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Green IT im GesundheitswesenWie können wir nachhaltige Klinik-IT umsetzen?

Können Sie das bei sich bereits umsetzen?

Dr. Gocke: Teilweise. Im Berliner Landeskrankenhausgesetz finden sich Regelungen, welche die Verlagerung von klinischen Softwaresystemen in die Cloud erschweren. Wir beziehen und betreiben aber bereits einzelne nicht-klinische Softwaresysteme aus der Cloud, z.B. unser Back Office-System Microsoft Teams. Dies trägt dazu bei, dass vieles einfacher wird.

Meinen Sie virtuelle Meetings statt Vor-Ort-Konferenzen?

Dr. Gocke: Auf jeden Fall. Dies ist eine weitere, sehr gute Möglichkeit, um Energie einzusparen, auch vor dem Hintergrund der Pandemie. Die Corona-Krise war ein klarer Treiber in diesem Prozess. Wenn man sich per Videokonferenz trifft, spart man Transportenergie – auch innerstädtisch - und ersetzt sie durch die Energie, die man braucht, um eine Videokonferenz zu machen. Das ist tatsächlich energieeffizienter. Das betrifft übrigens auch Videosprechstunden mit Patienten. Wenn Bürger der Stadt nicht mehr mit dem eigenen Pkw in die Charité fahren müssen, sondern Videosprechstunden wahrnehmen können, ist dies natürlich auch ein effizienter Einsatz von IT.

Lässt sich durch IT und Digitalisierung tatsächlich Energie sparen?

Dr. Gocke: Wir betreiben hier vor allem Schadensminimierung. Das, was wir da verbrauchen, sind auch Strom und Energie, aber auch wertvolle Materialien, um diese Vielfalt an Geräte zu bauen. Man muss sie daher sinnvoll einsetzen, um die eigentlich negativen Folgen, welche die Technik hat, zu rechtfertigen und anderswo zu kompensieren. Grundsätzlich steht auch die schwierige Überlegung im Raum: Wie bemisst man Energieeinsparung überhaupt? Das fängt schon bei der Produktionskette an. Wer sich heute privat einen Gaming-Rechner kauft, muss sogar die Grafikkarten kühlen. Im professionellen Umfeld und gerade im Krankenhaus haben wir dieses Problem zum Glück nicht, mit Ausnahme der hochspezialisierten Workstations z.B. in der Radiologie. Diese Systeme brauchen viel Energie, weil sie viel Rechenleistung brauchen.

Welche Chancen sehen Sie in „Green IT“ im Klinik-Setting?

De Greiff: Trotz aller Anstrengungen muss man ehrlicherweise zugeben: Digitalisierung kostet – auch Energie. Wenn man Digitalisierung vorantreiben und Datenwissen betreiben möchte, muss man mit den Konsequenzen leben und verstehen, dass dies vermutlich nicht durch eingespartes Papier kompensiert wird.

Dr. Gocke: Ich denke, dass immer mehr Krankenhausbetreibern klar wird, dass die Energiekosten und das Thema „schonender Umgang mit Ressourcen“ zunehmend wichtiger werden. Überhaupt: der ökologische Fußabdruck spielt branchenübergreifend eine immer größere Rolle. Deswegen sehen wir im klinischen Bereich auch vielerorts den Bau von neueren Rechenzentren. Einige Krankenhäuser legen auch ihre Rechenzentren zusammen. All das soll zu Energieeinsparungen in der Zukunft beitragen.

Welche Herausforderungen bringt „Green IT“ für Krankenhausbetreiber?

De Greiff: Die Umrüstung bestehender Rechenzentren, insbesondere hinsichtlich der Kühlung und die Sekundärnutzung der Wärmeenergie, bedarf großer Investitionen und ist nicht frei von Risiken. Bestehende Server kann man nicht einfach mit Wasser kühlen, obwohl das aus energetischer Sicht sehr verlockend ist.

Hat das Krankenhauszukunftsgesetz (KZHG) zur Nachhaltigkeit in der Klinik-IT beigetragen?

Dr. Gocke: „Green IT“ war zumindest kein eigener Fördertatbestand beim KZHG. Dort ging es primär darum, die Digitalisierung in den Krankenhäusern auszubauen und diese besser zu vernetzen. Sekundär könnte man daraus jedoch ableiten: wenn Krankenhäuser Patientendaten digitalisieren und besser austauschen, erspart man den Patienten Doppeluntersuchungen und unnötige Reisen. Das ist für die Gesundheitsversorgung sicherlich nachhaltig.

