jedem Fall immer stärker. Dafür müssen wir allerdings aufhören, Dinge klein zu reden und uns auf das Negative zu fokussieren. Wir müssen begreifen, dass die Zukunft im Hier und Jetzt beginnt und ihre Gestaltung in unseren Händen liegt. Die Prämisse lautet: Einfach mal machen, Erfolge feiern und positive auf das bereits Erreichte blicken!

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