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Prof. Henriette Neumeyer„Die Situation der Kliniken ist hoch problematisch“

Vergütung und Bürokratie als Herausforderung

Die Situation der Kliniken sieht Henriette Neumeyer hoch problematisch, deswegen müsse sich in der Finanzierung und in der Vergütung etwas ändern. Die Investitionskostensituation sei seit Jahrzehnten anerkanntermaßen unter jedem nachhaltigen Maß. Wer Krankenhäuser weiter als wichtigen Bestandteil der Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger in erreichbarer Distanz erhalten will, muss auch für die Investitionskosten aufkommen, findet sie. Und speziell: dass Deutschland eine Reform des Finanzierungssystems der Kliniken braucht, die stärker die Vorhaltefinanzierung berücksichtigt und auch ambulante Leistungen am Krankenhaus mit einbezieht, Stichwort Hybrid-DRGs.

Wenn die Ärztin und Managerin über das Thema Bürokratie spricht will sie unbedingt wichtige Transparenzbedürfnisse in Abgrenzung gegenüber einer zunehmenden Misstrauenskultur diskutieren. Gerade von außen betrachtet, scheint es ihr, dass die Kostenträger versuchen, durch immer mehr Dokumentationsaufwand immer gläsernere Strukturen herzustellen. Transparenz sollte aber kein Selbstzweck oder gar Ausdruck eines Misstrauens gegenüber den Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten sein, die täglich ihre Patienten gut versorgen.

Für Neumeyer sollte Transparenz vor allem im Teamwork für die Bereitstellung von Informationen an die Praktiker genutzt werden, und Rückschlüsse ziehen lassen, wie sich die Qualität in der Patientenversorgung immer wieder hinterfragen und verbessern lässt. Wichtig beim Bürokratieabbau sei auch wieder die Digitalisierung – als Hilfsmittel um Dokumentationen, die wichtig und richtig sind, praktikabel zu machen.

Bei den Dokumentationspflichten sei es an der Zeit zu entrümpeln auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Pflichten hinzu, ohne das etwas wegfiel. In den Kliniken sieht Neumeyer nun teilweise Doppelungen, Mehrfachmeldungen an unterschiedliche Stellen und Systemen. Hier will sie dringend ansetzen, um den Alltag der Mitarbeitenden im Krankenhaus zu verbessern. „Wenn ich sehe, dass Pflegekräfte, Mediziner und Ärzte 3-4 Stunden ihres Alltags mit Dokumentations-Pflichten verbringen müssen, kann ich die Frustration und Verärgerung gut verstehen“, so die Insiderin.

Kliniken, zunehmende Ambulantisierung und „Zu-Hause-Medizin“

Zwischen Kliniken, zunehmender Ambulantisierung und „Zu-Hause-Medizin“ sieht Prof. Henriette Neumeyer keine Konkurrenz. Die Ambulantisierung nennt sie eine „große Chance das vorhandene Personal optimal einzusetzen“. Und: „eine Chance stärker die Bedürfnisse der Patienten zu berücksichtigen“. Denn künftig gelte es Kompetenzen und Ressourcen der Kliniken optimal nutzen. Ambulantisierung geht für ihr Verständnis weit über das ambulante Operieren hinaus. Und sie geht auch über den Versuch hinaus, Lücken im niedergelassenen Bereich zu füllen. Es gebe Dinge, die sind nur stationär möglich und es gebe ambulante Dinge, die nur mit dem Hintergrund des Vorhandenseins eines 24/7 Rückhalts durch die Krankenhäuser möglich sind.

Eines weiß Neumeyer dabei ganz genau: „Wir werden nur ohne Scheuklappen und ohne Pfründesicherung auf allen Seiten der Sektorengrenzen eine dauerhaft hochwertige flächendeckende Versorgung der alternden Gesellschaft sicherstellen können.“

Um im Job voranzukommen, schwört Henriette Neumeyer auf gute Netzwerke. Der persönliche Austausch von Angesicht zu Angesicht, das ist es, was sie so hochschätzt!

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