Auf der anderen Seite bauen wir hierdurch jetzt in jedem Krankenhaus die IT-Systeme nochmals deutlich aus: beispielsweise durch Patientenportale. Wir sehen also eine Zunahme der Digitalisierung. Das kostet zunächst einmal mehr Ressourcen und Energie. Dahinter steht natürlich die Hoffnung, dass dies nicht nur Vorteile in der Qualität der Patientenversorgung bringt, sondern auch Energieeinsparungen, wenn man Terminbuchungen beispielsweise zukünftig über einen Klick auf der Website machen kann und nicht fünf Mal im Krankenhaus anrufen muss.

Die HIMSS (Healthcare Information and Management Systems Society) hat verschiedentlich publiziert, dass Digitalisierung für die Patientenversorgung erhebliche Vorteile bringt, sowohl mit Blick auf die Qualität als auch den Personaleinsatz. So können durch digitale Prozesse mit der gleichen Mitarbeiterzahl mehr Patienten versorgt werden. Die Öko-Bilanz von IT ist jedoch nach wie vor sehr schwierig zu ermitteln.

Können wir Energieaufwände in einer digitalisierten Arbeitswelt überhaupt korrekt ermitteln?

Dr. Gocke: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Es kursieren die wildesten Ideen darüber, was z.B. eine Suchanfrage per Google an Energie kostet. Der Energieverbrauch ist hier immens. Das Schürfen von Bitcoins durch verteilte Rechenleistungen ist beispielsweise mittlerweile so horrend, dass man in einzelnen Ländern in Erwägung zieht, den Einsatz von Bitcoins zu verbieten. In China gab es sogar ein Verbot für bestimmte, besonders „energiehungrige“ Grafikkarten. Die extremsten Auswüchse von IT mit Blick auf den Energieverbrauch sehe ich im Augenblick jedoch nicht im Bereich des Gesundheitswesens.

Was wünschen Sie sich von der Politik in Bezug auf nachhaltige Krankenhaus-IT?

De Greiff: Steigende Energiepreise erzwingen den Trend zu effizienteren Systemen. Damit Krankenhäuser dem wirtschaftlichen Druck standhalten können und dennoch innovativ bleiben können, müssen fortlaufend Investitionen in neue Technologien ermöglicht und gefördert werden.

Dr. Gocke: Es wäre wichtig, Anreize für Krankenhausbetreiber zu setzen, um energieeffizienter zu werden. Spätestens jetzt, seit wir gesehen haben, wie abhängig wir von externen und in Krisensituationen damit unsicheren Energie-Zulieferungen sind, sollte dies das oberste Gebot der Stunde sein – nicht nur im Gesundheitswesen und der IT, sondern allgemein.

Was zählt alles als „Green IT“ im Krankenhaus?
  • Digitale Kommunikation-Tools und Systeme zur Reduktion von Transport- und Anfahrtswegen für Patienten, Ärzte und Mitarbeiter (Videosprechstunden, Videokonferenzen, Online-Terminbuchung, digitale Personalplanung etc.)
  • IT-Systeme für optimierte Ressourcennutzung, z.B. Geräte- und Betten-Management
  • IT-Systeme zur Verbesserung der klinikinternen Logistik
  • Digitale Abfallwirtschaftssysteme zur Müllvermeidung und -reduktion
  • Mobile Menüplanung und Regionaleinkäufe zur Vermeidung von unnötigen Speiseabfällen und Transportwegen
  • Intelligente Lichtsysteme, angepasst an den tatsächlichen Bedarf vor Ort
  • Mobile Info-Anwendungen zur Motivation nachhaltigen Nutzerverhaltens (z.B. Licht, Strom, Ressourcenmanagement) bei den Klinikmitarbeitern
  • Bautechnische Maßnahmen, die Kühl- und Heizenergie in Verbindung mit IT-Hardware (Rechenzentren, Server) einsparen oder weiterverwenden
  • Digitale Dokumentation und Verwaltung zur Einsparung von Ressourcen (Papier, Toner, Einwegprodukte)

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