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HandlungsempfehlungenGutachten beschreiben Weg zum klimaneutralen Krankenhaus

Für 5,2 Prozent des bundesweiten CO2-Ausstoßes ist der deutsche Gesundheitssektor verantwortlich. Wie es Kliniken gelingen kann zur Klimaneutralität zu kommen, zeigt Prof. Boris Augurzky vom Institute for Health Care Business auf.

Nachhaltigkeit
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Energetische Gebäudesanierung, Umstellung der Strom- und Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien, die Einführung nachhaltiger Lösungen für das Raumklima – die Anforderungen an klimaneutrales Wirtschaften stellt die Krankenhäuser im Land vor große finanzielle als auch prozessuale Herausforderungen. 

Mit einem Anteil von 5,2 Prozent des bundesweiten CO2-Ausstoßes liegt der deutsche Gesundheitssektor nur knapp hinter der Stahlindustrie (ca. sechs Prozent). Einen großen Teil davon verursachen die Krankenhäuser, wie das Wuppertal Institut in einem Gutachten für die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) die Ausgangslage beschreibt. Die Expertise entwirft für die 315 Plankrankenhäuser ein „Zielbild Klimaneutrales Krankenhaus“, das zehn konkrete Maßnahmen und ihre Effekte auf das Klima darstellt.

In einem zweiten Gutachten hat das Institute for Health Care Business (HCB) die erforderlichen finanziellen Rahmenbedingungen analysiert und Handlungsempfehlungen formuliert. Im Kern steht hier die Erkenntnis, dass die unausweichliche Transformation der Kliniken hin zur Klimaneutralität nur mit einem neu zu schaffenden Krankenhaus-Klimafonds gewährleistet werden kann. „Die Verbindung von Klimaschutz und Daseinsvorsorge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die nächste Landesregierung bewältigen muss.“, sagte KGNW-Vizepräsident Sascha Klein bei der Vorstellung beider Gutachten.

Zehn konkrete Maßnahmen identifiziert

Das novellierte Klimaschutzgesetz schreibt ein Minus von mindestens 65 Prozent bei den Treibhausgas-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 vor. „Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, müssen alle Sektoren einen angemessenen Beitrag leisten. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsanstrengung, die erhebliche Investitionen aber auch die Änderungen von Routinen erfordert“, betont Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts.

In seinem Gutachten nennt das Wuppertal Institut drei Handlungsfelder – auch Scopes genannt – für die NRW-Krankenhäuser.

  • Das erste adressiert die direkt von den Einrichtungen – etwa von ihren Heizungsanlagen, Fuhrparks oder Narkosegasen – ausgehenden Emissionen.
  • Das zweite zielt auf die indirekten Emissionen aus bezogenen Energiequellen für Strom oder Fernwärme.
  • Der dritte Bereich umfasst die Mobilität von Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten sowie Besucherinnen und Besuchern. Er betrifft ebenso alle Warenketten inklusive der Arzneimittel und der Speisenversorgung.

„Um in diesen Bereichen klimaneutral zu werden, müssen die Krankenhäuser den Prozess in die Hände von hauptamtlichen Klimaschutzmanagerinnen und -managern legen“, nennt Oliver Wagner, Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik am Wuppertal Institut und Hauptautor des Gutachtens, als eine zentrale Voraussetzung. Dies sei die erste von zehn Maßnahmen, die von den Krankenhäusern umgesetzt werden müssten. „Das Vorhandensein einer Person, die sich kümmert, die Motor und Promoterin oder Promoter des Klimaschutz-Prozesses ist, ist ein entscheidender Erfolgsfaktor auf dem Weg zum klimaneutralen Krankenhaus“, ergänzt Wagner.

Die zugleich teuerste, aber auch effektivste Maßnahme sei demnach die energetische Sanierung der Gebäudehüllen, also Dächer, Fassaden und Fenster. Weitere Felder sind:

  • Wärme- und Kälteerzeugung
  • Einsatz von Photovoltaik
  • Umstellung auf LED-Beleuchtung
  • Austausch von Lüftungsanlagen
  • Tausch von Heizungspumpen
  • Umstellung auf möglichst autofreie Mobilität
  • Elektromobilität
  • Substitution und Recycling von Narkosegasen

Greift man die Maßnahmen mit der notwendigen Konsequenz auf und gelingt es, die dafür notwendigen Investitionsvolumina zu generieren, kann den Analysen des Wuppertal Instituts folgend ein adäquater Beitrag geleistet werden, um die von der Bundesregierung gesetzten Klimaschutz-Zielmarken für 2030, 2040 und 2045 zu erreichen.

