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SparzwangKlinikverbund Geno läuft bei Sanierung die Zeit davon

Digitaler und moderner soll der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) werden. Die Träger werden ungeduldig. Deshalb soll Chefin Dorothea Dreizehnter in drei Jahren ein ausgeglichenes Ergebnis vorlegen. Gewerkschafter und Politik fordern vor allem die Unabhängigkeit von teuren Leiharbeitskräften.

Dorothea Dreizehnter
Geno-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter steht bei der Sanierung des Bremer Krankenhaus-Konzerns vor großen Herausforderungen.

Es hätte noch schlimmer kommen können. Mit voraussichtlich minus 31,5 Millionen Euro dürfte das Vorsteuer-Ergebnis des Bremer Klinikkonzerns Geno für das Jahr 2020 noch etwas besser ausfallen als zunächst befürchtet. Eine Zeit lang sah es so aus, als müssten die Bremer ein negatives Ebitda von 46 Millionen Euro verkraften. Dennoch formulierte Dorothea Dreizehnter: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Seit dem vergangenen Jahr leitet sie als Geschäftsführerin den ebenso traditionsreichen wie dauerkriselnden Bremer Krankenhaus-Konzern. Aber sie schiebt auch Corona vor: ein erheblicher Teil der aktuellen Verluste gehe wohl auf das Konto der Pandemie, sagte sie in Interviews. Und bezieht sich damit auch auf die schlechtere Auslastung vieler Fachabteilungen, weil Patienten aus Angst vor Ansteckung stationäre Aufenthalte meiden. Was die Situation noch schwieriger macht: Sämtliche Kliniken sind entweder Häuser der Schwerpunkt- oder der Maximalversorgung, verteilt über das gesamte Bremer Stadtgebiet. Häuser der Schwerpunkt- und Maximalversorgung haben zumindest in den ersten Lockdown- Monaten die Hauptlast der Versorgung schwer erkrankter Covid-Patienten gestemmt. Zumindest zu Beginn haben die von der Bundesregierung eingesetzten und von den Gesetzlichen Krankenkassen finanzierten Finanzierungs-Rettungsschirme dieser ungleichen Belastung nur bedingt Rechnung getragen.

Schwierige Vorzeichen

Dreizehnter hat ihren schwierigen Job seit knapp einem Jahr inne. Zuvor war sie Geschäftsführerin des Klinikums Frankfurt-Höchst. Bei Deutschlands größtem kommunalen Klinikkonzern Vivantes in Berlin hatte die Internistin Erfahrung gesammelt, bei der Sana war sie Generalbevollmächtigte für die Region Nordrhein-Westfalen. Bei der Geno beerbt sie Jutta Dernedde. Die langjährige Chefin der Geno, wie der Verbund liebevoll in Bremen genannt wird, war im November vergangenen Jahres von ihren Aufgaben entbunden worden, weil sie die wirtschaftliche Krise der Geno-Häuser nicht in den Griff bekam.

Und auch die neue Chefin arbeitet unter schwierigen Vorzeichen: Dem Bremer Traditionskonzern läuft allmählich die Zeit davon: Seit Jahren beschäftigt der kränkelnde kommunale Klinikverbund mit seinen vier Standorten in Mitte, Nord, -Ost und Links der Weser Medien und Lokalpolitik. Wenigstens in absehbarer Zeit – bis 2024 – solle Dreizehnter ein ausgeglichenes Ergebnis vorlegen, fordert die Bremer Gesundheitssenatorin und Aufsichtsratschefin Claudia Bernhard (Linke). Im Raum stehen Einsparungen in einem Volumen von 44 Millionen Euro. Dafür sollen 440 Vollzeitstellen wegfallen, heißt es. Ausgenommen sei nur die Pflege. Verwaltungs- aber auch Arztstellen stehen zur Disposition. Regionale Medien nannten zuletzt häufiger die Großküche als Beispiel für unwirtschaftliche Strukturen. Die Speiseversorgung soll angeblich zentralisiert werden. Insgesamt arbeiten bei der Geno augenblicklich etwa 8 000 Menschen. Zusätzlich zum Personalabbau plant die Geschäftsführung auch eine Reduzierung der Planbetten um 250 bis 2024.

Verdi moniert fehlerhafte Personalplanung

Ein Personalabbau käme einer Art Trendumkehr gleich. Denn eigentlich baut das Traditionsunternehmen seit Jahren eher Personal auf, nicht ab. In den Jahren zwischen 2017 bis 2020 waren es durchschnittlich 250 neue Stellen pro Jahr, rechnen Beobachter vor. Der Geno- Aufsichtsrat quält sich seit Jahren mit immer neuen Konzepten zur Sanierung des Klinikverbundes. Auch Dorothea Dreizehnter hat eines vorgelegt. Pandemiebedingte Leistungsverluste müssten sukzessive wieder aufgeholt werden, sagt sie. Wenn es nach ihr geht, soll es betriebsbedingte Kündigungen erst einmal nicht geben. Alle bislang bekannt gewordenen Pläne zur Verschlankung des Konzerns sorgten dennoch bei Mitarbeitern und Gewerkschaften bereits für Protest. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wirft der Geno eine fehlerhafte Personalplanung vor. Der Betriebsrat fürchtet, dass unverzichtbare Stellen wegfallen werden. „Wir planen einen Personalumbau, der leistungsangepasst ist und sich an medizinischen und pflegerischen Notwendigkeiten orientiert,“ formuliert die Geno-Chefin Dreizehnter.

