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Think-TankFünf Klinikträger schaffen sich ihr eigenes Patientenportal

Weil der Markt sie im Stich ließ, entwickeln fünf große Träger psychosozialer Einrichtungen kurzerhand ihr eigenes Patientenportal. Das Pfalzklinikum ist der jüngste Partner der dafür gegründeten Gesellschaft für digitale Gesundheit. Erste Einrichtungen nutzen die Plattform bereits.

Pfalzklinikum Klingenmünster
Pfalzklinikum
Das Pfalzklinikum ist in 15 pfälzischen Städten und Gemeinden vertreten, hier der Hauptsitz in Klingenmünster.

Am Ende der „sehr ausführlichen“ Markterkundung stand vor allem Ratlosigkeit. Auf der Suche nach einem Patientenportal fanden Anna Keller und ihr Team vom Pfalzklinikum für Psychiatrie und Neurologie mit Hauptsitz im rheinland-pfälzischen Klingenmünster nichts, was ihren Anforderungen gerecht wurde. Der Markt sei „komplett somatisch getriggert“, sagt die Projektleiterin Krankenhauszukunftsgesetz, ihr Team allerdings schaut durch eine andere Brille: Das Pfalzklinikum ist ein psychosozialer Komplexanbieter, der in 15 pfälzischen Städten und Gemeinden vertreten ist – unter anderem mit stationären Einrichtungen, Tageskliniken und Ambulanzen, Wohnangeboten, Teilhabezentren, Tagesstätten und aufsuchenden Angeboten (siehe Infokasten „Das Pfalzklinikum“). All das soll ein akzeptables Patientenportal einmal abbilden.

Zwar seien Anbieter zu Entwicklungspartnerschaften bereit gewesen, um ihr System an die Bedürfnisse der Verantwortlichen in Klingenmünster anzupassen. „Doch das wäre für uns ein massiver Aufwand gewesen“, sagt Keller: „Für unsere Gesprächspartner ist die Psychiatrie meist wie eine ‚Black Box‘ – ihnen ist kaum bekannt, womit wir uns beschäftigen.“ Entsprechend gehen marktübliche Systeme kaum in die Tiefe, bilden die komplexen Anforderungen, Krankheitsbilder und Leistungen nicht im Ansatz ab.

Vitos setzt Curamenta bereits ein

Irgendwann hätten sie wohl trotzdem zugegriffen, wenn sie nicht auf die Gesellschaft für digitale Gesundheit (GDG) gestoßen wären. Die GDG mit Sitz im hessischen Kassel entstand, um Patienten vor, während und nach ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung mit maßgeschneiderten digitalen Angeboten unterstützen zu können. In der gemeinnützigen Gesellschaft haben sich vier psychosoziale Träger aus vier Bundesländern zusammengeschlossen, um – mangels vorhandener Alternativen – mit „Curamenta“ ihr eigenes Patientenportal zu entwickeln. Als IT-Partner wurde die X-tention Unternehmensgruppe gewonnen. Seit Mitte Februar ist das Pfalzklinikum nun GDG-Gesellschafter Nummer fünf. Dabei finden wie auch bei den anderen Verbünden Mittel aus dem KHZG-Fördertopf Verwendung, da Curamenta die Förderkriterien erfüllen wird.

Das Pfalzklinikum...

...mit Hauptsitz in Klingenmünster ist ein Dienstleister für seelische Gesundheit (Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik für Kinder, Jugendliche, Erwachsene), Neurologie, Maßregelvollzug, ambulante Angebote und Gemeindepsychiatrie. Das Unternehmen zählt rund 2500 Mitarbeitende sowie knapp 1200 Betten und Therapie- und Wohnplätze. Zum Pfalzklinikum, das mit seinen Angeboten in 15 pfälzischen Städten und Gemeinden vertreten ist, gehören unter anderem sieben Kliniken.

