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Echtzeit-KommunikationGo für Nummer drei – das können die TI-Messenger

Schnelle, ortsunabhängige und sichere Echtzeit-Kommunikation – das versprechen die TI-Messenger. kma hat den Status Quo untersucht: Welche Anbieter sind bereits zugelassen und welche Funktionen sollen folgen?

Echtzeitkommunikation
tippapatt/stock.adobe.com
Symbolfoto

Im Januar wird die elektronische Patientenakte alias „ePA für alle“ ausgerollt. Danach dauert es nicht mehr lange, bis im Juli 2025 mit den TI-Messengern (TI-M) ein weiteres Tool zum Austausch von Gesundheitsdaten nutzbar wird. Schon vorher vernetzen sich jetzt viele der deutschen Leistungserbringer, um die sektorenübergreifende Kommunikation via TI-Messenger in der Praxis zu erproben. Wir wollten wissen: Gibt es dabei Anlaufschwierigkeiten? Oder läuft alles reibungslos? Und welche Vorteile sind mit der Nutzung des TI-M für die einzelnen Akteure und Gesundheitsberufe verbunden? Immerhin soll die Anwendung vielfältige Entlastung im medizinischen Alltag bringen.

Status Quo: Freiwillige, kostenpflichtige Nutzung für die Kliniken

Fest steht: Die TI-Messenger dienen der Echtzeitkommunikation zwischen Einrichtungen im Gesundheitswesen. Während die gesetzlichen Krankenversicherungen verpflichtet sind, einen TI-Messenger für die Versicherten in deren ePA zu integrieren, ist und bleibt die Teilnahme für die deutschen Kliniken bis auf weiteres freiwillig. Sie ist überdies mit einer Investition verbunden. Leistungserbringer, die über TI-M untereinander kommunizieren wollen, müssen zunächst die monetäre Anfangsbarriere überwinden und sich für die kostenpflichtige Nutzung entscheiden. Klar, dass sich das aus CIO-Sicht durch optimierte Prozesse refinanzieren muss.

Etliche deutsche Krankenhäuser, Arztpraxen, Pflegekräfte und Apotheker haben die Funktionen der Sofortnachrichtendienste bereits in diesem Jahr im Rahmen von Modellprojekten und Pilotierungen getestet, so geschehen z.B. in Hamburg und Franken. Es ging darum, die konkreten Anwendungsmöglichkeiten in ausgewählten Versorgungsnetzwerken unmittelbar zu erleben. So ist es über die TI-Messenger zukünftig beispielsweise nicht nur möglich zu chatten sowie Bild- und Audiodateien zu senden, sondern auch Medikationspläne mit anderen Versorgern abzustimmen. Auch Arzneimittelengpässe können kommuniziert oder andere organisatorische, auch zeitkritische Fragen schnell gelöst werden.

Produktvarianten TI-Messenger
Gematik
Alle drei Produktvarianten des TI-Messengers basieren auf dem Matrix-Protokoll und sind vollständig interoperabel.

Die verwendeten Endgeräte können ganz unterschiedlich sein, von Smartphones über Tablets bis zum Desktop-PC. In einem Praxisbeispiel der Gematik verirrt sich beispielsweise eine demenzerkrankte Patientin nachts im Klinikum. Die zuständige Krankenpflegerin informiert im TI-M alle im Klinikum tätigen Kolleginnen und Kollegen per Direktnachricht aufs Smartphone. Die gesuchte Patientin wird unmittelbar darauf gefunden und zurückgebracht. So oder ähnlich könnte es in Zukunft ablaufen – betont wird vor allem die Zeitersparnis, aber auch die Sicherheit, dass Nachrichten nachweislich zugestellt worden sind.

Kliniken und Praxen können übrigens auch ihre Patienten über den TI-M erreichen, allerdings nur dann, wenn diese gesetzlich versichert sind und sich den TI-M-Account in ihrer ePA freischalten lassen. Patienten, die das tun, können ab Mitte 2025 darüber dann auch ihre Leistungserbringer kontaktieren.

Welche TI-Messenger sind bereits zugelassen?