Hohe Abhängigkeit von Leiharbeitern

Für eine erfolgreiche Sanierung müsste sie zunächst einmal eines der gravierendsten Strukturprobleme in den Griff bekommen: die hohe Abhängigkeit von Leiharbeitern. Seit Jahren federt der Verbund Personalengpässe und Schwankungen hauptsächlich durch externe Leiharbeitskräfte ab. Mitarbeiter, die über Zeitarbeitsfirmen rekrutiert werden, sind aber teuer. Allein im vergangenen Jahr verdoppelten sich angeblich die Ausgaben zu deren Bezahlung. Ärzte verdienen bei der Geno überdies angeblich deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Im Verwaltungsdienst der Kliniken sei der Gehaltsunterschied zur Bundesebene noch eklatanter, monieren Beobachter. Seit Jahren fordern Arbeitnehmervertreter, die Geno müsse ihre Ausbildungsanstrengungen intensivieren, um eigenen Nachwuchs rekrutieren zu können.

In Vorbereitung auf die Pandemie habe sich die Geno wappnen wollen, begründet Dreizehnter den aktuellen Rückgriff auf externe Arbeitskräfte. Doch so leicht sind Druck und Unzufriedenheit der politischen Stakeholder nicht mehr zu besänftigen. Allen voran hat sich die Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard festgelegt: In drei Jahren müsse der Konzern ein ausgeglichenes Ergebnis vorlegen: „Wir sind fest entschlossen, daran festzuhalten“, sagte sie wiederholt in Interviews.

Bremer Bürgerschaft wird ungeduldig

Und auch in der Bremer Bürgerschaft neigt sich die Geduld dem Ende zu – unabhängig von Parteizugehörigkeit und ideologischer Positionierung: „Eine defizitäre Dauerlösung kann es für die Geno nicht geben“, sagt zum Beispiel Ilona Osterkamp-Weber von den Grünen. Es müsse Umstrukturierungen geben. Die Opposition vermisst ein tragfähiges Zukunftskonzept, welches die enormen Ausgaben zur Stützung des Gesundheitskonzerns rechtfertigt: Es mangele den vier Einzelstandorten an eigenem Profil und einem unterscheidbaren Leistungsangebot. „Die freien Krankenhäuser können das schließlich auch“ moniert der gesundheitspolitische Sprecher der CDU in der Bürgerschaft, Rainer Bensch. Auch ihm fehlt ein belastbares Gesamtkonzept: „Zu viele machen derzeit das Gleiche an allen Standorten“, kritisiert er. Außerdem habe sich in drei Jahrzehnten nicht wirklich viel verändert. Er verlangt Antworten auf aktuelle Entwicklungen wie die zunehmende Ambulantisierung in der medizinischen Versorgung und die Anforderungen der digitalen Vernetzung.

Überhaupt scheint der fehlende medizinische Fokus eine der Kernfragen zu sein, auf die Dreizehnter eine Antwort finden muss. Noch schiebt sie eine Entscheidung vor sich her: Bis zum Ende der aktuellen Sanierungsperiode in 2024, sagt sie etwa, wolle sie das wirtschaftliche Ergebnis in der bestehenden Struktur verbessern. Danach erst werde man sich um die großen Fragen der Medizinstrategie kümmern. Heißt für den Moment: Die vier Standorte – darunter das Klinikum Bremen-Mitte mit 21 Fachabteilungen, das Klinikum Links der Weser im Ortsteil Kattenturm oder das Klinikum Bremen Ost im Stadtteil Osterholz mit seiner großen Psychiatrie - bleiben.

Veränderungen an den Profilen der vier Standorte, mit dem Ziel, die Krankenhäuser inhaltlich klarer aufzustellen, Synergien zu schaffen und doppelte Vorhaltungen abzubauen, seien geplant, erklärt eine Geno-Sprecherin. Ein entsprechendes Konzept sei in Arbeit. Dass der Verbund mit seiner Struktur ringt, ist indes überhaupt nicht neu: Die bestehende Organisationsstruktur war überhaupt erst im Februar 2014 durch Senatsbeschluss geschaffen worden. Die vier Kliniken wurden gesellschaftsrechtlich zusammengeschoben. Vorausgegangen waren 2011 beinahe eine Insolvenz und – einmal mehr – ein Sanierungsprogramm.

Steigender Zulauf

Davon unbenommen leisten alle vier Standorte zusammen einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Versorgung der Bremer Bevölkerung. Anfang 2018 gab der Senat über einen Nachtragshaushalt rund 205 Millionen Euro frei, um das Klinik-Konglomerat zu stützen. In den vergangenen Jahren zumindest schienen sich die Bremer auf ihren Krankenhauskonzern zu besinnen: Die vier Kliniken verzeichneten steigenden Zulauf, auch aus dem Umland: „Mit Ausnahme des Klinikums Bremen-Ost konnten alle Kliniken der Geno zuletzt an der Leistungssteigerung in der Somatik partizipieren“, betont die Konzernführung.

Die aktuelle Mittelfristplanung ist im Februar im Aufsichtsrat behandelt worden. Die darin enthaltenen Maßnahmen könnten nun umgesetzt werden, betont Dreizehnter. In Arbeit ist die neue Medizinstrategie. Sie soll „in einer der nächsten Aufsichtsratssitzungen vorgestellt werden“.

Erschienen in kma 5/21  Jetzt kaufen!

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