7,1 Milliarden Euro nötig, um Klimaneutralität in Kliniken zu erreichen

Mit der Transformation zum klimaneutralen Krankenhaus kommen auf die NRW-Kliniken enorme Ausgaben zu. Nach Berechnungen des HCB summieren sich die erforderlichen Investitionen auf 7,1 Milliarden Euro verteilt auf sieben Jahre, um das für 2030 gesteckte Ziel zu erreichen. Der größte Anteil – 6,3 Milliarden Euro – entfällt dabei auf die energetische Sanierung der Gebäudehüllen. Prof. Dr. Boris Augurzky, Geschäftsführer des HCB und Autor der Studie, verwies auf den hohen bereits bestehenden Investitionsstau der nordrhein-westfälischen Krankenhäuser: Über viele Jahre seien Fassaden, Fenster und Dächer nicht ausreichend saniert worden.

Die Berechnung differenziert deshalb zwischen nachzuholenden Grundinvestitionen von 4,1 Milliarden Euro und den zusätzlichen für den Klimaschutz erforderlichen Aufwendungen von 2,2 Milliarden Euro. Weitere Investitionsmittel von 800 Millionen Euro werden dem Gutachten zufolge für die übrigen vom Wuppertal Institut identifizierten Maßnahmen benötigt.

Augurzky empfiehlt „Climate Boost“

Das HCB-Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die von der Bundesregierung vorgegebenen Klimaschutzziele die Krankenhäuser in ein Dilemma führen: Es gäbe kein Förderprogramm, aus dem die enormen Aufwendungen finanziert werden können. Bei den meisten staatlichen Programmen stoßen die Kliniken auf beihilferechtliche und ebenso finanzielle Beschränkungen. „Außerdem erwirtschaften die Krankenhäuser nicht ausreichend Überschüsse, um die erforderlichen Investitionen aus eigener Kraft tätigen zu können. Und das ist in der Finanzierungslogik der Krankenhäuser auch nicht vorgesehen“, erklärte Augurzky. „Um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen, empfehlen wir deshalb einen „Climate Boost“. Die damit verbundenen Fördermittel müssen explizit für das Ziel eines klimaneutralen Krankenhauses einsetzbar sein. Bisher verhindert die aktuelle Gesetzeslage, dass die Krankenhäuser ihren Beitrag zur Klimaneutralität leisten können.“, so Augurzky.

Zur konkreten Finanzierung schlägt HCB einen Krankenhaus-Klimafonds des Landes vor. Er soll die erforderlichen Investitionsmittel von 7,1 Milliarden Euro enthalten und zusätzlich eine 600 Millionen Euro umfassende Anschubfinanzierung, mit der über drei Jahre die für den Prozess notwendigen Klimaschutzmanager in jedem Krankenhaus etabliert und der Start in ein Jobticket initiiert werden. „Damit versetzt das Land die Kliniken in die Lage, die Klimaziele zu erreichen“, betonte Augurzky. Nach Vorstellung von hcb könnte der Klimafonds sich in eine Klimapauschale und ein Sonder-Investitionsprogramm für die Gebäudehüllen gliedern. Vorteil sei ein einheitliches Antragsverfahren an nur einer Stelle.

Landesregierung muss Voraussetzungen schaffen

 „Beide Gutachten zusammen zeigen für die Krankenhausleitungen einen Weg auf, wie ihre Einrichtungen die geforderte Klimaneutralität möglichst schnell, spätestens jedoch bis 2045 erreichen können“, sagte KGNW-Vizepräsident Klein. „Die Gutachten zeigen, uns fehlt dafür eine rechtliche und wirtschaftliche Grundlage. Deshalb macht sich die KGNW die Idee eines „Climate Boost“ zu eigen. Die nächste Landesregierung muss sich schnell um die Voraussetzungen kümmern, damit die Kliniken keine wertvolle Zeit verlieren.“ Neben der Schaffung eines Klimaschutz-Fonds betreffe dies auch die rechtlichen Rahmenvorgaben: Die zur Erreichung der Klimaneutralität notwendigen Maßnahmen müssen als Investitionsförderung anerkannt werden.

KGNW-Vizepräsident Klein räumte ein, dass der errechnete Investitionsbedarf eine beeindruckende Summe und für den Landeshaushalt eine schwierige Größe sei. „Uns ist sehr bewusst, dass der Klimawandel enorme Anforderungen an uns alle stellt. Dafür wollten wir den Krankenhäusern eine Grundlage geben. Die Höhe der Kosten hat uns dabei selbst überrascht“, sagte Klein. Die Vorgaben des Bundes-Klimaschutzgesetzes stellten jedoch Anforderungen, an denen sich auch die Krankenhäuser messen lassen müssen.

„Wer der Stahlbranche mit fast sechs Prozent des CO2-Ausstoßes besorgte Aufmerksamkeit widmet, darf nicht die Augen vor den Herausforderungen der Gesundheitsbranche verschließen. Die neue Landesregierung muss nun entscheiden, ob und wann sie den Aufbruch ermöglicht und das Startsignal gibt. Die Klimaneutralität zu erreichen, ist eine gewaltige Aufgabe für die Gesellschaft, doch wir sollten sie angehen, denn Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.“

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