Bisher haben drei Entwickler von TI-Messengern eine Marktzulassung erhalten: Wie kma im April berichtete, erhielt das 2019 in Berlin gegründete Famedly im Frühjahr 2024 als erstes Unternehmen die Gematik-Zertifizierung, da es alle Anforderungen an Interoperabilität, Datenschutz und Informationssicherheit erfüllte. Das Produkt von Famedly wurde inzwischen in Hamburg nebst Umland ausgiebig getestet.

Anfang Oktober, sechs Monate später, ist nun der zweite TI-Messenger von der Gematik zugelassen worden. Entwickelt wurde dieser vom Würzburger Unternehmen Awesome Technologies, das sich mit seinem Produkt nicht zuletzt um die Vereinfachung der Arbeit in den Pflegeeinrichtungen bemüht hat. Ganz aktuell wurde außerdem zum 17. Oktober 2024 die dritte TI-M-Lösung genehmigt. Anbieter ist in diesem Fall das Hamburger Unternehmen Akquinet.

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Famedly wird von Universitätskliniken bereits genutzt

Wie die Gematik kma mitteilte, geht der TI-Messenger von Famedly aktuell in den produktiven Betrieb, wird also von Einrichtungen bereits genutzt. Kunden sind u.a. Universitätskliniken, aber auch medizinische Einrichtungen anderer Sektoren. Die Produkte von Akquinet und Awesome Technologies befinden sich hingegen beide noch in der kontrollierten Inbetriebnahme, kurz KIB. Doch was bedeutet das konkret?

„Wir suchen uns jetzt Pilotkunden, um den technischen Nachweis im produktiven Betrieb gegenüber der Gematik führen zu können“, erklärt Dr. Ralf Gieseke, Geschäftsführer der Akquinet Health Service GmbH gegenüber kma. Dafür muss der Produktzulassung nun noch die Anbieterzulassung folgen. Anfang 2025 starte man dann operativ in den Markt. Über eine mögliche Pilotierung sei man mit der Modellregion Franken im Gespräch, die sich jetzt jedoch zunächst auf die ePA konzentrieren wolle.

Die Evolution eines Produktes

Überhaupt lässt sich aus der Geschichte des TI-Messengers von Akquinet viel lernen: Wie Gieseke erzählt, beschäftigte sich das Unternehmen schon seit 2017 mit der Telematikinfrastruktur und stellte Konnektoren im eigenen Rechenzentrum auf. Die Infrastruktur konnten die Kunden von Beginn an „as a service“nutzen, also als fertigen und betreuten Service. Als zugelassener KIM-Provider verfolgte man die Strategie, benötigte Software-Module direkt im Rechenzentrum zu installieren: „Die Kunden brauchten so lediglich einen E-Mail-Client im Primärsystem“, blickt Gieseke zurück. Mit Geräten in Kliniken und Praxen zu gehen, hielt er schon damals für „zu aufwendig und nicht mehr zeitgemäß“.

In der Folge entwickelte Akquinet die Gematik-Module Medikationsplan, elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und E-Rezept. Sie wurden in einem zentralen Produkt unter den Namen TI-Middleware gebündelt: „Softwarehersteller mit Primärsystem konnten so über Nacht plötzlich „TI-fähig“ werden. Auch Endanwender und Praxen konnten sich jetzt vollständig in der Telematikinfrastruktur bewegen“, erzählt der Experte – stolz darauf, dass sein Unternehmen als eines der ersten ein komplettes, eigenständiges ePA-Modul zum Download vorweisen konnte.

Dr. Ralf Gieseke
Akquinet
Dr. Ralf Gieseke, Geschäftsführer der Akquinet Health Service GmbH, berät Gesundheiteinrichtungen zum TI-Messenger und anderen TI-Fachdiensten.

Unsere Referenzumgebung war der Ur-TI-Messenger.

