
Der Marburger Bund hat kürzlich eine bundesweite Umfrage zum Thema Machtmissbrauch in der Medizin veröffentlicht. Hat es Sie überrascht, wie sehr das zum Alltag in Krankenhäusern zu gehören scheint?
Dr. Susanne Johna: Es hat uns in der Deutlichkeit überrascht. Dass Machtmissbrauch in Krankenhäusern ein Thema ist, war uns durchaus bewusst. Die Ausprägung aber und insbesondere das Schweigen dazu – also, dass viele, die Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben, das nicht melden oder dass auch Zeugen untätig bleiben – ist ein schlimmer Befund. Denn geschwiegen wird meistens aus Angst oder Resignation.
Es gab bereits im vergangenen Jahr in Hamburg und Bayern Umfragen des Marburger Bunds zum Thema Machtmissbrauch. Nehmen Sie einen gesellschaftlichen Wandel wahr, das Thema Machtmissbrauch mehr in den Fokus zu nehmen?
Wir sehen, dass eine gesellschaftliche Veränderung stattfindet. Es geht um Dinge, die vielleicht vor 15 oder 20 Jahren auch schon gedacht, aber nicht gesagt wurden. Heute wandelt sich das. Gleichzeitig gibt es bei vielen das Bewusstsein, dass verbale sexuelle Grenzüberschreitungen bereits als echtes Problem anzusehen sind, das man nicht länger ignorieren darf. Denn es geht hier ja nicht nur um blöde Altherrenwitze.
Es geht um Dinge, die vielleicht vor 15 oder 20 Jahren auch schon gedacht, aber nicht gesagt wurden.
Wir reden von einer Grenzverletzung, die Kolleginnen und Kollegen in ihrer beruflichen Karriere erheblich beeinflusst, zu Resignation führt, teilweise bis hin zum Verlassen des ärztlichen Berufes. Aber wir haben ebenso das Gefühl, dass die Situation insgesamt nicht besser geworden ist, sondern traditionelle Rollenbilder wieder vermehrt eine Rolle spielen. Und wir nehmen natürlich gerade im Krankenhausbereich mit seinen oft relevanten hierarchischen Strukturen und dadurch bedingte Abhängigkeiten dieses Problem noch stärker wahr.
Machtmissbrauch in der Medizin ist an sich kein neues Thema. Wurde in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um Änderungen zu bewirken? Der Deutsche Ärztinnenbund macht beispielsweise seit Jahren darauf aufmerksam, dass Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts in ihrem beruflichen Weiterkommen behindert werden. Wobei von Machtmissbrauch natürlich nicht nur Frauen betroffen sind…
Nein, sind sie nicht. Das sehen wir auch in unserer Umfrage: Machtmissbrauch findet aber gehäuft von Männern an Frauen statt. Die Frage ist auch immer: Reden wir hier von einem „Das kommt schon mal vor“ oder reden wir von einem tatsächlichen strukturellen Problem und von einem falschen Führungsverständnis? Wenn fast die Hälfte der Befragten erklärt, in den vergangenen zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch erlebt zu haben, sind das keine Einzelfälle.
Wenn fast die Hälfte der Befragten erklärt, in den vergangenen zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch erlebt zu haben, sind das keine Einzelfälle.
Wir haben uns bewusst dafür entschieden, in der Umfrage nur Vorfälle aus diesem kurzen Zeitraum von zwölf Monaten zu erfragen, um eine größere Vergleichbarkeit auch zu anderen Studien zu ermöglichen. Uns haben aber auch Ärztinnen ihr Bedauern darüber mitgeteilt, dass sie nicht von Missbrauch berichten können, der zum Beispiel vor drei Jahren stattgefunden hat. Aber selbst das Ergebnis für diese kurze Zeitspanne hat uns schockiert. Auch die 13 Prozent, die von sexueller Belästigung durch ärztliche Beschäftigte berichten, sind ein gravierender Befund. Unsere repräsentative Umfrage zeigt das Problem klar auf. Man kann jetzt nicht mehr daran vorbeidiskutieren.
Welchen Handlungsauftrag leiten Sie daraus ab?
