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Rechenzentrum der Unimedizin MainzVirtualisierung hilft beim Skalieren

Seit Anfang 2022 leitet Dr. Christian Elsner als CFO der Universitätsmedizin Mainz das IPSUM-Projekt und setzt die IT-Modernisierung des Standorts um. Im Interview mit kma Online verrät er, warum die IT umstrukturiert wird und den Campus verlässt – und mit welchen mobilen Apps die Uniklinik arbeitet.

Dr. Christian Elsner
Privat

Dr. Christian Elsner, Chief Financial Officer der Universitätsmedizin Mainz.

„Die Verlagerung unseres Rechenzentrums läuft mit Hochdruck“, erzählt Chief Financial Officer Dr. Christian Elsner, der seit Jahresbeginn das Projekt IPSUM, kurz für Infrastruktur, Prozesse & Services der Universitätsmedizin Mainz IT, betreut. Ab 2023 bezieht die gesamte IT des Universitätsklinikums schrittweise die hochmodern umgebaute Station West direkt am Mainzer Hauptbahnhof.

Bei dem IT-Projekt steht die Basisinfrastruktur im Vordergrund: „Es geht darum, wie wir zukünftig Service Desks und Rechenzentren aufsetzen und unsere Netzwerkinfrastruktur betreiben“, erklärt Elsner. Trotz leichter Verzögerungen ist man in Mainz guter Dinge: „Der Vollbezug des neuen IT-Workspace dürfte im Juli nächsten Jahres vollständig abgeschlossen sein“.

Wie die meisten Kliniken hat auch die Unimedizin Mainz eine „gewachsene“ IT-Struktur: an verschiedenen Stellen auf dem Campus sind Server entstanden, die teils nach unterschiedlichen Standards gewartet werden und miteinander vernetzt sind. Für Elsner ist das nicht mehr zeitgemäß: „Eine moderne IT muss ihre Server unbedingt zentralisiert und nach einheitlichen Standards betreiben.“

Herzstück des IPSUM-Projekts: Vereinheitlichung des Rechenzentrums

Nach kontroverser Diskussion und ausführlicher Evaluation habe man sich deshalb in Mainz dafür entschieden, alles an einem Ort zusammenzuführen: „Die Auswahl fiel auf einen externen Standort, wo wir nun mit Hochgeschwindigkeitsanbindung über Glasfasernetzwerke unsere Server nach State-of-the-Art Sicherheitsstandards bündeln können.“ Zwei klassische Container-Einheiten plus Spiegelung sind der Plan und die Basis für alle weiteren Schritte. „Wir richten uns damit eine private, standortübergreifende Cloud ein“, fügt Elsner hinzu.

Mit der stufenweisen Inbetriebnahme des hochmodernen Rechenzentrums beseitigt die Unimedizin einen Engpass der IT: „Wir haben jetzt tolle Entwicklungsmöglichkeiten und wechseln perspektivisch über die nächsten 12 Monate in eine virtualisierte Umgebung.“ Was das konkret heißt, erklärt Elsner im Detail: „Applikationen laufen dann nicht mehr auf physikalischen Einzelrechnern, sondern sind durch die Virtualisierung der Rechenumgebung bei Geräteausfall sofort auf anderen Rechnern verfügbar.“

Diese Simulation erfolgt innerhalb der privaten Cloud. Neben einer höheren Ausfallsicherheit und besseren Sicherheitsstandards kann die IT so schneller skalieren, wenn eine Applikation beispielsweise auf einmal sehr gefragt ist oder zu bestimmten Tageszeiten stark verwendet wird: „Virtuelle Umgebungen können dies viel schneller sicherstellen“, betont Elsner und verweist auf Großrechenzentren in Banken oder bei Lufthansa: „Dort ist das schon seit Jahren Standard. Im Krankenhaus ist es heute noch etwas Besonderes.“

Off-Campus: Wachstum und Bau-Masterplanung

Doch warum überhaupt eine Auslagerung der IT? „Der Umbau der IT bietet uns einen ökonomischen Vorteil: wir haben so Wachstumsmöglichkeiten am externen Standort und können im alten IT-Gebäude Platz schaffen – nicht nur, um 100 Kita Plätze unterbringen zu können, sondern auch um unsere Bau-Masterplanung umzusetzen.“

