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Best PracticeGrünanlagen trotz Sparkurs – vier Kliniken zeigen, wie es geht

Trotz erwiesenen Nutzens sparen viele Kliniken aufgrund der aktuellen Finanzen an Grünanlagen. kma hat sich angeschaut, welche Umsetzungsmöglichkeiten es auch für wenig Geld gibt, wer das aufbringt und wie vielseitig die Nutzungsmöglichkeiten sind.

Therapiegarten EKW
Stefan Rampfel/EKW
Der Therapiegarten des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende wurde im Herbst 2009 eröffnet.

Grünflächen sollen dabei helfen, schneller gesund zu werden – und auch, gesund zu bleiben. Schon der Blick aus dem Fenster auf einen Park oder Garten sorge laut Studien für mehr Wohlbefinden und weniger Stress, Angst und Schmerzen. Nur: Grünanlagen sind unter dem aktuellen Kostendruck im Gesundheitswesen immer schwieriger zu finanzieren und werden deshalb immer häufiger eingespart oder klein gehalten. Auch, weil die Aufenthaltsdauer von Patienten in Akutkliniken immer kürzer wird und sie vermeintlich nicht von Krankenhausgärten profitieren können. Ob als Therapiegarten, Treffpunkt der Belegschaft oder im Kampf gegen die Flächenversiegelung – kma hat vier Häuser unter die Lupe genommen, die ihre Grünanlagen mit viel Fantasie und Herzblut gestaltet haben.

Therapiegarten lässt Patienten aufblühen

Von Göttingen-Weende geht es hinaus in die Welt. Zumindest wenn man dem Wegenetz im Therapiegarten des Evangelischen Krankenhauses folgt. Schilder weisen in verschiedene Richtungen, zum „Stadtrundgang“, aber auch zur „Harzwanderung“ oder eben zur „Weltreise“. Was es damit auf sich hat: Patienten können hier auf verschieden langen Strecken von 80, 230 und 320 Metern ihre Ausdauer trainieren. Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende ist ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung, unter anderem ist an diesem Standort der Fachbereich Geriatrie angesiedelt. In Südniedersachsen stellt die dort angebotene geriatrische Rehabilitation ein Alleinstellungsmerkmal dar, an den übrigen Häusern gibt es lediglich eine Frührehabilitation. Doch der Therapiegarten in Göttingen-Weende ist noch viel mehr als nur ein Ort fürs Ausdauertraining. „Hier werden auch wieder Motivation und Lebensmut geweckt“, sagt Ruth Tönsmann. Sie besetzt die Position der Therapeutischen Leitung des Krankenhauses und hat das Therapiekonzept des Gartens erarbeitet. In der Geriatrie blieben die Patienten oft lange am Haus. Krankheiten stellten im Alter eine Bedrohung dar: Kann man überhaupt die Ressourcen aufbringen, um wieder fit zu werden? 

Man merkt, wie die Patienten regelrecht aufblühen.

Man habe Schmerzen, die Reha sei anstrengend. „Das geht manchmal an die Lebensfreude. In dieser Situation einmal aus dem Krankenhaus zu kommen und Blumen zu sehen – man merkt, wie die Patienten regelrecht aufblühen und zum Beispiel von ihrem eigenen Garten erzählen.“ 2008 wurde der Krankenhausneubau in Weende eröffnet. Durch die Bauarbeiten war die damalige Rasenfläche zerstört und sollte neu geplant werden. Tönsmann packte die „Gelegenheit beim Schopfe“, wie sie sich ausdrückt. Sie wollte die Gartenanlage professioneller aufstellen und das therapeutische Angebot erweitern. Im Herbst 2009 wurde der Garten dann eröffnet.

Das Areal ist etwa so groß wie ein Fußballplatz. Ein künstlich geschaffener Hügel lässt alles größer erscheinen, sorgt für ein abwechslungsreiches Gelände mit kleinen Nischen und Blumenbeeten. Für die Pflege des Therapiegartens wurde zusätzlich ein Gärtner eingestellt, der auch das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigt: Es werden keine Pestizide ausgebracht, ein Bereich der Grünanlage wird nicht gemäht und eine Blühwiese für Insekten wurde angelegt. Die Patienten sollen im Rahmen der Rehabilitation möglichst im Außenbereich unter Realbedingungen des Alltags – und das ganzjährig – wieder mehr Selbstständigkeit erlangen und zum Beispiel den neuen Rollator bei verschiedenen Witterungsbedingungen ausprobieren. Dafür wurde unter anderem eine Gehschule zur Sturzprävention eingerichtet. Denn die Böden auf den Stationsfluren sind zwar schön eben, spiegeln aber den Alltag zu Hause nur bedingt wider. 