Es gibt nur wenige, die einen Vorfall in einem der untersuchten Kontexte melden und sich an die Ärztekammern – es gibt vereinzelt Ombudsstellen – oder an den Marburger Bund wenden. Wir werden intern Fortbildungen für unsere Juristinnen und Juristen anbieten, die natürlich meistens arbeitsrechtlich beraten. Im Kontext des Machtmissbrauchs habe ich mich das erste Mal intensiv mit dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz auseinandergesetzt. Ich finde es erschreckend, dass wir in Deutschland lediglich eine Frist von nur zwei Monaten haben, um bei einem entsprechenden Vorfall zivilrechtliche Ansprüche, beispielsweise eine Entschädigung, geltend zu machen. Das ist wirklich nicht nachvollziehbar und in Europa mit Abstand die kürzeste Frist. Üblich sind zwei bis drei Jahre.
Man muss sich einfach nur vorstellen, was das für die Betroffenen bedeutet, die eine schwere sexuelle Belästigung erlebt haben: Es vergehen meist ein paar Tage, bevor man überhaupt sprechfähig wird. Ist man bereit, sich zu äußern, versucht man wahrscheinlich zunächst im betrieblichen Setting ein Verfahren anzustoßen. Und dann sind zwei Monate schon vorbei. Also müssen wir hier gesetzlich unbedingt zu längeren Fristen kommen. Und ja, durch unsere Tarifverträge können wir zwar in Verhandlungen mit den Arbeitgebern für unsere Mitglieder diese Frist verlängern, aber es kann doch nicht nur um Tarifbeschäftigte gehen. Wir brauchen generell bessere Grundbedingungen für zivilrechtliche Ansprüche der Betroffenen.
Krankenhäuser sind kein rechtsfreier Raum. Arbeitgeber müssen ihre Mitarbeitenden vor Mobbing, Diskriminierung oder Grenzüberschreitungen schützen, sobald sie Kenntnis davon haben. Es sollte Meldestellen geben. Aber diese Strukturen sind entweder gar nicht bei Mitarbeitenden bekannt oder werden bewusst nicht aufgesucht, weil man berufliche Nachteile befürchtet. Was sollte hier geregelt werden?
Die erforderlichen Strukturen – an einem Krankenhaus müsste es einen Gleichstellungsbeauftragten geben – dürfen nicht nur auf dem Papier existieren, sondern müssen tatsächlich gelebt werden. Genau das sehen wir in unseren Ergebnissen. Wir haben nach dem Grund gefragt, warum nach Vorfällen keine Meldung gemacht wurde. Mit der Möglichkeit von Mehrfachantworten gaben 80 Prozent an, sie erwarteten nicht, dass eine Meldung zu etwas führt. 60 Prozent antworteten, sie befürchteten berufliche Nachteile.
Das sind Zustände, die wir nicht länger hinnehmen dürfen. Notwendig sind verbindliche Regeln und klare Strukturen, die Machtmissbrauch und sexueller Belästigung entgegenwirken. Das wäre im Rahmen eines Leitbildes umzusetzen oder indem Betriebsvereinbarungen abgeschlossen werden. Zum Beispiel, dass klar gesagt wird, sobald Mitarbeitende mit so einer Meldung zum Betriebsrat kommen, wird eine Kaskade zur Untersuchung des Falls in Gang gesetzt. Das allein würde dazu führen, dass Kolleginnen und Kollegen eher bereit wären, Vorfälle von Machtmissbrauch zu melden. Und es würde natürlich dazu führen, dass weniger solcher Fälle auftreten.
Notwendig sind verbindliche Regeln und klare Strukturen, die Machtmissbrauch und sexueller Belästigung entgegenwirken. Das wäre im Rahmen eines Leitbildes umzusetzen oder indem Betriebsvereinbarungen abgeschlossen werden.
Das andere ist: Es muss in Krankenhäusern das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Machtmissbrauch vorkommt und was man dagegen unternehmen kann. Denn Fakt ist: Es ist ein Problem für die Betroffenen und deswegen sollte es im Krankenhaus auch breit thematisiert werden. Möglicherweise im Rahmen von Fortbildungen innerhalb der Klinik. Vielleicht auch mit Externen, die einen Vortrag halten und das Problem aufzeigen. Denn machtmissbräuchliches Verhalten anzusprechen, fällt offensichtlich vielen Kolleginnen und Kollegen sehr schwer.
In den Freitextantworten der Umfrage war als Lösungsansatz zu lesen, das Chefarztsystem abzuschaffen. Ist so etwas realistisch?