Für die Gestaltung der neuen Location folgt der IPSUM-Projektleiter dem New-Work-Ansatz: „Analog zum Workspace im Google-Headquarter wollen wir mit Glas-Containern, Denkzellen, Gruppenbüros und Tischkicker einen modernen Arbeitsflair schaffen – eine IT-Arbeitsumgebung direkt am Hauptbahnhof, die so gestaltet ist, dass alle aus der IT zusammensitzen können: „Agilität spielt eine wichtige Rolle bei unserer Neukonzeptionierung“, fasst Elsner das Konzept zusammen: „die offene Architektur bringt unsere transparente Arbeitskultur am besten zum Ausdruck – und sorgt auch für eine stärkere Attraktivität.“

Die neuen IT-Räume: im „Google Workspace Style“

Schon jetzt bündelt die IT der Mainzer Unimedizin in ihrem agilen Workspace auf 250 qm der ehemaligen Sparkassenfiliale ihre Kreativthemen und bringt IT- und Bau-Köpfe an einen gemeinsamen Tisch. „Dies wird rege für Besprechungen genutzt“, berichtet der CFO: „Wir sehen, dass die IT-Leute Lust haben, in dieser offenen Architektur zu arbeiten – statt versprengt an unterschiedlichen Campus-Locations.“

Neben den baulichen Maßnahmen hat der IT-Umbau teilweise jedoch auch mit strukturellen Veränderungen bei der Arbeitsweise der Klinik-IT zu tun: So fokussiert die IT zunehmend auf „Product Ownership“: „Das bedeutet beispielsweise, dass wir jemanden haben, der nur für unsere Apps zuständig ist“, erläutert Elsner den zeitgemäßen Arbeitsansatz: „Wir versuchen das Thema Design Thinking und Kompetenzen stärker abzubilden und wollen moderieren, welche Anforderungen der Nutzer hat. So entwickeln wir unsere IT stärker in Richtung Service- und Nutzerorientierung.“

Der neue Standard: agiles, prozessuales Arbeiten in der IT

Beim IT-Recruiting heißt das u.a. nicht nur klassische Fachinformatiker*innen und Programmierer*innen einzustellen, sondern zunehmend Profile, welche, mittels Design Thinking etwa, Nutzeranforderungen erarbeiten und stärker in die Kliniken gehen, um sich Prozesse und ihren Änderungsbedarf anzuschauen.

„Mit unserem CMIO (Chief Medical Information Officer) stellen wir jetzt z.B. bewusst einen Mediziner ein und siedeln diesen in unserer IT an, damit er die Nutzer mit ihren Bedürfnissen abholt“, verrät Elsner. Das Problem sei nämlich oft: „Nutzer denken, sie bräuchten bestimmte Software. Meist ist das gar nicht notwendig.“ Wichtiger sei es, Prozesse umzustellen, betont Elsner: „Arztbriefe und Visiten laufen anders ab, wenn Daten auf einmal live am Rechner oder Tablet eingegeben oder abgefragt werden: Dafür braucht man medizinische Schnittstellen und muss den ‚Sprech‘ des Users sprechen.“ Nach der Einphasung sollen die Mainzer IT-Kräfte deshalb häufiger vor Ort in den Kliniken sein, um mit den Nutzern zu interagieren.

Unterstützung durch das KHZG

Unterstützung erhält die Unimedizin Mainz bei ihrem Großvorhaben gleich in zweifacher Linie: durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) und drei Partner: „Die Firma Kyndryl setzt mit uns federführend das IPSUM-Projekt um und begleitet eng die Integration des Rechenzentrums“, erzählt Elsner. Zudem sei IBM als Partner für Innovationen und App-Landschaft mit im Boot. „Unser Partner PwC hilft uns beim Management der Projekte im Kontext des KZHG.“

Über das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) realisiert die Unimedizin Mainz derzeit insgesamt fünf Projekte zur IT-Modernisierung: „Wir haben 20,3 Millionen Euro Fördermittel erhalten. Sicherheit bildet dabei die erste Säule. Zudem wollen wir mit Closed Loop Medication ein voll integriertes Medikationssystem, von der Verordnung bis zur automatisierten Ausgabe der Medikamente, bei uns einführen und so für eine höhere Patientensicherheit sorgen.“

Fördertatbestände für KI, Sicherheit, AMTS, mobile EPA & Worklist Management

Als drittes Projekt im Kontext der elektronischen Dokumentation setzen die Mainzer Klinikmanager zudem den Rollout der mobilen Patientenakte am Krankenbett um. „Wir realisieren das über sechs Pilotstationen und überarbeiten dabei unsere Benutzeroberfläche“, ergänzt Elsner. Mit der Vereinheitlichung der Befundportale über das sogenannte Worklist Management, das Ärzten auf einer zentralen Plattform mehr Übersicht über Laborbefunde bietet, die sie fortan nicht mehr in den Krankenakten suchen müssen, ist ein weiteres Digitalprojekt abgesteckt.

