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kma Entscheider BlogDie neuen Hidden Champions im Gesundheitswesen

Technologie ist wieder en vogue! Die Entwicklung der letzten Monate war geprägt von der Adaption neuer Technologien im privaten wie auch geschäftlichen Umfeld. Das Gesundheitswesen entwickelt sich zu einer führenden Technologiebranche und birgt viel Potenzial für deutsche Tech-Firmen. Ich werfe einen Blick auf die gefragten Akteure, die zukünftigen Hidden-Champions und einen Fahrplan für Kliniken, um die Herausforderungen meistern zu können.

Manuel Heurich
BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Mit Begeisterung lese ich die technologischen Headlines der letzten Wochen. Es geht ein Ruck durch das Land und seit Corona ist die Begeisterung für technologische Entwicklungen ausgeprägter denn je. Videokonferenzen, digitale Events und Softwareautomatisierung kommen im Gesundheitswesen endlich an. Es entsteht aktuell ein Wandel, der das Gesundheitswesen zu einer der führenden technologischen Branchen machen kann.

Wo entwickeln sich die zukünftigen Hidden Champions?

Als Hidden Champions (heimliche Gewinner) werden Unternehmen bezeichnet, die in Nischenmarktsegmenten von der Öffentlichkeit relativ unbeobachtet zu führenden nationalen oder internationalen Unternehmen aufgestiegen sind. Laut einer Auswertung für das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im letzten Jahr, die mehr als 1500 Hidden Champions identifizierte, waren knapp 25 Prozent der Unternehmen im Maschinenbau angesiedelt, 10 Prozent im Bereich der Elektronik und etwa 5 Prozent kamen aus den Bereichen Medizintechnik/Sport und Spielwaren.

Während sich in den USA diese Verteilung bereits vor vielen Jahre umgekehrt hat, scheint nun auch in Deutschland ein großer Wandel eingeleitet zu werden. Angetrieben von einer neuen Nachfrage im Gesundheitswesen, entwickelt sich eine neue Generation von High-Tech Unternehmen im Bereich Software, Medizintechnik und Pharma, die ein großes Potenzial hat.

Unternehmen wie CureVac, Ada Health oder Brainlab konnten sich in den letzten Jahren etwas fern vom Medienrummel entwickeln und genießen nun größte Aufmerksamkeit. Den Ritterschlag bekam das Tübinger LifeScience Unternehmen CureVac in den letzten Monaten gleich mehrere Male. Corona machte den Impfstoffhersteller von heute auf morgen weltberühmt, die Bundesregierung stieg mit einer Millionen Beteiligung beim Unternehmen ein und der wohl aktuell größte Tech-Entrepreneur Elon Musk besuchte das Unternehmen in der letzten Woche, um die Zusammenarbeit mit seiner Tesla Tochter Grohmann zu begutachten. Diese jetzt berühmten Unternehmen entfachen neuen Unternehmergeist und die zweite Reihe scharrt bereits mit den Hufen.

Viele kleine Startups benötigen keine großen Investitionen mehr, weil sie ihre Softwarecodes ohne große Infrastruktur schreiben können. Unternehmen wie Retrobrain, die eine Spielkonsole für die Therapie von Parkinson Patienten entwickelt haben, mischen den Markt kräftig auf. Egal ob zur Datenanalyse, zur Informationssteigerung für Patienten, zur Erkennung von Krankheiten mit Machine Learning oder der Optimierung von Ablaufprozessen. Software wird das Gesundheitswesen sukzessive revolutionieren und deutsche Tech-Unternehmen haben große Chancen sich ein Stück von diesem Milliardenkuchen abzuschneiden.

Das interessante an dieser Entwicklung ist die personelle Zusammensetzung dieser neuen Player. Die Unternehmen bestehen häufig aus hoch differenzierten Teams, die Know-How aus unterschiedlichsten Bereichen mitbringen und keine Hemmung haben eng mit etablierten Playern aus Klinik und Praxis zu kooperieren. Naturwissenschaftler, Softwareentwickler, Betriebswirte, Mediziner und Pflegekräfte arbeiten Hand in Hand, was das Tempo der Revolution massiv beschleunigt.

Die Rolle der Krankenhäuser

Deutsche Krankenhäuser stehen seit der beschleunigten Digitalisierung unter einem enormen Druck, ihre IT-Landschaft für diese Entwicklung zu wappnen. Hier liegt gleichzeitig die große Chance der neuen Hidden Champions. Ohne kooperative oder konsultative Produktimplementierungen werden die Kliniken diese Herausforderungen nicht stemmen können, weil sie schlichtweg das differenzierte Know-How in ihrer Organisation nicht vorhalten. Diese Chance können Startups aber auch etablierte Unternehmen nutzen und durch einen konsultativen Verkaufsansatz für Transparenz und Effizienz sorgen. Je besser die einzelnen Komponenten in den Kliniken miteinander kommunizieren, desto besser werden die klinischen Outcomes. Kliniken, die mit den richtigen Partnern auf die richtigen Investitionen und Plattformen setzen, werden ihrer Konkurrenz einen Schritt voraus sein. Datentransparenz kann an dieser Stelle gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Kliniken brauchen Transparenz über die Leistungen, das Leistungspotenzial, die Prozessabläufe und Prozesskosten, sowie die internen verfügbaren Ressourcen. Die Strategie für die nächsten Jahre wird nicht sein ein möglichst großes Leistungsspektrum anbieten zu können, sondern in einem gezielt definierten Leistungsspektrum zu den Besten zu gehören. Dies kann nur gelingen, wenn Investitionen in Digitalisierung für die entsprechenden Leistungsbereiche getätigt und nachgehalten werden.