Ab 2022 wollte die Gematik den Fokus dann nicht länger auf Fachverfahren legen, sondern eine TI-Referenzumgebung zum Testen zur Verfügung stellen. Nicht zuletzt, um der großen Anwenderzahl und einer mobilen Nutzung Rechnung tragen zu können. In einer Ausschreibung an die Industrie bewarb sich Akquinet und konnte mit seinem kompatiblen Produkt überzeugen: „Wir haben der Gematik quasi den Ur-TI-Messenger zur Verfügung gestellt und betreiben ihn für diese“, erzählt Gieseke und fährt fort: „Jeder, der heute einen TI-Messenger anbietet, muss gegen diese Referenzumgebung testen, gemäß der Formel „Wenn A mit B kommunizieren kann und B mit C, dann sollte auch A mit C kommunizieren können“.

So kann die Gematik die Kompatibilität von TI-Messengern nun immer sofort prüfen. Akquinet hat derweil aus der erworbenen Expertise seinen ganz eigenes Produkt gebaut: Kunden steht dieser als mobile Anwendung, Web- oder Desktop-Client „as a service“ zur Verfügung und je nach Vertrag und Größe kann er auch einem individuellen Branding unterzogen werden.

Mehr als WhatsApp

Wie Gieseke betont, ist der TI-M weit mehr als nur eine mobile Applikation, schon gar nicht ein Abbild von WhatsApp: „Der TI-M ähnelt im Aufbau einer kompatiblen Kommunikationsplattform zwischen den Sektoren. Krankenhaus-IT hatte per se schon immer das Problem, Daten aus einer Abteilung in die andere zu bekommen“, zieht er Bilanz. Mit TI-M habe man jetzt sowohl die technische Hürde als auch die Datenschutzproblematik gelöst. Zudem könne man die gesamte Prozesskommunikation der Leistungserbringer abbilden – ob nur innerhalb einer Klinikkette oder zwischen Einrichtungen, sei den Nutzern freigestellt.

Jede Art der Dialogkommunikation, die Daten schnell hin- und herbewegt, ist im TI-Messenger denkbar. iOS- und Android-Apps sind somit nur eine von vielen möglichen Ausprägungen, betont der Experte. Denkbar seien Funktionen wie z.B. Sensoren, die via TI-M mitteilen, dass ein Krankenhausbett gereinigt werden muss oder auch ein elektronisches Fax, das zwischen Laboren und Kliniken versendet werde. Mit „wahnsinnigen Produktivitätseffekten“, ist Gieseke überzeugt und beschreibt den Use Case näher: „Schickten Labore pathologische Befunde mit Patientenhinweisen bislang per Fax an die Klinik eines Uniklinikums, wussten sie anschließend nicht, ob die Hinweise gelesen und berücksichtigt wurden. Über die automatisierte Einsendung im TI-Messenger erhält dagegen jeder sofort eine Quittung. Analog zu WhatsApp sieht man sofort, ob ein Befund angekommen ist und auch, ob er gelesen wurde.“

Der Wert der TI-Messenger steigt mit ihren Funktionen

Mit solchen Applikationen wird in Zukunft der Wert des TI-Messengers für die Gesundheitsberufe steigen. Auch wenn ein solcher Fax-Client seitens Gematik noch nicht spruchreif ist, so steht Akquinet mit seinem Software Development Kit (SDK) schon in den Startlöchern, um Clients beliebiger Coleur zu bauen: „Unser SDK ist wie ein kleines Schweizer Taschenmesser, mit dem man schnell universelle Clients und Bots bauen kann.“ Gieseke rät daher, sich möglichst rasch vom Bild eines Messengers zu lösen, bei dem wir „Texte tippen und Anhänge versenden“: „TI-M kann grundsätzlich auch Prozesse übernehmen und Daten im Hintergrund verarbeiten, z.B. Dokumente bei der Patientenaufnahme direkt aus dem KIS über den Messenger automatisiert verteilen.“

Videotelefonie kommt mit TI-M Connect

Spätestens zur Jahresmitte 2025 werden die ersten Spezifikationen für TI-M Connect geschrieben, darunter auch die Anforderungen zur Videofunktion, die vor allem der ambulante Sektor, Pflege, aber auch Ärzte fordern. Bis es soweit ist, müssen die TI-Messenger jedoch erst einmal flächendeckend eingeführt werden: Die größte Hürde dabei ist weniger die Technik, sondern die richtige Nutzung durch Verankerung in den Prozessen. Gieseke schätzt sie auf 95 Prozent.

