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KommentarWie viel lassen wir uns DiGAs kosten?

Schon ein halbes Jahr gibt es Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Trotzdem ist die Vergütung noch in vielen Punkten unklar oder ausbaufähig – insbesondere für Ärzte. Wenn eine digitale Patientenversorgung keine Randerscheinung bleiben soll, brauchen wir weitere Impulse.

Christian Bethmann
Gesundheitsplaner

Christian Bethmann ist Experte für digitale Gesundheitsvorsorge und Geschäftsführer der Gesundheitsplaner GmbH.

Gesundheits-Apps dienen nicht nur Patienten, sondern auch Ärzten – als Versorgungsbegleiter und als digitale Helfer. Unabhängig von ihrem hohen Potenzial müssen die Apps für Gesundheitsdienstleister allerdings auch finanziell funktionieren. Bisher erhalten Ärzte gerade einmal zwei Euro (18 Punkte) für das Verordnen einer DiGA – viel zu wenig! Immerhin erfolgt die Vergütung zunächst extrabudgetär, doch um den Aufwand der Verordnung zu kompensieren, reicht das natürlich nicht aus. Kein Wunder also, dass die Zahl der Verschreibungen bisher überschaubar bleibt. Zanadio, eine DiGA der ersten Stunde, kommt sechs Monate nach der Zulassung beispielsweise auf etwa 2000 Nutzer. Hier ist noch viel Luft nach oben.

DiGA-Vergütung für Ärzte muss steigen

Die Bedeutung der digitalen Helfer wird in Zukunft allerdings steigen und dann eine größere Aufmerksamkeit der Ärzteschaft erfordern, die mit Kleckerbeträgen sicher nicht fair abgegolten werden kann. Schließlich müssen Ärzte proaktiv einzelne Apps aus dem DiGA-Verzeichnis genauer kennenlernen. Mit der aktuellen Vergütung erscheint das ziemlich unrealistisch. Deshalb muss eine Korrektur nach oben stattfinden – je früher, desto besser!

Bei der Verordnung spielt auch der Aufwand eine wichtige Rolle. Wenn Ärzte eine Indikation feststellen, bei der eine DiGA helfen kann, dann darf es zum Wohle des Patienten nicht an bürokratischen Hürden scheitern. Um Ärzte zu entlasten, muss die Verordnung möglichst einfach umsetzbar sein – hier besteht noch Nachholbedarf. Im Optimalfall sollte die ärztliche Verordnungssoftware meines Erachtens direkt auf geeignete DiGAs verweisen und gleich die dazugehörige PZN vorschlagen. Das würde die Abläufe erheblich erleichtern, ohne dass die ärztliche Verantwortung und das damit verbundene Abwägen im Einzelfall Schaden nehmen muss. Solange Erleichterungen wie diese Zukunftsträume bleiben, werden wohl nur sehr digital-affine Ärzte den Aufwand auf sich nehmen und proaktiv DiGAs verordnen. So bleibt die digitale Versorgung wahrscheinlich noch jahrelang ein Nischenphänomen.

Viele offene Fragen bei DiGA-Erstattung für Hersteller

Für DiGA-Hersteller ist die Situation auch alles andere als einfach. Sie stehen vor der Herausforderung, bereits wenige Monate nach der Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis in Preisverhandlungen mit den Krankenkassen zu gehen. Faktoren für die Preisfindung definiert eine Vereinbarung, die allerdings erst durch einen Beschluss der Schiedsstelle zustandekommen konnte. Das deutet auf harte Verhandlungen hin.

Auch ist weiter unklar, ob die Vergütung gedeckelt wird. Kassen fordern Höchstpreise, Herstellerverbände halten dagegen. Wie ein Deal aussehen könnte, steht noch in den Sternen. Dass einige Start-ups den Weg zur DiGA schon ohne klare Vergütung beschritten haben, beweist Mut.

Das Zulassungsverfahren für DiGA ist robust

Weil es von Mut und guten neuen Ideen mehr braucht, gehen Vorschläge für eine erschwerte Zulassung völlig in die falsche Richtung. Wer meint, dass die Kriterien der Zulassung zu lax sind, ignoriert, dass rund 70 Prüfanträge bis heute gerade einmal 15 DiGAs hervorgebracht haben. Viele davon sind außerdem nur probeweise zugelassen.

Die Forderung des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (Bvvp), diese vorläufige Zulassung komplett zu streichen, würde dem Wettbewerb um die beste digitale Versorgungslösung nachhaltig einen Riegel vorschieben. Falls es dazu kommt, wäre das ohnehin komplexe Entwickeln einer DiGA wahrscheinlich nur noch mit Millioneninvestments zu stemmen.

Dass es in Deutschland überhaupt DiGAs gibt, ist ein großer Fortschritt, für den wir international beneidet werden. Damit das Potenzial der Apps für Ärzte, Patienten und weitere Stakeholder voll ausgeschöpft werden kann, braucht es allerdings eine solide finanzielle Basis. Langfristig werden DiGAs nur dann eine Erfolgsgeschichte, wenn die Finanzierung klar geregelt ist – und zwar auch für Ärzte. Meine Frage bleibt: Wie viel lassen wir uns DiGAs kosten?

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