Mit diesem Thema hat der Marburger Bund sich zuletzt im Kontext der Weiterbildung auseinandergesetzt. Wir glauben, dass dort, wo Weiterbildung in einem relevanten Umfang stattfindet, die Kolleginnen und Kollegen auch sogenannte Mentoren brauchen. Diese können durchaus abteilungsübergreifend tätig sein und müssen weniger in dem jeweiligen speziellen Fach unterstützen.
Es geht darum, in der Struktur als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. In einer Situation, in der Weiterbildungsbefugte – das sind in der Regel Chefärzte – beispielsweise das elektronische Logbuch aus willkürlichen Gründen nicht ausfüllen, könnten solche Mentoren helfen. Der Marburger Bund hat Ende der 1980er-Jahre ein sogenanntes Teamarzt-Modell vorgestellt. Kolleginnen und Kollegen benennen von unten heraus Fachärztinnen und -ärzte, die dann die Abteilungen führen. Dieser Bottom-up-Ansatz wurde so ähnlich in Kanada eingeführt. Es gibt bei diesem Modell die Abstufung „Arzt in Weiterbildung“ und „Facharzt“, jedoch nicht das Oberarzt- und Chefarztsystem, wie es aktuell besteht.
Das ist aber nichts, was man kurzfristig umsetzen kann – da geben wir uns keiner Illusion hin. Umso wichtiger ist es jetzt, die Schritte zu gehen, die man relativ zügig gehen kann und die das Potenzial haben, das Klima in den Krankenhäusern zu verändern.
Was sind nun die nächsten Schritte?
Wir wollen gemeinsam mit den Ärztekammern zusammenarbeiten und dort, wo Meldestellen schon vorhanden sind, kann das auch noch weiter ausgebaut werden. Wir glauben, dass wir Betriebsräte und Personalräte noch besser dazu schulen können und auch sollten. Wir haben bereits eine Mustervorlage für Betriebsvereinbarungen zu dem Thema in Arbeit. Und wir hoffen, dass wir mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Verband der Leitenden Krankenhausärzte gemeinsame Aktionen starten können, um das Thema voranzubringen und nicht nur auf dem Papier Dinge tatsächlich umsetzen zu können. Wir wollen natürlich auch weiter überzeugen und sensibilisieren, dass Machtmissbrauch kein Bagatellproblem ist und auch die Patientensicherheit betrifft.
Es gibt Befragungen zur Patientensicherheit, in denen Ärztinnen und Ärzte sich dazu äußern sollen, ob sie es sagen würden, wenn ein Vorgesetzter etwas falsch macht. Das mag nur ein banaler Hygienefehler sein, dass man vergisst, sich die Hände zu desinfizieren oder ähnliches. Mehr als die Hälfte der Befragten würde nichts sagen. Das zeigt, dass insgesamt schon ein habituelles Schweigen zu Problemen führt und das ist schlecht für alle. Es darf keinen Druck geben, Fehlverhalten unter den Teppich zu kehren. Die Kolleginnen und Kollegen müssen sich trauen können, Probleme anzusprechen. Ganz einfach deshalb, weil man ein Team ist und gemeinsam die Patienten gut behandeln und sich für Kolleginnen und Kollegen einsetzen möchte, die, aus welchen Gründen auch immer, Machtmissbrauch ausgesetzt sind.
Nun sind Sie auch Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK). Wie sehen Sie die Umfrageergebnisse aus BÄK-Sicht?
Das Thema Machtmissbrauch hat bisher in der Bundesärztekammer keine so große Rolle gespielt. Das wird sich ändern. Das Thema wird aufgenommen und dafür werde ich mich als Vizepräsidentin auch einsetzen.
Das Thema Machtmissbrauch hat bisher in der Bundesärztekammer keine so große Rolle gespielt. Das wird sich ändern.
Es betrifft natürlich vorwiegend angestellte Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken. Aber wir wissen aus unserer Umfrage auch, dass es Probleme im ambulanten Bereich gibt und auch dort eine stärkere Sensibilisierung stattfinden müsste. Ich persönlich halte Ansprechstellen an den Ärztekammern für sinnvoll – gleichwohl wissend, dass Veränderungen vor Ort am wichtigsten sind.








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