
Ein Beispiel aus meiner Zeit in der Krankenhausberatung ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Es ging um Kinder mit komplexen spastischen Bewegungsstörungen, häufig im Zusammenhang mit infantiler Zerebralparese. Einige dieser Kinder konnten von einer Botulinumtoxin-Behandlung mehrerer Muskelgruppen erheblich profitieren. Nicht als isolierte Einzelmaßnahme, sondern eingebettet in ein Behandlungskonzept aus Kinderneurologie, Orthopädie, Physiotherapie, Hilfsmittelversorgung und Nachbehandlung. Es ging also nicht nur um eine Injektion. Es ging um Beweglichkeit, Schmerzvermeidung, Teilhabe – und um die Frage, ob ein Kind im Alltag besser zurechtkommt.
Ökonomisch war diese Leistung für das Krankenhaus damals jedoch nicht sachgerecht abgebildet. Für den Arzneimittelaufwand, die Expertise, die interdisziplinäre Abstimmung und die Nachsorge gab es keine Vergütung, die dem tatsächlichen Aufwand entsprach. Rein betriebswirtschaftlich hätte die Konsequenz lauten können: Diese Leistung sollte man besser nicht erbringen.
Gegen die eigene ökonomische Logik
Für mich wurde dieses Beispiel zu einem Symbol. Nicht, weil irgendjemand politisch gewollt hätte, dass Kinder schlechter versorgt werden. Sondern weil Regulierung unbeabsichtigt Anreize setzen kann, die nicht zu einer guten Versorgung passen. Die betroffene Klinik hat sich damals trotzdem entschieden, die Behandlung fortzuführen – aus Verantwortung, aufgrund ihrer Expertise und weil sie überregional eine wichtige Versorgungsfunktion hatte. Das ist fachlich und menschlich vorbildlich. Aber ein gutes System darf nicht darauf angewiesen sein, dass einzelne Kliniken aus Haltung gegen die eigene ökonomische Logik handeln.
„30 Jahre, 30 Köpfe“
Bereits 30 Jahre begleitet die kma das Geschehen in der Gesundheitsbranche. Als kritischer Beobachter und Impulsgeber laden wir im Rahmen unserer Jubiläumskolumne „30 Jahre, 30 Köpfe“ Stimmen aus der Branche ein, auf drei Jahrzehnte Gesundheitswirtschaft zurückzublicken – oder einen Blick nach vorn zu werfen und zu skizzieren, wie das Gesundheitswesen in 30 Jahren aussehen könnte.
Regulatorik muss sich daran messen lassen, ob sie eine gelungene und nachhaltige Patient Journey ermöglicht. Sie darf nicht nur auf den einzelnen Fall, die einzelne Maßnahme oder die kurzfristige Einsparung schauen. Entscheidend ist, was über den gesamten Behandlungsverlauf hinweg passiert: Werden Schmerzen vermieden? Wird Beweglichkeit erhalten? Wird eine spätere Operation vielleicht überflüssig oder zumindest hinausgezögert? Werden Familien entlastet? Wird Teilhabe ermöglicht?
Genau hier zeigt sich, ob ein Vergütungssystem Ergebnisqualität tatsächlich in den Mittelpunkt stellt – oder ob es ad hoc Einsparungen produziert, deren Folgekosten später an anderer Stelle wieder auftauchen.
Pädiatrie als Paradebeispiel für eine andere Medizin
Gerade in der Kinderheilkunde ist diese Perspektive besonders wichtig. Ich habe gelernt: Pädiatrie ist keine Erwachsenenmedizin in klein. Sie folgt einer anderen Logik: so viel Behandlung wie nötig, aber so wenig Belastung wie möglich. Jede Intervention muss sorgfältig abgewogen werden, weil Krankenhauserfahrungen, Angst, Schmerzen und Eingriffe Kinder und Familien lange begleiten können. Zugleich kann eine frühzeitige, gute Behandlung entscheidend dafür sein, wie sich Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität entwickeln.
Wer hier weiter spart, verkennt, dass die Grundprämisse dieser Disziplin bereits die Vermeidung unnötiger Medizin ist.
Deshalb ist die Kinderheilkunde ein Paradebeispiel für eine Medizin, von der das ganze System lernen kann: achtsam, präventiv, zurückhaltend – aber konsequent, wenn eine Maßnahme für das Kind wirklich etwas verändert. Wer hier weiter spart, verkennt, dass die Grundprämisse dieser Disziplin bereits die Vermeidung unnötiger Medizin ist.
Wir können nicht immer verhindern, dass Menschen krank werden oder Einschränkungen erleiden. Aber wir gestalten die Regeln, nach denen Versorgung möglich wird. Wenn diese Regeln dazu führen, dass das medizinisch Richtige wirtschaftlich bestraft wird, dürfen wir die Verantwortung nicht am Ende bei den Behandlerinnen und Behandlern abladen. Dann ist nicht die einzelne Klinik das Problem, sondern die Systemik.
Gute Versorgung entsteht nicht allein durch gute Menschen im System. Sie braucht ein System, das gutes Handeln ermöglicht. Wer Prävention, frühe Intervention, achtsame Indikationsstellung und gute Versorgung für vulnerable Patientengruppen will, muss die Anreize entsprechend setzen. Denn Fehlanreize sind nie abstrakt. Sie landen am Ende bei Patientinnen und Patienten.








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