Georg Thieme Verlag KG

KommentarErstens kommt es anders...

Zweitens als man denkt. Nachdem 2020 schon ein Ausnahmejahr war, hat es uns 2021 an vielen Stellen nicht wirklich viel leichter gemacht. Wo stehen wir also aktuell? Und dürfen wir auf ein positiveres 2022 hoffen?

 

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Ich habe mir gerade den Rück- und Ausblick herausgesucht, den ich vor einem Jahr für diese Kolumne hier verfasst habe. Damals habe ich von 2020 als einem außergewöhnlichen Jahr gesprochen, von einem, das vermutlich in die Geschichtsbücher eingehen wird – nicht ahnend, dass ich das nach weiteren zwölf Monaten erneut sagen muss. Vor genau einem Jahr habe ich die Kolumne an dieser Stelle mit den Sätzen beendet: „Danke 2020. Du warst hart, du warst schwer und du warst an vielen Stellen unfair und hast an vielen Stellen vielleicht überproportional fest zugeschlagen. Aber wir haben dich verstanden. Wir werden daraus lernen, wir werden es in Zukunft besser machen und wir werden gestärkt aus dir hervorgehen.“

Heute muss ich fragen: Haben wir gelernt und sind wir gestärkt aus 2020 hervorgegangen? Mit Blick auf die Corona-Pandemie müssen wir uns sicher eingestehen, dass uns das Virus mit seinen Mutationen auch im Jahr 2021 noch einiges beigebracht hat. Und leider müssen wir nach knapp zwei Jahren des Ausnahmezustands sagen, dass wir die Lage nach wie vor nicht so unter Kontrolle haben, wie wir es uns erhofft hatten. Aber auch das habe ich damals schon betont: Wir sind nur gemeinsam stark. Das gilt für die Impfanstrengungen im Land genauso wie für einen konzertierten Kampf gegen die Pandemie. Und dazu gehören zwingend ein datenbasierter Austausch sowie eine fundierte Faktenlage, wie sie auch zwölf Monate später beispielsweise in den Gesundheitsämtern in Ermangelung eines ausreichenden Digitalisierungsgrades nicht möglich sind. Entsprechend groß ist dadurch auch das gefühlte Chaos an Corona-Regeln, die je nach Bundesland und zugrundeliegender Parameter komplett unterschiedlich ausfallen können. Sprachlich haben sie uns im Jahr 2021 zumindest einige Highlights beschert: Teil-Lockdown, 3G, 2G, 2G+ und das allseits beliebte „Boostern“.

Evolution im Gesundheitswesen spürbar

Ich will an dieser Stelle jedoch nicht auf ausschließlich den negativen Aspekten des Jahres herumreiten. Denn bei allen Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen, dürfen wir nicht vergessen: Im Gesundheitswesen ist eine Evolution im Gange und die braucht nun einmal – anders als jede Revolution – ihre Zeit. Dennoch ist sie spürbar – auch, weil der mittlerweile ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn mit unzähligen Digitalgesetzen viele positive Impulse gesetzt hat. Vor allem das KHZG hat in diesem Jahr einen schlafenden Riesen zum Leben erweckt und die in weiten Teilen doch eher behäbige Kliniklandschaft in Wallung versetzt. Wir sprechen über elf Fördertatbestände, von denen sechs bei Nichtumsetzen mit Strafzahlungen verbunden sind, darunter die digitale Pflegedokumentation, Patientenportale oder die IT-Sicherheit. Das motiviert und bringt so manche Klinikleitung vielleicht sogar auf den Geschmack und weckt den Ehrgeiz, zu einem digitalen Vorreiter zu werden? Und die Schlagzahl wurde mit dem E-Health Gesetz II, der DiGA-Verordnung, oder den fantastischen Impulsen des hih Health Innovation Hubs an vielen Stellen noch einmal zusätzlich erhöht.