Außerhalb des Krankenhauses sind Wege holprig, Stufen oder Schwellen stellen häufig Hindernisse dar. Um den sicheren Umgang damit zu trainieren, wurden parallel zu den normalen Gehwegen im Garten Übungselemente platziert: eine Treppe, ein Kieselweg, Schwellen oder auch ein Bodenabschnitt mit Baumrinde. Aber auch Sinne wie Riechen, Tasten und Fühlen können im Therapiegarten angesprochen werden. Zum Beispiel bei der Gartenarbeit. Bei Alltagsübungen wie dem Gießen des Beetes kommt man miteinander ins Gespräch. 

Für Ruth Tönsmann macht die Verfügbarkeit des Gartens sowohl für Patienten, Besucher als auch Mitarbeitende den Reiz aus: „Wir haben einen großen Garten für alle. Wir machen dort Therapien. Man kann dort spazieren gehen, Pausen machen. Das ist das eigentlich Schöne: Dieses Miteinander. Uns eint alle, dass wir den Garten schön finden und es dort genießen.“

Ein Palmengarten als grüne Oase und freundliches Willkommen

Wo ist so etwas schon zu finden: Man tritt durch den Haupteingang in ein Krankenhaus und der erste Blick geht ins üppige Grün. Große Palmen wachsen dem Glasdach entgegen. Das Atrium als Herzstück des Helios Klinikums Gotha ist lichtdurchflutet, das dichte Blätterdach bringt die Natur ins Krankenhaus. All das erzeugt eine bestimmte Aura: freundlich, einladend für Patientinnen und Patienten, Angehörige, Mitarbeitende. Das wirkt selbst auf dem Computerbildschirm schon imposant. Denn Sandra Oehmer, Leitung für Marketing, Kommunikation und Technologien am Helios Klinikum Gotha, hat zu einer Videokonferenz eingeladen, um einen besseren Eindruck vom Palmengarten zu vermitteln. Der ist beliebt, ein Ort der Begegnung – auch, weil hier die typische Krankenhausatmosphäre nicht zu spüren ist. Als offenes Haus, das Gemütlichkeit ausstrahle beschreibt Sandra Oehmer das Architekturkonzept. Die Pflanzen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Nicht umsonst ist auf der Website des Krankenhauses auch der Satz „365 Tage Palmen und Medizin“ zu lesen.

2002 wurde das Klinikum in Betrieb genommen. Und mit ihm auch der Palmengarten. 25 verschiedene Pflanzenarten wurden dafür ausgewählt und in großer Zahl eingepflanzt. Ein botanischer Wegweiser gibt Informationen zu den Palmen, die zu sehen sind. Ein Gärtner pflegt diese, ein Bewässerungssystem sorgt für optimale Bedingungen. Aber ein Garten im Krankenhaus, ist das nicht eine Herausforderung für das Hygienekonzept? 

Sandra Oehmer winkt ab. Die Pflanzen wachsen nicht in Erde, sondern in Granulat. Außerdem: Der Palmengarten befindet sich im zentralen Eingangsbereich des Hauses. Die Stationen und Patientenzimmer, wo der medizinische Alltag stattfindet, sind hingegen pflanzenfrei. Das macht den Palmengarten zu einer Art grüner Oase, der die Menschen anzieht. Er wird zu einem Ort, an dem man sich treffen, sich austauschen kann – selbst, wenn es im Außenbereich ebenfalls Gartenzonen gibt. In die Cafeteria, direkt an den Palmen gelegen, sollen sogar regelmäßig Menschen von außerhalb des Krankenhausbetriebes zum Mittagessen kommen, nur um den Ausblick zu genießen. 

Die Faszination, die von den Palmen im Lichthof ausgeht, fängt Sandra Oehmer auf ihrem Weg durchs Krankenhaus auch mit Hilfe ihrer Kamera ein. Immer wieder läuft sie an Menschen vorbei, die an den gläsernen Geländern der Emporen beziehungsweise der Treppen stehen und das Bild auf sich wirken lassen. Der Palmengarten ist rundherum frei einsehbar. Selbst der Fahrstuhl ist gläsern und ermöglicht einen uneingeschränkten Blick aufs Grün. Denn im Helios Klinikum Gotha wird der Palmengarten nicht nur als architektonisches Detail gesehen, sondern als Teil eines Umfelds, das zur Heilung beiträgt.