„Das fünfte Projekt ist unser Leuchtturm. Dabei geht es um den Einsatz künstlicher Intelligenz“, verrät der CFO. Als eine von wenigen Unikliniken nutzen die Mainzer KI bei der onkologischen Befundung in der Pathologie. „Dieses Thema wollen wir über ein einheitliches Tumorboard großflächiger integrieren, speziell für die Onkologie“, kündigt Elsner an: „Der Arzt sieht zukünftig gebündelt auf einer Oberfläche die KI-angereicherte Befunde aus anderen Fachabteilungen. Indem wir die Kapazitäten in unserem Rechenzentrum erhöhen, können wir unsere KI-Prozessorenpower ausbauen und unsere Algorithmen schneller weiterentwickeln.“ Auch dafür sei die private Cloud nützlich, erklärt der Klinikmanager stolz.

Einsatz von 5G und mobilen Apps

Auch das Thema 5G spielt beim Mainzer IT-Umbau eine Rolle: da einzelne Gebäude auf Grund brandschutztechnischer Anforderungen nur kostenintensiv und aufwändig mit WLAN zu versorgen sind, kommt nun 5G zum Zug: „Durch wenige Außenantennen können wir so unsere Häuser bestrahlen, um mit Laptops, Tablets und 5G-Endgeräten elektronische Visite machen zu können“, beschreibt Elsner das Vorgehen. Andere Anwendungsbereiche für die 5G-Pilotierung sollen Ortungsdienste und weitere Use Cases wie Augmented Reality und Ultrabreitbandverbindungen werden.

Besonders stolz ist der CFO auf die mobilen Apps im Kliniksetting: „In den letzten drei Jahren haben wir unterschiedliche Anwendungen entwickelt und erprobt. Mit der nativen UMessenger App, einem DSGVO-konformen Messaging-Tool, die rund 500 Mitarbeitenden regelhaft einsetzen, können wir inzwischen auch medizinische Inhalte teilen“, berichtet er. Ärztinnen und Ärzte, die zuhause im Dienst sind, können so nun auf ihrem mobilen Privatgerät gesichert medizinische Inhalte versenden und so beispielsweise virtuelle Bereitschaftsdiensträume, etwa im neurologischen Konsil, rund um die Uhr besetzen können.

Erfolg mit nativen Apps, die Klinikmitarbeitende nicht erst herunterladen müssen

Als Innovationsführer im Feld mobiler App-Lösungen zeigt sich die Uniklinik auch bei der Erfassung des Corona-Impfstatus: „Dies haben wir komplett über eine HTML5-App gelöst: man muss sie nicht herunterladen. Durch Scannen eines QR-Codes hatten die User die App sofort im Browser. Das sorgte für eine hohe Nutzerakzeptanz“, erklärt der IT-Experte. Die Flagship-App wird derzeit von über 5000 der rund 8000 Klinikbeschäftigte regelhaft genutzt – und auch die Messenger-App mit demselben Login-System zählt bereits knapp 4000 hinterlegte User. „Ein digitaler Durchbruch, der zeigt, dass unsere Generation digital ready ist“, findet Elsner.

Bei der dritten, ebenfalls nativen App, die erst in Kürze in Betrieb geht, geht es schließlich um die mobile Erfassung von Anamnese-Daten: „Sind Patienten einmalig im Klinikum identifiziert worden, können sie hierüber auch von zuhause Daten eingeben, die im FHIR-Standard codiert und abgelegt werden“, so Elsner: „Die Daten erscheinen direkt im KIS-System. So kann die Pflege z.B. sofort den vom Patienten zuhause gemessenen Blutdruck sehen. Eine tolle Entlastung.“

Support für Klinikmanager: Healthcare Hackathon

App-Innovationen und weitere Fragen rund um digitale Lösungen, Bauvorhaben und Nachhaltigkeit adressiert die IT der Uniklinik vom 14. bis 17. September 2022 auf dem bevorstehenden Healthcare Hackathon im Alten Postlager in Mainz. Das Event ist ein agiles Großformat, bei dem Kleingruppen von bis zu zehn Leuten in gemischten Teams – Startups, Mitarbeiter, Firmen, Experten – bestehende Probleme wie auch neue Herausforderungen gemeinsam bearbeiten und lösen. Elsner hat dort bereits gute Erfahrungen gesammelt: „Es geht nicht nur um IT-Themen. Wir konnten zuletzt z.B. auch innovative Arbeitszeitmodelle im Pflegebereich entwerfen und uns Gedanken machen, wie so etwas wie Gleitzeit auf Station funktionieren kann.“

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