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TelemedizinArztkabine im Supermarkt – ein Konzept mit Zukunft?

Ärztliche Videosprechstunden gleich hinter der Kasse, Apotheken als Telemedizin-Hubs oder virtuelle Krankenhausstationen: Telemedizinische Konzepte sollen Versorgungslücken schließen. Sind diese Lösungen nachhaltig – oder bleiben sie Experimente?

Medical Room, Sana
Sana Kliniken
Der S | Medical-Room in der Kaufland-Filiale in Mosbach ist telemedizinisch direkt an das S | Medical-Center - das Medizinische Versorgungszentrum der SANA Kliniken - in Neckarsulm angebunden.

Der Hausärztemangel sorgt immer mehr dafür, dass neue medizinische Konzepte ausprobiert werden, insbesondere im Bereich der Telemedizin. Eine auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Idee hatten die Sana Kliniken. In einer Kaufland-Filiale im baden-württembergischen Mosbach hat im November 2025 ein sogenannter Medical Room direkt neben dem Kassenbereich eröffnet. Dort können nicht nur Discounter-Kunden, sondern alle Interessierten telemedizinische Arztsprechstunden in Anspruch nehmen. Derartige Projekte klingen zwar vielversprechend, aber sind sie auch ein Konzept mit Zukunft?

Peter Silberhorn, Geschäftsführer des S│Medical-Rooms, ist mit der bisherigen Entwicklung zufrieden. Viele Menschen seien neugierig und ließen sich das Angebot von den Mitarbeitenden vor Ort erklären. „Für mehr als drei Viertel der Patienten stellte der Besuch im S│Medical-Room schon eine adäquate Lösung ihres medizinischen Anliegens dar“, berichtet Silberhorn. 

Bevor ein Arzt des Sana MVZ am Stiftsberg per Video hinzugeschaltet wird, müssen die Patienten online oder aber vor Ort einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. So wird sichergestellt, dass die medizinischen Anliegen auch wirklich für eine Videosprechstunde geeignet sind. Patienten mit komplexen medizinischen Gesundheitsproblemen werden dagegen umgehend an andere Einrichtungen wie Arztpraxen oder Krankenhäuser weitergeleitet. 

Die Kabine ist blick- und schallgeschützt, medizinische Fachangestellte unterstützen bei Fragen oder technischen Problemen. Der Medical-Room kann montags bis samstags von 8 bis 19 Uhr sowohl für Erst- und Folgeuntersuchungen als auch für Nachkontrollen genutzt werden. 

KV begrüßt Telemedizin

Dr. Karsten Braun, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), begrüßt grundsätzlich den vermehrten Einsatz der Telemedizin und sieht darin durchaus Chancen, Versorgungslücken zu schließen. Mit ihrer eigenen telemedizinischen Versorgungsplattform docdirekt ist die KVBW selbst in diesem Bereich aktiv. „Niedrigschwellige Angebote wie eine Arztkabine im Supermarkt können den Zugang erleichtern und gleichzeitig Notaufnahmen, Rettungsdienste und Bereitschaftsdienste entlasten“, ist er überzeugt. 

Niedrigschwellige Angebote wie eine Arztkabine im Supermarkt können den Zugang erleichtern und gleichzeitig Notaufnahmen, Rettungsdienste und Bereitschaftsdienste entlasten.

Allerdings habe die Telemedizin auch klare Grenzen, da sie eine körperliche Untersuchung nicht ersetzen könne. Kritisch sieht er auch die Gefahr, dass sich telemedizinische Anbieter auf einfache, lukrative Fälle konzentrieren, während schwierigere Behandlungen bei den niedergelassenen Ärzten verbleiben. Er fordert daher, telemedizinische Angebote immer an eine reale Versorgungsstruktur zu koppeln, die auch eine persönliche Behandlung in erreichbarer Nähe möglich macht, so wie es in Mosbach der Fall ist. 