Begrünte Dachterrasse als Treffpunkt mit Traumkulisse 

Blumen gießen, selbst gezogenes Obst und Gemüse ernten, die Sonne genießen oder abends auch einmal einen Cocktail trinken. So gelingt das Abschalten vom Krankenhausalltag. Und genau das ist Mitarbeitenden des Berliner Vivantes Klinikums Am Urban auf einer eigens für sie eingerichteten Dachterrasse möglich. Von der neunten Etage des Krankenhauses aus erstreckt sich nicht nur ein atemberaubender Ausblick über die Hauptstadt. Die Dachterrasse dient seit dem Sommer 2018 gewissermaßen auch als Ruhe- und Partyzone. In diesem Jahr wurde zunächst das Gartenprojekt ins Leben gerufen. 

Idee war es, für Mitarbeitende des Hauses eine eigene Erholungszone zu schaffen. Zwar gibt es Am Urban einen großen Patientengarten im Innenhof. Doch genutzt wird dieser eher weniger. Das Krankenhaus liegt in unmittelbarer Nähe zum Landwehrkanal. Gerade im Sommer zieht es die Menschen zum nahen Wasser. Es sollte daher eine Alternative angeboten werden, um sich gemeinsam außerhalb der regulären Arbeitsprozesse zusammensetzen, sich austauschen und Zeit miteinander verbringen zu können. 

Dachterrasse am Vivantes Klinikum
Kevin Kuka/Vivantes
Für die Beschäftigte am Vivantes Klinikum können Grünanlagen zum Ort für Austausch und Erholung werden.

Auf Initiative von Mitarbeitenden wurde eine Kooperation mit dem Prinzessinnengarten Kollektiv Berlin – das ist ein Gemeinschaftsgarten mit Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten – eingegangen. Mit dessen Expertise konnte ein Holzboden verlegt, Hochbeete und Sitzmöglichkeiten gebaut sowie die erste Pflanzung der Beete vorgenommen werden. Anschließend wurden die Beete von Mitarbeitenden des Klinikums übernommen, die sich in Teams zum gemeinschaftlichen Gärtnern zusammengefunden hatten. Die Fassade des Krankenhauses im Stil des Brutalismus ist denkmalgeschützt. Klare Linien und das verwendete Baumaterial Beton stehen architektonisch im Vordergrund. Das hat sich mit dem Umbau und der Nutzung der Dachterrasse auch nicht geändert. Da bei den Arbeiten nichts an der Fassade verändert wurde und auch alles wieder rückbaubar ist, gab es keine Konflikte mit dem Denkmalschutz. Finanziert wurde das Projekt aus Vivantes-Eigenmitteln, gut 66.000 Euro wurden dafür aufgewendet.

Im selben Jahr hatte eine Gruppe aus dem OP-Team die Idee, auf der Dachterrasse eine Bar für die Kolleginnen und Kollegen zu eröffnen. Es handelt sich um ein ehrenamtliches Projekt. Dafür wurden Spenden von Mitarbeitenden gesammelt, um Baumaterial beschaffen und die Bar in Eigenregie aufbauen zu können. Seitdem läuft im Sommer der Barbetrieb etwa alle zwei Wochen, ausschließlich für das Krankenhauspersonal. Es ist ein Erfolgsprojekt, das gleichzeitig auch identitätsstiftend ist. 

Die Namen der Spenderinnen und Spender, die das alles ermöglicht haben, wurden auf einer Wand hinter der Bar verewigt. Aufgeklebte Sticker zeigen den Bezug zum Klinikum Am Urban. Auf einem zu lesen: „Das Berghain unter den Krankenhäusern“. Ähnlich wie der bekannteste Club Berlins ist auch die Dachterrasse des Klinikums gefragt. „Sie wird sehr stark und gern genutzt. Nicht nur von unserem eigenen Personal, sondern auch von anderen Mitarbeitenden aus dem Vivantes-Konzern. Die Palette der Anfragen, unsere Dachterrasse für Veranstaltungen zu nutzen, ist wirklich breit gefächert, beispielsweise für Abschiedsfeiern oder Hygieneschulungen“, sagt die Geschäftsführende Direktorin Pia Gabel. Sie betont, dass auf der Dachterrasse Gemeinschaft gelebt wird, Beete und Bar für Kollegen ein Treffpunkt sind: „Das Wichtigste ist, dass alle zusammenkommen. Egal aus welchem Grund – ob zum Cocktailtrinken oder Tomatengießen.“