Weiterer Druck in Richtung Digitalisierung entsteht aber nicht nur durch die Bedürfnisse der Patienten und die technologischen Weiterentwicklungen der Hersteller. Auch der Bund hat in dieser Woche den Druck indirekt erhöht, in dem er den ÖGD-Pakt verabschiedet hat. Dieser beinhaltet 800 Millionen Euro Investitionsvolumen für die Digitalisierung der Gesundheitsämter. Der öffentliche Gesundheitsdienst soll demnach technisch aufgerüstet werden, um bis 2022 auf einer gemeinsamen Kommunikationsplattform kommunizieren zu können. Niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser sind hiervon zwar nicht direkt betroffen, aber wenn die Gesundheitsämter ab 2022 vollständig digital arbeiten, werden auch die Datenlieferungen aus den Praxen und Krankenhäusern vollständig digital erfolgen müssen.

Vertriebswege werden sich neu ordnen

Sowohl im ambulanten als auch stationären Gesundheitswesen werden sich die Vertriebswege vollständig neu ordnen. Während aktuell in Kliniken in der Regel die klassische Einkaufsorganisation vorherrscht, werden zukünftig Plattformen entstehen auf denen Anwender selbst tätig werden können. Ärzte werden nicht länger Geräte vor Ort besichtigen und testen müssen, sondern können diese virtuell ausprobieren. Das spart auf der einen Seite Zeit für die Leistungserbringer und auf der anderen Seite wird Vertriebsaufwand auf der Herstellerseite reduziert. Dies bedeutet aber auch, dass sich sowohl die Stakeholder des Gesundheitswesens als auch die Krankenhäuser auf diese Veränderungen vorbereiten müssen. Den größten Aufwand haben hier wiederum die Kliniken, die Ihre Prozesse zunächst intern transparent aufbereiten sollten, um dann auf die neuen Gegebenheiten reagieren zu können. Hersteller auf der anderen Seite haben die Möglichkeit Ihre Produkte deutlich besser vorzubereiten als das bislang möglich war. Zum einen durch die Möglichkeit der virtuellen Präsentationen und zum anderen durch die Datenvielfalt. Es können konkrete Einsatzszenarien modelliert werden, die das Patientenpotenzial, die klinischen Verbesserungen und auch den ökonomischen Business Case für die Anwender transparent machen. Dies wird zu einem Umdenken führen, weg vom reinen Produktverkauf hin zu einem nutzenorientierten Verkaufsprozess.

Fahrplan für Kliniken

Als Klinik kann man dieser hohen Änderungsgeschwindigkeit schnell den Überblick über die notwendigen Maßnahmen im Rahmen der Digitalisierung verlieren. Denn zum einen muss die interne Organisation betrachtet werden und zum anderen muss die Umwelt für die Weiterentwicklung des medizinischen Leistungsspektrum berücksichtigt werden. Das Vorgehen sollte demnach gut strukturiert erfolgen.

Transparenz schaffen: Im ersten Schritt sollte die Ressourcenbasis und die Unternehmensumwelt transparent aufgearbeitet werden: Die Ressourcenbasis betrifft die IT- und Med-Tech-Infrastruktur, die im Einsatz befindlichen Softwarekomponenten und deren Zusammenspiel sowie die Personalstruktur. Auf der Anwenderseite sollten die Leistungserbringer, insbesondere Pflege und Ärzte, sowohl in Quantität als auch in der medizinischen Fachlichkeit aufgeführt werden.

Im zweiten Schritt sollte die Prozessebene beleuchtet werden. Dies betrifft sowohl die klinischen als auch die nicht klinischen Prozesse im Krankenhaus.

Im dritten Schritt sollte die Unternehmensumwelt dargestellt werden, um das eigene Leistungsportfolio ins Verhältnis zu Wettbewerb und Marktvolumen setzen zu können.

Gezielte Strategien ableiten: Im vierten Schritt können aus Verbindung von Ressourcenbasis und Unternehmensumwelt Strategien abgeleitet werden.  Dies sind zum einen ressourcenorientiere Strategien, die das medizinische Leistungsportfolio, das unter Berücksichtigung der vorhandenen Ressourcen (Personal, Medizintechnik, Software) möglich ist, darstellen. Zum anderen kann das potenzielle Leistungsspektrum, für welches am Markt eine Nachfrage besteht in den Strategieprozess einfließen, um notwendige Investitionen beurteilen zu können.

Die Validierung der abgeleiteten Strategien erfolgt im letzten Schritt. Auch hierzu ist der Einsatz von Software um Marktszenarien, Portfolioanalysen und kennzahlenbasiertes Benchmarking durchführen zu können, von Vorteil.

Zusammenfassend kann der Ausblick durchaus positiv bewertet werden. Deutschland ist aus dem technologischen Dornröschenschlaf aufgewacht und es bestehen sowohl auf Klinik- als auch Herstellerseite großes Potenzial durch den anstehenden technologischen Wandel.    

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