Ob Videosprechstunden im Supermarkt jedoch einen konkreten Nutzen mit sich bringen, sieht Braun skeptisch. „Viele Ärzte bieten inzwischen bereits telemedizinische Sprechstunden an, so dass diese auch bequem von zu Hause aus genutzt werden können“, so Braun. Er sieht das Konzept daher eher als Testballon mit ungewissem wirtschaftlichem Erfolg.

Sana lässt sich für die Pilotierung bewusst Zeit. „Wir möchten Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln, um das Angebot am Bedarf der Menschen vor Ort weiterzuentwickeln. Dies geschieht in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit Kostenträgern sowie lokalen Akteuren aus der Politik. Ein valides Zwischenfazit lässt sich erst in einigen Monaten ziehen“, so Silberhorn.

Ausweitung des Angebots wünschenswert

Deutlich wird laut dem Geschäftsführer des Medical-Rooms jedoch schon jetzt, dass sich die Patienten eine Erweiterung des Leistungsspektrums wünschen. „60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich auch fachärztliche Leistungen wünschen würden. Mehr als jeder Fünfte fände mehr Präventionsleistungen begrüßenswert“, berichtet Silberhorn. 

Vor diesem Hintergrund bemühen sich die Sana Klinken derzeit um weitere erforderliche Genehmigungen zur Erweiterung des Angebotsspektrums. „Es ist uns beispielsweise bisher nicht erlaubt, im Medical-Room ärztlich delegierbare Leistungen wie Blutentnahmen oder Impfungen durchzuführen. Genau an dieser Stelle gäbe es noch großes Potenzial zur Entlastung der niedergelassenen Kollegen in der Region“, findet Silberhorn. Die Sana Kliniken sind daher im intensiven Dialog mit den Akteuren vor Ort. 

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Helios-Cubes auf Eis gelegt

Ein ähnliches Konzept hatte Helios bereits vor einigen Jahren mit ihren „Cubes“ im Blick. Würfelartige, mobile Walk-in-Einheiten sollten insbesondere in ländlichen Regionen dem Hausärztemangel entgegenwirken. Medizinische Fachangestellte hätten dort nach Rücksprache mit angebundenen Telemedizinern Untersuchungen wie Blutabnahmen oder EKG-Messungen durchgeführt. 

Nach Angaben einer Helios-Sprecherin pausiert das Projekt jedoch aktuell, da „die deutsche Regulatorik das Konzept einer Einrichtung mit telemedizinischer Versorgung ohne Präsenz-Arzt derzeit noch nicht zulässt.“ Das spiegelt die Erfahrungen wider, die auch Sana gemacht hat. 

Für den KV-Vorsitzenden Braun ist diese Regelung nachvollziehbar, da Patienten zum Beispiel bei Blutabnahmen kollabieren könnten, um nur eine mögliche Komplikation zu nennen. Dennoch sieht er weiteres Potenzial darin, noch mehr medizinische Leistungen an nicht-ärztliches Personal zu delegieren. Er wünscht sich daher  eine Anpassung der entsprechenden Regelungen.

Virtuelle Krankenhausstationen für Pflegeheime

Auch Bewohner von Pflegeeinrichtungen können von Telemedizin profitieren.  Eine physisch stationäre Aufnahme in ein Krankenhaus ist aufwändig und bedeutet für die Patienten oft Stress. Die Asklepios Kliniken Nord – Heidberg und Langen (Hessen) – behandeln daher seit Anfang 2026 Patienten aus kooperierenden Pflegeeinrichtungen auf virtuellen Krankenhausstationen. 

Auf der sogenannten „VirtualWard“ wird durch den gezielten Einsatz von Telemedizin das Bett der Pflegeeinrichtung zum Krankenhausbett. „Wir sehen in anderen Ländern wie Großbritannien, Israel und Dänemark, dass virtuelle Krankenhausstationen funktionieren und so neue Versorgungsangebote entstehen“, erklärt der standortübergreifende Projektmanager Jan Ries. Regelmäßige Videovisiten und Telemonitoring sichern dabei die medizinische Qualität. 