Ist deswegen alles so gelaufen, wie wir es uns erhofft haben? Nein! Könnte die KHZG-Umsetzung deutlich schneller von statten gehen! Ja, sollte sie sogar! Dennoch ist das Gesetz da, die ersten Projekte werden angeschoben und sie bleiben. Digitalisierung gehört für jede Klinikleitung mittlerweile zum Alltag und wird mit einer Selbstverständlichkeit wahrgenommen und umgesetzt, wie sie noch vor ein paar Jahren nicht möglich gewesen wäre. Auch daher empfinde ich die Healthcare Evolution als deutlich spürbar, weil sie, auch anders als viele kurzfristige Revolutionen, eben nachhaltig ist, Bestand hat und auch in Zukunft haben wird.

Was jetzt noch vor uns liegt

Aber machen wir uns nichts vor: Der Weg ist noch weit. Weit, um eine hohe Versorgungsqualität im Gesundheitswesen ins digitale Zeitalter zu überführen. Weit, um weiterhin aus medizinischer Sicht zu den führenden Nationen zu gehören. Und dafür müssen auch weiterhin alle Akteure an einem Strang ziehen. Das gilt mit Blick auf das KHZG, mit Blick auf den derzeit beliebten Hashtag #ZusammengegenCorona, vor allem aber mit Blick auf die künftige Zusammenarbeit und Kollaboration im Gesundheitswesen. Wer meine Kolumnen regelmäßig liest, weiß, dass ich ein großer Verfechter von Partnerschaften, offenen Schnittstellen und Interoperabilität bin. Ich bin davon überzeugt, dass ein Weg in die digitale Zukunft für das Gesundheitswesen zwangsläufig darauf beruhen und fußen muss.

Auch deshalb bin ich neugierig darauf, was 2022 nach einem turbulenten 2021 für uns bereithält. Zumindest politisch steht ein Neuanfang fest. Ob man die Farben der an der Regierung beteiligten Parteien befürwortet oder nicht, sei einmal dahingestellt. Sie zeigen jedoch, dass Ergebnisse – auch mit Blick auf die Postenvergabe – möglich sind, auf die viele noch direkt vor der Wahl vermutlich nicht gewettet hätten. Das unterstreicht, dass generell vieles möglich ist – im Hinblick auf die Digitalisierung, wo wir uns von einem vermeintlichen „Abgeschlagen“ gerade doch noch die Chance erarbeiten, als einer der Gewinner aus diesem „Digitalisierungs-Wettbewerb“ hervorzugehen.

Erfolgreiche Transformation wäre Wettbewerbsvorteil

Für die neue Regierung gilt es nun insbesondere im Gesundheitsressort zum einen, 2022 kluge und weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Zum anderen aber auch, die durch den Amtsvorgänger angestoßenen Digitalisierungsvorhaben weiter voranzutreiben, weil sie richtige und wichtige Impulse für die Branche waren und sind. Von unserer neuen Regierung wünsche ich mir zudem das Verständnis, dass wir nur gemeinsam, voll fokussiert, digital und mit maximalem Einsatz den angestoßenen Wandel weiter gestalten und formen können. Die Transformation ist sicherlich eine Mamutaufgabe und erfordert flächendeckenden Einsatz. Wenn der jedoch erfolgreich ist, haben wir am Standort Deutschland einen großen Wettbewerbsvorteil. Dafür darf es allerdings auch weiterhin keine „heiligen Kühe“ geben, die man nicht anrühren darf. Und es muss zum Wohle der Patientinnen und Patienten, der vielen Fachkräfte und des Standortes gehandelt werden. Falls sich dadurch jemand auf den Schlips getreten fühlt: „So be it“. Und natürlich muss auch die Finanzierung der Kliniken auf den Prüfstand gestellt werden.

In diesem Sinne sage ich „Danke 2021. Auch du warst wieder lehrreich und hast uns sicherlich noch einmal stärker gemacht, als wir es uns haben vorstellen können.“ Zum Jahresabschluss bin ich nun aber wirklich zuversichtlich, dass wir 2022 zumindest schon einen kleinen Ertrag dessen ernten können, was wir in den letzten Jahren gesät, gepflegt und versorgt haben. Sicher wissen werden wir es aber erst nach zwölf weiteren Monaten.

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