Tiny Forest mit großer Wirkung 

Lässt sich ein komplexes Ökosystem wie ein Wald auf einem Krankenhausareal planen? Am Standort Herford der Kreiskliniken Herford-Bünde lässt sich begutachten, wie so ein Vorhaben umgesetzt wird. Seit dem Frühjahr 2022 wächst dort ein sogenannter Tiny Forest, der erste in Nordrhein-Westfalen. Das Konzept, auf einer brachliegenden Fläche eine abwechslungsreiche, schnell wachsende und sich selbst erhaltende Begrünung zu pflanzen, kommt ursprünglich aus Japan. 

Im Klinikum Herford wurde die Idee vom ehemaligen Vorstandssprecher Peter Hutmacher gemeinsam mit einer Redakteurin der regionalen Zeitung aufgegriffen und über ein medial groß aufgezogenes Crowdfunding realisiert. Rund 21.300 Euro wurden für das Projekt gespendet. Die Bodenvorbereitung und der Pflanzenkauf konnten darüber finanziert werden, genauso wie ein erlebnispädagogisches Programm, um Kindern das Biotop Wald näherzubringen und ihnen einen leichteren Zugang zur Natur zu ermöglichen. Denn das Projekt soll neben dem sozialen auch dem ökologischen Nachhaltigkeitsaspekt gerecht werden, der in Zukunft für Krankenhäuser eine immer größere Rolle spielen wird. 

Wir stehen als Gesundheitsanbieter in einer moralischen Pflicht.

„Wir als Krankenhäuser müssen auch überlegen, wie wir unsere Umgebung gestalten können. Das fängt beim Thema Flächenversiegelung an und geht weiter, was wir zum Hitzeschutz beitragen können“, sagt Annika Vinzelberg, die an den Kreiskliniken Herford-Bünde mit seinen zwei Standorten für die Nachhaltigkeitskommunikation zuständig ist. „Wir stehen als Gesundheitsanbieter in einer moralischen Pflicht, unsere Patienten und Mitarbeitenden zu schützen, wenn es in Zukunft immer heißer wird. Ich glaube, dass wir uns künftig mehr Gedanken machen sollten, wie wir unsere Gebäude aufstellen und was wir mit den Flächen machen, die uns zur Verfügung stehen.“

Tatsächlich lässt sich die Ausgangssituation am Klinikum Herford durchaus als ökologisch trist beschreiben: Hinter dem Parkhaus und direkt an einer Straße bot ein schmaler Streifen Rasenfläche ein wenig Grün. Das sieht heute anders aus. Eingehegt von einem Staketenzaun erobert sich mittlerweile die Natur hier ihren Raum zurück. 24 geeignete heimische Gehölzarten wie Schlehe, Rotbuche oder Feld-Rose wurden für den schattigen Standort ausgewählt, insgesamt 750 Bäume und Sträucher wurden schließlich im Mai 2022 auf 250 Quadratmetern gepflanzt. Der Verein Miya Forest aus Brandenburg unterstützte das Klinikum Herford dabei. Der Mini-Mischwald entwickelt sich seitdem stetig weiter, verändert nicht nur in den verschiedenen Jahreszeiten, sondern auch über den Verlauf der Jahre hinweg sein Aussehen. 

„Mit dem Konzept des Tiny Forests hatten wir die Option, eine brachliegende Fläche in etwas Lebendiges zu verwandeln“, erzählt Annika Vinzelberg. „Wir wollten ein Angebot schaffen, dort ein bisschen zu verweilen, sich vielleicht auch einmal kurz zu verstecken oder einfach im Sommer die Kühle zu genießen. Denn man mag es kaum glauben, aber so ein kleiner Wald trägt viel dazu bei, ein lokales Klima zu erzeugen. Das ist im Sommer deutlich spürbar“. Der pflegerische Aufwand des Wäldchens hält sich dabei in Grenzen – in den ersten beiden Jahren mussten die jungen Pflanzen noch bewässert werden, mit zunehmender Vegetationsdichte ist das nicht mehr erforderlich.

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