Während Keller und ihre Mitstreiter jetzt insbesondere die technische Anbindung von Curamenta an das KIS des Pfalzklinikums beschäftigt, sind ihre neuen Partner einige Schritte weiter. Beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) laufen letzte Feinabstimmungen für die Pilotierungen, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) steht unmittelbar vor dem Start, und Vitos setzt Curamenta seit Anfang September 2022 bereits in einer Tagesklinik und auf zwei Klinik-Stationen ein. „Wir gehen sukzessive vor und nutzen die ersten Praxiserfahrungen gleichzeitig, um die Plattform weiterzuentwickeln“, sagt GDG-Geschäftsführerin Laura Kuhlmann, die bis zum GDG-Start im Mai 2020 für Vitos gearbeitet hat. Reguläre Entwicklungen werden mit den Pilotierungen parallelisiert.

Große regionale Unterschiede

Der Psychiatriedienstleister Vitos mit Sitz in Kassel, der in Hessen in 74 Orten mit mehr als 114 Standorten vertreten ist, hat die Gesellschaft gegründet und dann nach und nach die anderen Beteiligten überzeugt. „Im Psychiatriebereich gab es auf dem Markt sowie von Start-ups und Krankenkassen viele Angebote für leicht erkrankte Patienten, jedoch kaum etwas für die mittel und schwer Erkrankten, für die unsere Einrichtungen zuständig sind“, erinnert sich Kuhlmann an die Anfänge.

Das Spektrum geht über das KHZG hinaus.

Auch nachdem sich die Klinikverbünde in der GDG gefunden hatten, blieb es schwer – insbesondere bei den Antragstellungen, die in jedem Bundesland anderen Regeln folgen, von unterschiedlichen Ministerien und Behörden bearbeitet werden. „Jeder macht es anders“, sagt Kuhlmann, schmunzelt und meint es doch bitterernst – Curamenta ist ihr Herzensprojekt.

Pfalzklinikum GDG-Beitritt
Vitos OKK Hadding
„Es ist ein besonderes Mindset“, sagt GDG-Geschäftsführerin Laura Kuhlmann, hier mit Pfalzklinikum-Geschäftsführer Paul Bomke (Mitte) und Reinhard Belling, dem Vorsitzenden der Vitos-Geschäftsführung, beim Gesellschafterbeitritt in Kassel.

Zwar gebe es auch nach dem Beitritt des Pfalzklinikums Gespräche mit weiteren Kandidaten, sagt Kuhlmann, doch darauf liege nicht der Fokus. „Wir sind jetzt vor allem mit der Entwicklung beschäftigt und wollen im Laufe des Jahres alle Muss-Kriterien des KHZG abbilden.“ Zunächst geht es um erwachsene Patienten in den Kliniken, im nächsten Schritt soll Curamenta auch Kinder und Jugendliche ansprechen. Weitere Einsatzfelder seien perspektivisch auch die Gemeindepsychiatrie und der Maßregelvollzug, so Kuhlmann: „Das Spektrum geht über das KHZG hinaus.“

Portal mit drei Ebenen

Curamenta versteht sich als Portal für psychische Gesundheit und spricht Betroffene sowie Angehörige an. Von der ersten Information über die Behandlung bis hin zur Nachsorge soll es die Nutzer digital begleiten. Dazu ist das Portal dreistufig aufgebaut. Die erste Ebene samt Startseite nutzen alle Träger gleichermaßen. Sie ist für jedermann frei zugänglich und informiert unter anderem über Krankheitsbilder, Symptome sowie Behandlungsmethoden und ermöglicht den Anwendern Selbsttests, um den eigenen Gesundheitszustand einzuschätzen. Auch Foren zum Austausch mit anderen Betroffenen, Angehörigen und Experten der fünf Klinikverbünde gehören zum Angebot. Wird medizinische Hilfe benötigt, können online direkt Termine in einer der Einrichtungen angefragt werden.