Einrichtungen und CIOs müssen sich fragen: Wie will ich den TI-Messenger nutzen?

Gieseke erläutert: „Einrichtungen und CIOs in Kliniken müssen sich fragen: Wie will ich den TI-Messenger nutzen? Nur für Inhouse-Kommunikation oder auch nach außen? Wer darf nach außen kommunizieren? Diese Überlegungen kosten Zeit. Erst danach kann man den Messenger wirklich nutzbringend einsetzen. Sonst ist er tatsächlich nur ein anderes WhatsApp – und bleibt weit unter seinen Möglichkeiten.“

Famedly-Gründer und Geschäftsführer Dr. Philipp Kurtz antizipierte auf dem TI-Messenger Summit am 22. Oktober 2024 in Erlangen bereits mögliche Hürden am Beispiel der eigenen Pilotierung in Hamburg: „30 Einrichtungen einer Region wurden im Cluster vernetzt. Die größte Anfangsbarriere war eindeutig der Authentifizierungsprozess“, berichtet er: „Diesen können wir als Anbieter optimieren, indem wir die Anwender besser abholen.“ Inzwischen habe Famedly dank der Modellregion ein Onboarding-Email mit Schulungsvideo und Info-Dialogen erstellt.

TI-Messenger Summit 2024
Klaus Gruber (Dolphin Photography)
Die beiden Produktmanager*innen für den TI-Messenger bei der Gematik, Marie Ruddeck und Timo Frank, auf dem TI-Messenger Summit 2024 in Erlangen.

Herausforderungen für den organischen Rollout

Auf demselben Event prognostizierte Patrick Alberts, Managing Director Element bei Matrix Protocol, mögliche zukünftige Herausforderungen auf Sofwareebene: „Den TI-Messengern liegt der Open-Source-Standard Matrix, ein Chat- und Kommunikationsprotokoll, zu Grunde. Der Verbund der Matrix-Homeserver bei TI-Messengern ist das komplexeste Setup eines dezentralen Systems überhaupt“, konstatierte er und warnte, die Komplexität der Föderation sei bei einer gewissen Größenordnung nicht zu unterschätzen. Im Blick behalten müsse man außerdem die Skalierung großer Homeserver und die Nachhaltigkeit der IT-Sicherheit. Er verwies auf die Ende-zu-Ende-verschlüsselte Videotelefonie via Matrix RTC (Real Time Communication), die auch im Gesundheitsbereich als „the next big thing“ gilt.

Für die Apotheke, die den Standort gewechselt hatte, war TIM eine totale Erleichterung.

Unterdessen berichtete die Hausärztin Dr. Jana Husemann aus Hamburg über die praktischen Erfahrungen mit dem TI-Messenger in der Versorgung: „Als Arztpraxis im Cluster mit Apotheken und Pflegedienst haben wir uns anfangs nicht viel erhofft“, erzählt sie: „Uns war gar nicht bewusst, wieviel Kommunikation täglich läuft. Für uns alle, insbesondere aber für die Apotheke, die den Standort gewechselt hatte, war der TI-M eine totale Erleichterung.“ Derartigen Erlebnisberichten über die Vorteile aus Anwendersicht könne der Ärztin zufolge deshalb gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden.

Statt Anruf, Fax und Fußweg entwickeln sich somit neue, asynchrone Möglichkeiten der Kommunikation. Weitere Probleme bereiteten außerdem der Verzeichnisdienst und die noch fehlende Verbindlichkeit. Zwar sei der Wille zur Nutzung des neuen Mediums gerade in den Praxen vorhanden, hieß es bei dem Inno3-Event in Erlangen, aber die Akzeptanz könne letztlich nur durch das Beheben technischer Probleme und eine mögliche Anschubfinanzierung wachsen. Monika Schindler, Leiterin Digitalisierung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern betonte im Rahmen der Konferenz: „Genauso wichtig ist es jedoch, dass wir jetzt die Erfahrungen aus den Modellregionen in die ganze Versorgung tragen.“

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