Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG
Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG

30 Jahre, 30 Köpfe„Titanic-Healthcare“ – De Meos Befund zum Gesundheitswesen

Zum 30. kma‑Jubiläum starten wir eine Kolumne mit Stimmen aus der Gesundheitswirtschaft. Expertinnen und Experten blicken auf drei Jahrzehnte Gesundheitsbranche zurück oder skizzieren ihre Vision für die Zukunft. Den Auftakt macht Francesco De Meo.

Francesco De Meo
Privat
Dr. Francesco De Meo, Jurist und Klinikmanager, ist derzeit tätig als Geschäftsführer der bundesweiten MVZ-Anbieter Med:On MVZ. Von 2008 bis 2023 war er Chef der Helios-Kliniken und Vorstand des im DAX notierten Gesundheitskonzerns Fresenius.

Wenn ich das deutsche Gesundheitswesen in einem Begriff beschreiben müsste, dann wäre es dieser: Titanic Healthcare. Nicht aus Lust an der Provokation. Sondern aus Sorge. Die Titanic war ein technisches Meisterwerk. Gigantisch, teuer, hochkomplex – und mit dem festen Glauben gebaut, sie könne nicht untergehen. Ein Irrtum mit fatalem Ausgang.

Auch unser Gesundheitswesen ist ein Meisterwerk sozialtechnischer Bürokratie: eines der teuersten und kompliziertesten weltweit. Mit Spitzenmedizin, Hightechmaschinen, Spezialisierung, Zentralisierung und permanenter Reformaktivität. Doch erstaunlich wenig davon verbessert spürbar die reale Versorgung. Neue Technik läuft im alten Hamsterrad. Strukturen dominieren – Menschen folgen.

Gutachten, Studien und Erfahrungsberichte liegen auf dem Tisch. Man hört sie. Man nickt. Und fährt weiter.

Der Eisberg ist seit Jahren sichtbar: Demografie, Fachkräftemangel, chronische Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit, Fehlanreize, Überforderung an der Basis. Niemand kann behaupten, davon nichts gewusst zu haben. Gutachten, Studien und Erfahrungsberichte liegen auf dem Tisch. Man hört sie. Man nickt. Und fährt weiter.

Wie auf der Titanic zählt auch im Gesundheitswesen der Fahrplan mehr als der Wellengang. Politische Zyklen, Haushaltslogiken und Zuständigkeiten wiegen schwerer als Versorgungsrealität. Kursänderungen gelten als riskant – für Macht, Budgets und Besitzstände.

Scheitern an der Technikgläubigkeit

Das System ist wie in Schiffdecks abwärts geschichtet: Unten die normalen Menschen, die zuerst spüren, wenn Wasser eindringt – durch Wartezeiten, Versorgungslücken, fehlende Koordination. Darüber der Maschinenraum: Pflegende, Ärztinnen und Ärzte, eine Vielzahl weiterer Assistenzberufe. Sie halten das System unter Dauerlast am Laufen, erschöpft, unverzichtbar, doch unkoordiniert. Weiter oben Institutionen, Kassen und Verwaltungen – zuständigkeitsfixiert, siloorganisiert, regulierungsverliebt. Ganz oben Politik und Selbstverwaltung: eloquent, reformaktiv, aber mehr mit Bewahren als mit wirklichem Neumachen beschäftigt.

Die Titanic scheiterte nicht an fehlender Technik, sondern an Technikgläubigkeit. Auch wir glauben: Mehr Geld, mehr Regulierung, mehr Digitalisierung, mehr Infrastruktur werden es richten. Doch Technik ersetzt keine Versorgungslogik, keine Priorisierung und keine Verantwortung. Ein technisch perfektes System auf falschem Kurs bleibt gefährlich.

Wie die Titanic zu wenige Rettungsboote hatte, fehlen unserem System die unspektakulären Sicherungen.

Wie die Titanic zu wenige Rettungsboote hatte, fehlen unserem System die unspektakulären Sicherungen: Prävention, Primärversorgung, Koordination, Gemeinwesen, interprofessionelle Zusammenarbeit. Alles bekannt. Alles diskutiert. Chronisch unterversorgt.

„30 Jahre, 30 Köpfe“

Bereits 30 Jahre begleitet die kma das Geschehen in der Gesundheitsbranche. Als kritischer Beobachter und Impulsgeber laden wir im Rahmen unserer Jubiläumskolumne „30 Jahre, 30 Köpfe“ Stimmen aus der Branche ein, auf drei Jahrzehnte Gesundheitswirtschaft zurückzublicken – oder einen Blick nach vorn zu werfen und zu skizzieren, wie das Gesundheitswesen in 30 Jahren aussehen könnte. 

Hausgemachter Untergang

Der Untergang der Titanic war kein Naturereignis. Er war vermeidbar. Und genau das macht die Metapher so unbequem: Auch das Scheitern unseres Gesundheitswesens wäre hausgemacht – nicht durch fehlendes Wissen, sondern durch fehlenden Mut.

Noch ist es nicht zu spät. Das Ruder ist beweglich. Was es braucht, ist kein weiteres Feintuning, sondern ein echter Kurswechsel: menschenzentriert statt strukturverliebt, Versorgungsbedarf statt Akteursinteressen, Eigenverantwortung statt Versichertenmentalität, regionale Verantwortung statt sektoraler Geldsilos, echte Anreize für Gesundheit statt für Krankheit.

Doch es geht längst um mehr als Gesundheitspolitik. Wenn der Staat elementare Daseinsvorsorge nicht mehr zuverlässig organisiert, entsteht politischer Vertrauensverlust. Wer monatelang auf Termine wartet, Pflege nur noch als Mangel erlebt und Überforderung zum Normalzustand erklärt bekommt, wendet sich ab. Dann folgt das blaue Wunder an der Wahlurne.

Der blaue Brief liegt auf dem Tisch. Wer jetzt den Kurs nicht ändert, stärkt jene, die von Wut und Vereinfachung leben. Die Frage ist nicht, ob der Eisberg real ist. Die Frage ist, ob wir ihn politisch ernst nehmen – oder weiter tanzen, bis es beim Aufprall knirscht.

2026. Thieme. All rights reserved.
Sortierung
  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Jetzt einloggen