Wer dann Patient wird, erhält im Therapiebereich Zugang zu unterschiedlichen digitalen Funktionen – ab dem Moment erstmals auf einer individuellen Curamenta-Seite des entsprechenden Trägers, mit persönlichen Anmeldedaten. Nutzer können etwa Termine organisieren, mit ihren Behandelnden Befunde, Dokumente und Formulare teilen, ein digitales Tagebuch führen, den Medikationsplan einsehen oder per Messenger direkt Kontakt zu den Behandelnden aufnehmen. Rechtliche Betreuer und gesetzliche Vertreter sollen in einem nächsten Schritt ebenfalls einbezogen werden können. Zudem unterstützt das Portal die Nachsorge, etwa durch die Vermittlung von Terminen oder anderen Gesundheitsleistungen.

Der kleine Think-Tank ist schnell

Die Zusammenarbeit in der GDG erlebe sie als sehr offen und lösungsorientiert, sagt Pfalzklinikum-Projektleiterin Keller: „Wir nutzen das Prinzip der Schwarmintelligenz.“ Die Vernetzung über die Trägergrenzen hinaus sei hoch. Jeder Gesellschafter habe andere Erfahrungen, setze andere Prioritäten, hinzu kommen regionale Unterschiede. „Es gibt einen regen Austausch, das ist spannend und sehr dynamisch“, sagt Keller. Konkurrenzdenken? Keine Spur, zumal die Zuständigkeiten regional abgegrenzt seien. „Es ist ein besonderes Mindset“, betont Laura Kuhlmann. Alle Verantwortlichen hätten sich bewusst für den Weg entschieden, „um einen Mehrwert für die Behandlung zu schaffen“. Es gebe eine „positive Eigendynamik“, sagt Kuhlmann: „Das Konzept kommt von allen, und es gibt eine enge Rückkopplung mit der Praxis.“

Das war zukunftsweisend und nicht selbstverständlich.

Dafür waren Vitos und die anderen GDG-Gesellschafter bereit, ins Risiko zu gehen – „das war zukunftsweisend und nicht selbstverständlich“, sagt Kuhlmann. Die genauen Investitionen und die Beteiligungsverhältnisse in der GDG werden nicht genannt. Nur so viel: Die Gründung sei „ein durchaus mutiger Schritt“ gewesen. Vier, nun fünf, große kommunale Träger, die sich gemeinsam in einen Think-Tank wagen, das ist durchaus etwas Besonderes – „eine unglaubliche Stärke“, nennt es Kuhlmann. In ihrer eigenen kleinen Gesellschaft bestimmen sie selbst, wohin die Reise geht, können die Patienten einbeziehen und dafür dann auch „die eine oder andere Meile mehr gehen“. Wie flexibel und schnell sie dabei sind, zeigt der Zeitplan: Im Dezember 2020 wurde die Ausschreibung gestartet, im Sommer 2021 begann die Entwicklung, und bereits im Sommer 2022 wurden erste wichtige Curamenta-Bereiche live geschaltet.

Viele Beschäftigte wollen sich einbringen

Anna Keller in Klingenmünster will jetzt bis Mai/Juni die Basis schaffen, „dass unser KIS auch mit Curamenta kommunizieren kann“. Parallel werden Workshops geplant, um in den nächsten Monaten die Stationsteams und die Behandler zu beteiligen. Ende des dritten Quartals, so die aktuelle Planung, soll auch im Pfalzklinikum die Pilotierung im Kleinen starten. „Wir sind offen für Input aus allen Bereichen“, betont Keller. Tests für die Patienten, die eingebaut werden können, besondere Übungen oder individuelle Willkommensmodule einzelner Stationen – denkbar ist vieles. „Das Interesse ist groß, sehr viele wollen sich einbringen – trotz der hohen Alltagsbelastung und knapper Ressourcen“, sagt Keller. Nach anfänglicher Skepsis sei der Mehrwert des Portals deutlich geworden – dazu sei viel Kommunikation nötig gewesen und noch immer nötig, sagt Keller: „Erklären, verständlich machen – so ein Portal ist ja erst einmal sehr abstrakt.“

Das erzeugt viel Druck.

Vieles von dem, an dem sie jetzt gemeinsam arbeiten, sei nicht vom KHZG gefordert – „aber das ist für uns ein ganz entscheidendes Kriterium“, betont Keller. Es passt zu der Entwicklung hin zur Ambulantisierung und zu dem achtjährigen Modellvorhaben, das im Pfalzklinikum seit 2020 läuft. Statt den Fokus vor allem auf stationäre Angebote zu legen, geht es darum, die Menschen stärker auch in ihrer Häuslichkeit oder wohnortnah zu erreichen und zu begleiten – dabei soll Curamenta helfen.

