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InterviewNatalie Gladkov sieht Aufholbedarf bei Apps auf Rezept

Der GKV-Spitzenverband fordert zudem, die freie Preisbildung der Hersteller für ein oder zwei Jahre abzuschaffen. Welche Folgen hätte das?

Eines darf man nicht vergessen: Sofern sich die Start-ups für das Fast-Track-Verfahren entscheiden, fallen für sie gleichzeitig andere Erlöswege weg, beispielsweise Werbung oder der Weiterverkauf von Daten. Mit der vorläufigen Aufnahme haben die jungen Unternehmen durch die Erfüllung umfassender Anforderungen die Möglichkeit, sich in der Gesundheitsversorgung zu beweisen und werden gleichzeitig für ihre Lösungen vergütet. Da junge Unternehmen bekanntlich über wenig Kapital verfügen, haben sie die Chance, in einem sehr regulierten Markt ein stabiles Geschäftsmodell aufzubauen. Das Fast-Track-Verfahren - so wie es momentan konzipiert ist - bildet einen Hebel, damit innovative Lösungen schneller in den ersten Gesundheitsmarkt kommen und damit unsere Gesundheitsversorgung verbessern.

Was ändert sich durch das geplante Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG)?

Unter anderem soll durch das neue Gesetz die IT-Sicherheit verbessert werden. Während das Digitale-Versorgung-Gesetz die Möglichkeit zum Fast-Track-Verfahren geschaffen hat, bringt das geplante neue Gesetz Verschärfungen, beispielsweise ein "Plädoyer" für die Einführung von Höchstbeträgen, mit sich. Dadurch wird vieles erschwert, was wir kritisch sehen.

Das Gesetz macht digitale Anwendungen auch für die Pflege nutzbar. Wie sinnvoll ist dies?

An sich ist es eine gute Sache, dass bald auch Pflegebedürftigen digitale Anwendungen zur Verfügung stehen. Das können zum Beispiel digitale Trainings sein, bei denen sich Pflegebedürftige zu Musik bewegen, um so etwa ihre Koordinationsfähigkeit und Balance zu verbessern. Aus unserer Sicht ist die DiPA allerdings so etwas wie die Stiefschwester der DiGA.

Wie kommen Sie zum Vergleich der DiPA mit einer Stiefschwester?

Es ist eine gute Idee, die allerdings mit sehr stark angezogener Handbremse umgesetzt werden soll. Die Definition von DiPAs ist sehr eng gefasst: So zählen hierzu keine digitalen Hilfsmittel. Zudem sollten DiPAs auch Teil der der stationären Versorgung sein; momentan sind sie nur für die ambulante Versorgung vorgesehen. Bauchschmerzen haben wir vor allem damit, dass die Kosten bei den DiPAs stärker reglementiert werden sollen als bei den DiGAs. Die Kosten für die DiPAs wird die soziale Pflegeversicherung tragen. Vorgesehen ist, dass die gesetzlichen Pflegekassen Leistungserbringern für die Verordnung einer DiPA lediglich 50 Euro erstatten sollen. Außerdem soll bei DiPAs kein Fast-Track-Verfahren möglich sein. Bereits drei Monate nach dem Markteintritt muss der Preis festgelegt sein. Das heißt, dass Hersteller die Nutzennachweisstudie auch dann bereits vorlegen müssen. Warum geht man bei den DiPAs nicht den gleichen Weg wie bei den DiGAs? Man sollte Innovationen erst einmal fördern.

Was fordern Sie vom BMG?

Grundsätzlich haben wir in Sachen Digitalisierung im Gesundheitswesen den Turbo eingelegt. So entwickelt sich für die digitalen Gesundheitsanwendungen gerade ein komplett neuer Markt. Ich habe aber das Gefühl, dass in vielen Punkten vorgeprescht wird, um dann festzustellen, dass möglicherweise etwas nicht so läuft, wie man es gedacht hat - und dann wird im nächsten Gesetz wieder "reglementiert". Was fehlt, ist eine Gesamtstrategie. Es sollte deutlich werden, wie sich das Bundesgesundheitsministerium langfristig die Versorgung vorstellt. Viele "halbe" Pflöcke einzuschlagen, bedeutet nicht direkt, dass eine sichere und funktionierende digitale Versorgung entsteht.

Woran hapert es sonst noch?

Zurzeit sind erste digitale Anwendungen zugelassen, die Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, mit häufigen Erkrankungen und Beschwerden wie zum Beispiel Migräne, Rückenschmerzen und depressiven Verstimmungen besser zurechtzukommen. Ich freue mich, dass es solche Lösungen gibt, die vor allem für junge Menschen hilfreich sein können. Noch betreten wir mit den DiGAs aber Neuland. Viele Patienten wissen gar nicht, dass sie Anspruch darauf haben, sich Gesundheits-Apps verordnen zu lassen. Und auch die Abläufe sind noch neu, da gibt es auch noch ein Informationsdefizit bei den Krankenkassen. Nicht alle Kassenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wissen beispielsweise selbst, wie die Versicherten an einen Rezept-Code kommen, damit diese sich anschließend eine Gesundheits-App herunterladen können. Nicht zuletzt haben manche Psychotherapeuten und Ärzte Vorbehalte gegen die neuen Anwendungen.

Wie kann sich dies ändern?

Wir müssen Wege finden, wie wir die digitalen Anwendungen bekannter machen. Wichtig ist auch, insbesondere bei Ärztinnen und Ärzten die Akzeptanz für die neuen Anwendungen zu steigern. Viele Patientinnen und Patienten haben großes Vertrauen zu ihrem behandelnden Arzt oder ihrer behandelnden Ärztin. Ärztinnen und Ärzte sind der Schlüssel, um auch das Interesse der Patientinnen und Patienten an den digitalen Gesundheitsanwendungen als neuem Versorgungsbereich zu erhöhen.

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