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HitzeschutzpläneWo steht Deutschland beim Hitzeschutz?

Klimaexperten gehen davon aus, dass in Zukunft Hitzeperioden häufiger auftreten werden. Das hat Folgen, denn sie fordern viele Todesopfer. Jedes Jahr gibt es deshalb Forderungen nach Hitzeaktionsplänen. Getan wird nach dem Sommer meist wenig, obwohl Deutschland in puncto Hitzeschutz noch einiges aufzuholen hat.

Hitzewelle
Günter Albers/stock.adobe.com

Symbolfoto

Die Gefahr ist da. Und doch bleibt sie meist nicht dauerhaft im Gedächtnis. Die Folgen von Hitzewellen sind nicht mit einprägsamen Bildern verknüpft, anders als beispielsweise bei Hochwasser oder Stürmen. Hitzetote sterben leise, heißt es immer wieder. Hitze als direkte Todesursache wird meist nicht registriert. Selbst, wenn dadurch zum Beispiel bei Personen mit einer Vorerkrankung schwere Komplikationen ausgelöst wurden, die zum Tod führten. Die Folge ist, dass das Gesundheitsrisiko durch Hitze generell unterschätzt wird. Ein Trugschluss, denn Hitzewellen fordern mehr Todesopfer als alle anderen Folgen des Klimawandels. Als 2003 durch eine Hitzewelle in Europa mehr als 70 000 Menschen starben – in Deutschland rund 7600 –, waren hitzebedingten Ursachen unter anderem Herzinfarkte, Erkrankungen der Nieren und der Atemwege.

Auch die Analyse vom Robert Koch-Institut, dem Deutschen Wetterdienst und dem Umweltbundesamt „Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021“ zeigt, dass in späteren Hitzewellen ebenfalls eine signifikante Anzahl an hitzebedingten Sterbefällen auftrat: Die Schätzwerte liegen bei etwa 8700 im Jahr 2018, etwa 6900 im Jahr 2019 und 3700 im Jahr 2020. Mit der ersten Hitzewarnung dieses Jahres wurden deshalb Forderungen nach Hitzeaktionsplänen laut, um die Bevölkerung zu schützen und Hitzetote zu verhindern.

„Städte und Kommunen brauchen Hitzeschutzpläne, damit sich Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens besser auf Hitzewellen vorbereiten können, am besten geregelt durch einen nationalen Hitzeschutzplan“, sagte unter Dr. Susanne Johna, erste Vorsitzende des Marburger Bundes, in einem Interview. Auch Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt forderte: „Wir brauchen dringend einen nationalen Hitzeschutzplan auf Bundesebene. Auf Landes- und kommunaler Ebene sollten die unterschiedlichen Hitzeschutzpläne koordiniert und umgesetzt werden mit besonderem Augenmerk auf schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen.“ Ärztinnen und Ärzte aus Klinik und Praxis sollten bei der Ausarbeitung der Hitzeschutzpläne einbezogen werden.

Hitzeaktionspläne verhindern Hitzetode

Das Rüstzeug für solche Hitzeaktionspläne ist eigentlich vorhanden, nur an der Umsetzung hapert es noch. Bereits 2008 gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Empfehlungen, welche Strukturen für einen funktionierenden Hitzeschutz benötigt werden. 2017 wurden diese schließlich auch für Deutschland adaptiert und vom Umweltbundesamt als „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit“ veröffentlicht, die sich an die Länder und Kommunen richten. Denn anders als beispielsweise in Frankreich, Spanien oder Italien ist es in Deutschland aufgrund der föderalen Strukturen schwierig, zentralistisch einen nationalen Hitzeaktionsplan zu organisieren.

Es ist für ein so reiches Land wie Deutschland auch unter epidemiologischen Aspekten peinlich, dass man hier an Hitze stirbt.

„40 Grad Hitze wird in ein paar Jahren Normalität sein. Darauf sind wir überhaupt nicht vorbereitet“, sagt Prof. Henny Annette Grewe, die im Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Fulda für Medizinische Grundlagen der Pflege tätig ist. Deutschland ist im europäischen Vergleich schon im Verzug und fängt 20 Jahre nach anderen europäischen Ländern an, den Hitzeschutz zu planen. Grewe betont, dass es Handlungsbedarf gibt: „Es ist für ein so reiches Land wie Deutschland auch unter epidemiologischen Aspekten peinlich, dass man hier an Hitze stirbt.“

Die Wissenschaftlerin analysiert unter anderem bestehende Hitzeaktionspläne und berät Kommunen dazu. Grewe nimmt derzeit zwar eine Aufbruchsstimmung wahr, betont gleichzeitig aber: „Innerhalb der Bundesrepublik sind etwa 20, 25 Kommunen aktiv. Das ist natürlich für die Anzahl der Kommunen, die wir haben, immer noch nicht hinreichend.“ Die ersten Bundesländer sind mittlerweile dabei, einen Hitzeaktionsplan auf Landesebene zu erarbeiten, vermutlich wird der erste noch in diesem Jahr vorgestellt.

