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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogDiese Technologien prägen die Zukunft des Gesundheitswesens

Die Corona-Pandemie lähmt die Weltwirtschaft und auch das Gesundheitswesen. Wir stehen vor einer neuen Zukunft, auf die sich alle Stakeholder vorbereiten müssen - um sich durch die Anpassung ihres Geschäftsmodells zukunftssicher aufzustellen.

Manuel Heurich
BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Die derzeitigen täglichen Schreckensmeldungen zur Corona-Pandemie legen noch einen Schleier auf das zukünftige Bild des Gesundheitswesens, das positiver kaum sein könnte. Aber zunächst zur aktuellen Lage. Der Tagesreport der deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin verkündete am 17. Januar 2021 folgende Zahlen:

  • ITS-Betten belegt: 21 884
  • ITS-Betten frei: 4 955 

Demzufolge sind 22 Prozent der verfügbaren Intensivkapazitäten frei. Bei den sogenannten High-Care Betten, also denjenigen Intensivplätzen, auf denen eine kontrollierte invasive Beatmung möglich ist, beträgt die freie Kapazität 43 Prozent oder 3 531 Betten. Zusätzlich können laut Angaben der meldenden Kliniken 10.759 Betten als Notfallreserve aktiviert werden. Diese Zahlen sollten eine objektive Entscheidungsfindung unterstützen, um nicht wie kürzlich aus dem Kanzleramt durchgesickert aus der „blanken Angst“ heraus regieren zu müssen. 

Nun aber weg von den nackten Zahlen hin zum Technologiewandel, der unzweifelhaft durch das Virus eingeleitet wurde. 

mRNA-Technologie vor großer Zukunft und Wandel in der Krankenhauslandschaft

Eine der wichtigsten Technologien ist für mich die viel diskutierte mRNA-Technologie. Für die an dieser Technologie forschenden Unternehmen wie CureVac, BioNTech und Moderna war Covid-19 der Durchbruch, da das Virus sehr schnell entschlüsselt und ein entsprechender Impfstoff inklusive beschleunigter Zulassungsverfahren hergestellt werden konnte. Ein weiterer Glückfall für das deutsche Gesundheitswesen ist, dass zwei der drei führenden Unternehmen auf diesem Gebiet aus Deutschland kommen. 

Falsch ist aber, diese Unternehmen nur auf die Impfstoffproduktion von Covid-19 zu reduzieren. CureVac forscht bereits seit mehr als 20 Jahren an der mRNA-Technologie und auch BioNTech wurde bereits im Jahr 2008 gegründet.

Die große Vision der BionNTech Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin ist es die Immuntherapie zu individualisieren. Nach Unternehmensangaben hat BioNTech aktuell über zwanzig Produktkandidaten und zehn Produktkandidaten in elf laufenden klinischen Studien. Der Corona-Impfstoff bedeutet für alle drei Unternehmen, dass die Ressourcenbasis für vorklinische und klinische Forschung massiv ausgeweitet werden kann. BioNTech hat für seinen Impfstoff weltweit ca. 1 Milliarde Bestellungen erhalten, was für das Unternehmen ein riesiges Umsatzwachstum von 121 Millionen Euro im Jahr 2019 auf mehrere Milliarden Euro im Jahr 2021 bedeuten wird. Dies könnte der entscheidende Wachstumsschub für den Durchbruch der mRNA-Technologie in der Krebsmedizin bedeuten, wenn Unternehmen wie BioNTech 100 mal mehr Ressourcen einsetzen können als bislang.

Für das Gesundheitswesen insbesondere Krankenhäuser kann dies zukünftig weitreichende Konsequenzen haben. Gelingt ein weiterer Durchbruch, könnte das Ambulantisierungspotenzial in den Kliniken massiv steigen. Es wird auch zu einer Substitution chirurgischer und strahlentherapeutischer Verfahren kommen. Kliniken können ihre strategische Ausrichtung heute noch nicht anpassen, aber wer die technologischen Entwicklungen engmaschig verfolgt, sollte die Wirkungen der mRNA-Technologie für seine Langzeitstrategie durchaus im Auge behalten.

Künstliche Intelligenz wird das Gesundheitswesen formen

Die zweite wichtige Technologie, die das Gesundheitswesen in den nächsten zehn Jahren prägen wird, ist die künstlicher Intelligenz (KI). Hierüber habe ich bereits in einigen vorangegangen Artikeln berichtet. Wer sich die sogenannte KI-Landkarte Deutschlands, die auf dem Portal plattform-lernende-systeme.de verfügbar ist, einmal zu Gemüte führt, der wird schnell begreifen, warum KI eine so große Veränderung verspricht. Es fließt immer mehr Wagniskapital in KI-Produkte im Gesundheitswesen und es kommen immer mehr Anwendungen in den klinischen Alltag. Privates Wagniskapital ist häufig deutlich besser geeignet als staatliche Förderungen, um den Sondierungsprozess zwischen zukunftsträchtigen und zukunftslosen Produkten zu forcieren. Dieser Prozess läuft auf Hochtouren. Das Start-up Paige zum Beispiel, das Pathologen in der Diagnosefindung unterstützt, hat kürzlich 83 Millionen US-Dollar eingesammelt unter anderem von Johnson & Johnson. Es soll exemplarisch für die vielen Unternehmen stehen, die das Gesundheitswesen durch Technologie verändern werden. 

Im Vergleich zu anderen Technologien wird bei Machine Learning Algorithmen die vertikale und horizontale Durchdringung sehr hoch sein. Sie werden sowohl auf der Prozessebene als auch in der medizinischen Diagnostik und Therapie Einzug finden. 

Investitionsfähigkeit wird zum entscheidenden Faktor

Die wirtschaftliche Situation deutscher Kliniken hat sich in den letzten Jahren sehr heterogen entwickelt. Viele Experten erwarten für das aktuelle Kalenderjahr, dass die Schere zwischen investitionsfähigen und nicht investitionsfähigen Kliniken weiter auseinander geht.  Angesichts der technologischen Entwicklung sollte jeder Klinikträger die Fokussierung auf die Wirtschaftlichkeit neben der Qualität sehr stark verfolgen. Kliniken, die nicht ausreichend investitionsfähig sind, werden in gewisse Technologien nicht investieren können und laufen Gefahr auch medizinisch qualitativ abgehängt zu werden. Ein Teufelskreis, der am Ende häufig in der Insolvenz oder einem Klinikträgerwechsel endet. 

Fazit

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass neue Technologien die Zukunft des Gesundheitswesens stark mitbestimmen werden. Wirtschaftliche Stärke wird ein wichtiger Eckpfeiler für Kliniken, um dem Technologiewandel begegnen zu können. 

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