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Telematikinfrastruktur als BelastungStrategien für die digitale Transformation des Gesundheitswesens

Die Telematikinfrastruktur bremst die digitale Transformation des Gesundheitswesens mehr, als dass sie sie vorantreibt. Das ist allerdings nur ein Symptom, denn die Ursache dafür liegt woanders. Ein Bericht vom Klinikum Darmstadt.

Klinikum Darmstadt
Klinikum Darmstadt

Außenansicht vom Klinikum Darmstadt.

Die Telematikinfrastruktur ist eine Belastung für die Krankenhäuser

Durch die Einführung der Telematikinfrastruktur soll eine leistungsfähige und sichere digitale Vernetzung aller Leistungserbringer im Gesundheitswesen erreicht werden. So die Theorie, in der Praxis schaut das leider anders aus.

Am Klinikum Darmstadt wurden, wie auch in den meisten anderen Krankenhäusern, zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Telematikinfrastruktur im Klinikum zu implementieren. Insbesondere für die Mitarbeitenden der IT-Abteilung ist das ein erheblicher Zusatzaufwand in der ohnehin angespannten Lage – der digitale Wandel bringt schließlich zahlreiche andere IT-Projekte mit sich.

Der Nutzen der Telematikinfrastruktur hält sich jedoch bislang in Grenzen. Der Stammdatenabgleich funktioniert im Klinikum Darmstadt reibungslos, führt jedoch zu keiner nennenswerten Verbesserung der Versorgung. Die Einführung aller anderen Funktionen wurde bekannterweise verschoben oder gänzlich gestoppt.

Unter dem Strich bleibt festzustellen, dass die Telematikinfrastruktur bislang lediglich einen sehr großen Implementierungsaufwand verursacht hat, ohne jedoch zu einer nennenswerten Verbesserung der Versorgung beizutragen.

Gut gemeint, aber schlecht gemacht?

Die Gematik wurde im Jahr 2005 gegründet und aus dieser Zeit stammt auch die Konzeption für die Telematikinfrastruktur. Der technische Fortschritt hat die Telematikinfrastruktur jedoch zwischenzeitlich überholt. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob für die Zwei-Faktor-Authentifizierung im Jahr 2022 immer noch auf Smartcards zurückgegriffen werden muss, obwohl nahezu jede Person über ein Smartphone verfügt. Der Bankensektor macht es vor und hier scheint es keine größeren Sicherheitsprobleme zu geben.

Die Wurzel allen Übels sehe ich allerdings darin, dass mit der Telematikinfrastruktur die bestehende Prozesslandschaft im Gesundheitswesen zwar digitalisiert, aber nicht weiterentwickelt und an die heutigen Anforderungen angepasst wird. Hätte nicht zunächst die Versorgungsstruktur auf den Prüfstand gestellt werden müssen, bevor digitale Anwendungen erstellt werden? Wenn beispielsweise Medikamente direkt in der Notaufnahme oder beim Hausarzt ausgehändigt werden würden, könnten sich die Patienten den oft mühsamen Weg in die Apotheke sparen und das E-Rezept wäre überflüssig. Die zweifelsfrei sehr wichtige pharmazeutische Beratung könnte von der Medikamentendistribution losgelöst und von den Apotheken telemedizinisch erbracht werden. Die Gesundheitsversorgung wäre dann auch digital, aber patientenorientierter.

Wir brauchen einen Neustart des Gesundheitswesens

Nicht die Digitalisierung selbst ist der große Game-Changer im Gesundheitswesen, sondern die durch die Digitalisierung erst möglich gewordene digitale Transformation. Und diese müssen wir konsequent angehen! Folgende Handlungsfelder spielen dabei eine entscheidende Rolle.