Wir sehen in anderen Ländern wie Großbritannien, Israel und Dänemark, dass virtuelle Krankenhausstationen funktionieren und so neue Versorgungsangebote entstehen.

Für die Aufnahme auf der virtuellen Station geeignet sind Fälle, die eine stationäre Behandlung erfordern, aber keinen komplizierten Verlauf erwarten lassen. Dazu zählen Infektionskrankheiten wie Lungen- oder Blasenentzündungen, die in der Regel mit Antibiotika behandelt werden können. 

Das auf zwei Jahre angelegte vom Innovationsfonds geförderte Projekt wird wissenschaftlich durch das Institut für angewandte Versorgungsforschung (inav) begleitet und mittels einer Machbarkeitsstudie evaluiert. „Die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Versorgungsform bei Angehörigen und Bewohnern auf große Zustimmung stößt. Auch die Pflegekräfte in den Pflegeeinrichtungen sind überzeugt, insbesondere von der einfachen Pflegedokumentation“, so Ries. 

Telemedizin in Apotheken

Naheliegend, aber bisher kaum genutzt, ist zudem die Einbindung von Apotheken in die telemedizinische Versorgung. Das Start-up Medivise hat eine Telemedizin-Box entwickelt, die Apotheken zu einem Ort der ganzheitlichen medizinischen Versorgung machen soll. 

Die Bauweise ist modular, so dass die Box flexibel in unterschiedliche Apothekenräume integriert werden kann. Kunden erhalten somit die Möglichkeit, direkt vor Ort eine ärztliche Videosprechstunde durchzuführen, bei Bedarf auch begleitet von pharmazeutischem Fachpersonal. 

„Hinzugeschaltet werden Ärzte aus dem lokalen Zuweisernetzwerk der Vertragsärzteschaft“, erklärt CEO Dr. Thorsten Hagemann. Bei Bedarf werden weitere Ärzte von Medizinischen Versorgungszentren oder auch Management-Organisationen eingebunden. Außerhalb der Sprechstundenzeiten kann zudem auf die vertragsärztliche Notdienst-Videosprechstunde zurückgegriffen werden, wie sie auch von der Rufnummer 116117 vermittelt wird.

Medivise Box
Medivise
Die Medivise Telemedizin Box soll niedrigschwelligen Zugang zu ärztlichem Angebot bieten, dort wo Menschen leben und arbeiten – unter anderem in Universitäten, an Flughäfen und in Apotheken.

Angeboten werden neben den klassischen Leistungen auch erweiterte diagnostische Maßnahmen wie Tele-Stethoskop, Tele-Otoskop oder Tele-EKG. Zudem sind kleine Point-of-Care-Labore angeschlossen. Nach der ärztlichen Konsultation kann ein elektronisches Rezept ausgestellt werden. Dadurch bleibt der gesamte Versorgungsprozess räumlich und organisatorisch eng miteinander verknüpft. 

Medivise betont, dass diese Form der assistierten Telemedizin rechtskonform nach dem Sozialgesetzbuch V und der bestehenden Regulatorik aus dem Ärzte- und Apothekenrecht mit geschlossenen Versorgungspfaden und TI-Anbindung durchgeführt wird. 

Deutschlandweit hat das Unternehmen mittlerweile etwa 20 Apotheken mit den Telemedizin-Boxen ausgestattet, weitere 30 Boxen sind aktuell in Produktion. Medivise adressiert zudem die Entlastung von Notaufnahmen, Orte des öffentlichen Lebens in vornehmlich infrastrukturschwachen Regionen oder auch Universitäten oder größere Industriebetriebe.

Die Beispiele zeigen, dass das deutsche Gesundheitswesen viel Potenzial hat, um Versorgungslücken zu schließen, Krankenhäuser zu entlasten und gegen den Fachkräftemangel anzugehen. Ob derartige Ideen am Ende tatsächlich einen Wandel bewirken oder doch an der Regulatorik scheitern, bleibt abzuwarten. 

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