Was sie momentan als höchste Hürde erlebt? „Die Zeit und das KHZG“, sagt Keller, die parallel an KHZG-Projekten zum digitalen Medikationsmanagement und zur IT-Infrastruktur arbeitet: „Das erzeugt viel Druck.“ Vor allem ausreichend Zeit fehle, in einer Phase so vielfältiger Extrembelastungen auch noch einen derart gewaltigen Veränderungsprozess zu stemmen. Bislang stehen sie dabei ganz am Anfang, sagt Keller. Und auch wenn Curamenta dann im Pfalzklinikum laufe, sei das Portal noch lange nicht fertig. Keller rechnet mit einem intensiven Prozess über fünf bis sieben Jahre – „und auch dann ist das nie abgeschlossen“.

Die GDG-Gesellschafter

• Vitos: Hinter dem hessischen Verbund mit Zentrale in Kassel stehen 18 gemeinnützige Unternehmen. Vitos betreibt an 114 Standorten in 74 Orten in Hessen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens und beschäftigt rund 11 000 Mitarbeitende. Alleingesellschafter ist der Landeswohlfahrtsverband Hessen, ein Zusammenschluss der hessischen Landkreise und kreisfreien Städte. Mit 3700 Betten/Plätzen in psychiatrischen, psychosomatischen und forensisch-psychiatrischen Kliniken ist Vitos in Hessen größter Anbieter für die ambulante, teil- und vollstationäre Behandlung psychisch kranker Menschen. In Fachkliniken für Neurologie und Orthopädie werden jährlich rund 47 200 Patienten ambulant und stationär behandelt. Für Menschen mit geistiger bzw. seelischer Behinderung, für die psychiatrische Reha und in der Jugendhilfe bietet Vitos 2500 Plätze.

• Kliniken des Bezirks Oberbayern (KBO): Seit Anfang 2007 arbeiten die Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo) unter dem Dach eines Kommunalunternehmens zusammen. Kbo ist ein Verbund von Kliniken und ambulanten Einrichtungen für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Neurologie und Sozialpädiatrie und beschäftigt rund 7800 Mitarbeitende an über 50 Standorten in ganz Oberbayern.

• Landschaftsverband Rheinland (LVR): Der LVR mit Sitz in Köln betreibt unter anderem neun psychiatrische Kliniken und eine orthopädische Klinik mit insgesamt mehr als 6200 stationären und tagesklinischen Behandlungs- und Betreuungsplätzen. Der LVR mit seinen rund 21 000 Beschäftigten ist ein Kommunalverband von 13 kreisfreien Städten und 12 Kreisen im Rheinland und der StädteRegion Aachen. Er erfüllt Aufgaben in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und der Kultur. Neben den Kliniken betreibt er 41 Schulen, 20 Museen und Kultureinrichtungen, vier Jugendhilfeeinrichtungen, das Landesjugendamt sowie den Verbund Heilpädagogischer Hilfen.

• Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL): Der Kommunalverband mit Sitz in Münster zählt rund 19 000 Beschäftigte und übernimmt Aufgaben für alle Städte und Kreise in Westfalen-Lippe. Der LWL übernimmt mit seinen Inklusionsämtern und 35 Förderschulen zum einen Aufgaben im Bereich Soziales & Inklusion und bietet außerdem verschiedene psychosoziale Leistungen im Bereich der Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiatrie auf ambulanter und stationärer Ebene in seinen psychiatrischen Kliniken in Westfalen-Lippe an. Darüber hinaus betreibt der LWL über 20 Pflegezentren, Reha-Einrichtungen und Wohnverbünde. In 20 kulturellen Einrichtungen, darunter 18 Museen, stellt der LWL weiterhin vielfältige Zugangsmöglichkeiten zur Kultur in Westfalen-Lippe bereit.

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