1. Kluge Prozesse

Die Strukturen und Prozesse im Gesundheitswesen müssen konsequent neu gedacht werden, und zwar aus der Patientenperspektive. Wie muss ein Behandlungsprozess gestaltet sein, um ein bestmögliches Behandlungsergebnis zu erreichen? Wer muss daran beteiligt sein und wer nicht? Dort wo es möglich ist, sollten Prozesse standardisiert und automatisiert werden, um Freiraum für die komplexen Fälle zu schaffen, die die volle Aufmerksamkeit der Behandler benötigen. Und nicht zuletzt müssen auch Beschäftigte als wichtige Anspruchsgruppe bei Prozessentwicklung berücksichtigt und in die Planungen eingebunden werden.

2. Struktureller Umbau des Gesundheitswesens

Anhand der Prozesse müssen die Strukturen umgebaut werden, dabei darf es keine Schranken im Denken geben. Alte Zöpfe müssen abgeschnitten werden, wenn dies sinnvoll ist. Auch altbewährte Führungs- und Entscheidungsstrukturen wie beispielsweise die kassenärztlichen Vereinigungen oder sachlich unbegründete komplexe Vergütungsstrukturen müssen infrage gestellt werden dürfen, wenn diese einer ganzheitlichen und sektorenfreien Versorgung im Wege stehen.

3. Digitalisierung – aber richtig!

Die Entwicklung der Telematikinfrastruktur und anderer Technologien sollte gemäß dem Konzept der agilen Softwareentwicklung einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess folgen, bei dem zunächst eine „unreife“ Anwendung erstellt wird, die rasch im Echtbetrieb eingesetzt und dann stetig verbessert wird. Die Gematik sollte zudem ihre Monopolstellung aufgeben und sich dem Wettbewerb stellen. Auf diese Weise kann es gelingen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens durch kürzere Iterationszyklen schneller voranzutreiben und durch den Wettbewerb der Ideen auch inhaltlich zu verbessern.

4. Qualifizierung des Personals

Die digitale Transformation bringt neue Herausforderungen an die Kompetenzvermittlung mit. Während es bisher so war, dass nach einer Berufsausbildung die wesentlichen Kompetenzen beherrscht wurden, müssen nahezu alle im Gesundheitswesen beschäftigten Menschen „digitale“ Skills erlernen. Einerseits gelingt das durch niedrigschwellige Bildungsangebote, andererseits sollte Technologie so gestaltet sein, dass diese auch mit wenig oder bestenfalls ohne Schulung angewendet werden kann.

5. Purpose: Den Kompass neu ausrichten

Das Gesundheitswesen benötigt einen Kulturwandel hin zu mehr Purpose-Orientierung. Ein großer Teil der Bevölkerung spricht sich gegen eine kommerzielle Ausrichtung des Gesundheitswesens und für eine Verstaatlichung von Gesundheitseinrichtungen aus. Staatliche Strukturen sind jedoch häufig schwerfällig und nicht zwangsläufig weniger kommerziell.

Privatwirtschaftliche Strukturen, die eine Gewinnentnahme aus dem Gesundheitswesen nicht zulassen, wohl aber eine Reinvestition in eine bessere Versorgungsqualität oder die Beschäftigten vorsehen, müssen den Weg in die Versorgung finden. Es gibt zahlreiche interessante Ansätze wie genossenschaftliche Modelle oder das Verantwortungseigentum, die in Modellprojekten erfolgreich zum Einsatz kommen, in der Praxis allerdings bisher kaum verbreitet sind.

Fazit

Die digitale Transformation des Gesundheitswesens hat gerade erst begonnen und ist eine sehr große Herausforderung für die Gesellschaft. Dabei ist einerseits die Gesundheitspolitik gefordert, die die Rahmenbedingungen dafür setzen muss. Aber auch jede einzelne Person im Gesundheitswesen ist dafür verantwortlich, das eigene Schicksal und das des Gesundheitswesens selbst in die Hand zu nehmen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu einem sinnvollen digitalen Wandel beizutragen.

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