Dass Hitzeaktionspläne hilfreich sind, Hitzetode zu verhindern, konnte bereits gezeigt werden. Nach der Hitzewelle in Europa im Jahr 2003 hatte Frankreich einen nationalen Hitzeaktionsplan etabliert. Dieser sieht bestimmte Maßnahmen vor wie das Monitoring der Sterblichkeit und der Krankenhausaufnahmen im Sommer, die Registrierungspflicht für alle Kommunen sowie die Verpflichtung aller Altenpflegeheime, einen gekühlten Raum vorzuhalten. 2006 gab es in Frankreich eine Hitzewelle vergleichbarer Stärke wie der von 2003, dieses Mal lagen die Sterbefallzahlen jedoch um mehr als 30 Prozent unter dem errechneten Erwartungswert, wie Grewe konstatiert.

Das „Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin“ hat gemeinsam mit Akteuren des Gesundheitswesens Hitzeschutzpläne für fünf Bereiche erarbeitet. Als Vorlage für den Muster Hitzeschutzplan für Krankenhäuser diente das Konzept des Berliner Evangelischen Krankenhauses Hubertus. Hier einige Auszüge:

  1. Maßnahmen zur Vorbereitung auf den Sommer: dazu zählt unter anderem die Benennung einer Person, die für Hitzeschutz verantwortlich ist, die Erstellung eines spezifischen Hitzeschutzplans für die einzelne Einrichtung und dessen Bekanntmachen unter Mitarbeitern, Fortbildungsmaßnahmen fürs Personal, die Erfassung von kühlen Zonen und Erholungsbereichen, die Prüfung eines Sonnenschutz- und Kühlungskonzepts beziehungsweise dessen Entwicklung
  2. Maßnahmen während der Sommermonate: beispiels weise Lagerung wärmeempfindlicher Medikamente und Materialien, Überprüfung der Temperaturentwicklung und Raumsituation, Erfassen von individuellen Risiken der Patienten für hitzebedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen und deren Integration in die Behandlungsplanung
  3. Maßnahmen bei Warnstufe 1: unter anderem Fenster am Tag geschlossen halten, ausreichend Getränke für Patienten und Personal bereitstellen, vulnerable Patienten fokussiert betreuen
  4. Maßnahmen bei Warnstufe 2: zusätzlich zu den Maßnahmen bei Warnstufe 1 werden zum Beispiel vermehrt kühlende und wasserreiche Speisen und Obst angeboten, Patienten in kühlere Zimmer verlegt, Personal durch verlängerte Pausen unterstützt
  5. Maßnahmen zur mittel- und langfristigen Anpassung: Dach- und Fassadenbegrünung, Parkanlagen zur Erholung, Großteil der Patienten und Arbeitszimmer mit Waschbecken ausstatten (Möglichkeit der Körperkühlung)

Infos unter hitzeschutz-berlin.de

Akutmaßnahmen für Krisenfall fehlen

Die acht Kernelemente von Hitzeaktionsplänen setzen sich aus kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen zusammen, die unterschiedlich ressourcenintensiv sind. Zu langfristigen Maßnahmen zählen unter anderem solche des Städteumbaus wie die Entsiegelung und Begrünung von Flächen, um künftig die Temperaturen in Innenstädten zu senken. Allein haben diese baulichen Maßnahmen allerdings keinen ausreichenden Effekt in einer akuten Hitzewelle. Gerade Akutmaßnahmen im Krisenfall stellen für Kommunen und Länder jedoch eine Herausforderung dar. Die Vorbereitung von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen wurde oft von den Kommunen nicht in Angriff genommen.

Um vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Alte oder chronisch Kranke während einer Hitzewelle optimal schützen zu können, müsste im Grunde genommen proaktive Prävention betrieben werden. Das Problem: Wie macht man die Betroffenen in der Kommune ausfindig? In der Altersgruppe der 80- bis 84-Jährigen ist mehr als die Hälfte nicht pflegebedürftig, lebt also im eigenen Haushalt. In Frankreich und Italien wird aus diesem Grund zu Beginn des Sommers mit großen Werbeaktionen dazu aufgerufen, sich registrieren zu lassen, wenn man Unterstützung benötigt und in die von den Ländern vorgegebene Kategorie fällt.

In Deutschland gibt es in dieser Hinsicht nichts Vergleichbares. Nur eine Maßnahme, das „Hitzetelefon Sonnenschirm in Kassel“, geht in diese Richtung. Registrierte Personen werden während einer Hitzewelle täglich angerufen. Die heute alten Personen sind nicht internetaffin, erfahren also nicht immer von Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Über das Telefonat werden deshalb aktuelle Informationen und Tipps für das Verhalten bei Hitze gegeben. Außerdem dient es als sozialer Kontakt und es kann auf diesem Weg überprüft werden, ob die angerufene Person gesundheitlich beeinträchtigt ist. Im Bedarfsfall wird der Hausarzt informiert. Idealerweise würde das Angebot nicht mit dem Anruf enden, sondern kombiniert mit unterstützenden Tätigkeiten wie der Hilfe beim Einkauf oder der Fahrt zum Arzt im klimatisierten Fahrzeug.

Warum Kommunen sich bislang eher auf langfristige Planungen konzentrieren, hat auch mit dem großen personellen Aufwand zu tun, der mit der persönlichen Kontaktaufnahme registrierter Personen verbunden ist. Das Angebot muss immer sichergestellt sein, wenn Hitzewellen auftreten, also auch an Wochenenden und in der Ferienzeit. „Es herrscht eine politische Zurückhaltung und es besteht bislang der große Wunsch, man möge Hitzeschutzmaßnahmen ressourcenneutral implementieren können. Das ist natürlich nicht möglich“, stellt Grewe fest.

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