
Es war kein Strategiemeeting, das meine Sicht auf das Gesundheitswesen verändert hat – es war ein Telefonanruf.
Der Regionspräsident der Region Hannover informierte mich persönlich: Der erste Covid-19-infizierte Patient der Region war bei uns. In diesem Moment war die Pandemie keine Nachrichtenmeldung mehr. Die Bilder aus Italien hatten uns alle erschüttert, überfüllte Intensivstationen, ein Gesundheitssystem, das an seine Grenzen stieß. Und nun war sie da.
Innerhalb weniger Stunden bauten wir einen Krisenstab auf, den ich selbst leitete. Was dann folgte, war in seiner Intensität beispiellos, aber auch erstaunlich unkompliziert. Chirurgen ließen sich von Anästhesisten an Beatmungsgeräten schulen, weil es gebraucht wurde, nicht weil es im Stellenprofil stand. Gemeinsam mit anderen Kliniken und der Region entstand auf dem Messegelände Hannover in kürzester Zeit ein Behelfskrankenhaus. Niemand fragte: Ist das meine Aufgabe? Die Frage war eine andere: Was kann ich mit meiner Kompetenz jetzt beitragen?
Ich habe in diesen Monaten verstanden, wozu dieses System fähig ist, wenn man es lässt.
Ich habe in diesen Monaten verstanden, wozu dieses System fähig ist, wenn man es lässt.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich heute manchmal innehalte.
Über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinausdenken
Denn was damals möglich war, ist heute wieder verbaut. Nicht durch bösen Willen, sondern durch das, was sich in den Jahren danach aufgeschichtet hat. Was in der Krise selbstverständlich war, über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinaus zu denken und zu handeln, ist im Alltag einem wachsenden Rückzug gewichen. Bereichsgrenzen werden verteidigt. Verantwortung wird weitergereicht. Zuständigkeitsfragen ersetzen Lösungsorientierung. Das ist kein persönliches Versagen einzelner Menschen. Es ist das Ergebnis eines Systems, das durch wachsende Regulierung genau dieses Verhalten produziert.
Dabei ist das eigentliche Problem kein Fachkräfteproblem. Wir haben gut ausgebildete Ärzte und Pflegekräfte. Wir werden nur zunehmend dazu gezwungen, sie dort einzusetzen, wo wir sie für die Patientenversorgung nicht brauchen. Stunden, die täglich für Dokumentation und Nachweispflichten aufgewendet werden, fehlen am Patienten und füreinander.
Mehr Freiräume wieder zulassen
Ich sage das nicht als Klage. Ich sage es als Beobachtung: Wir haben in der Krise gesehen, was geht. Und wir haben uns danach wieder eingerichtet in Systemen, die genau das verhindern. Strukturreformen sind notwendig. Aber Reformen, die halbfertig bleiben und vor allem neue Berichtspflichten produzieren, lösen das Grundproblem nicht. Sie verlagern es.
Was mich antreibt, ist die Überzeugung, dass es anders gehen kann. Die Covid-19-Pandemie hat das bewiesen. Die Frage für die nächsten 30 Jahre ist nicht, ob das Gesundheitswesen digitaler oder effizienter wird. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, den Menschen im System wieder die Freiräume zu geben, die wir ihnen in der Krise kurz zugestanden haben.








Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!
Jetzt einloggen