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Einkauf im Klinikum

Jonglieren zwischen Sparzwängen und Suche nach Qualität

Die Einkaufsabteilungen in Kliniken stehen immer wieder in der Kritik und sind zum Teil mit Vorwürfen von Unprofessionalität oder auch von Selbstherrlichkeit konfrontiert. Was ist dran?

Taschenrechner

Foto: Pixabay

Preisvergleiche beim Einkauf in Unikliniken und Medizinischen Hochschulen hierzulande? Fehlanzeige. Was die kleine Duisburger Firma Genekam Biotechnology AG (Kits und Klinikbedarf vor allem in Bakteriologie, Virologie, Stammzellen) da per Pressemeldung Ende August 2017 verbreitet, ist massives Geschütz. Die Einkaufsabteilungen in etlichen hiesigen Unikliniken hierzulande hätten keine Marktübersicht, orderten vielmehr gerne dauerhaft bei den gleichen Herstellerfirmen. „Steuerverschwendung in Millionenhöhe durch intransparentes Einkaufssystem“, so der Titel der Pressemeldung.

Und Geschäftsführer Sudhir Bhatia legt im Gespräch gerne noch einen drauf: Es sei schon vorgekommen, dass Einkäufer an Unikliniken seine Leute gebeten hätten, zu den offerierten Kits und Reagenzien doch gleich auch noch eine Marktübersicht zu erstellen, einen Produktvergleich, aus dem dann bitteschön hervorgehen müsse, wer der günstigste Anbieter sei. Bhatia: „Den Einkaufsstellen fehlt an etlichen Unikliniken eine Kernkompetenz, das ist doch nicht unsere Aufgabe, denen die Preise zu vergleichen.“

Gerade Firmen wie seine, mit innovativen Produkten, würden dadurch benachteiligt, selbst wenn ihre Lösungen günstiger seien als das, was es bislang gab. Echter Missstand oder eher clevere Eigenwerbung? Der Geschäftsführer bleibt leider auch auf mehrfache Nachfrage Konkretisierungen schuldig, Namen will er nicht nennen. Klar ist: Seine ist nicht die einzige Attacke auf das Beschaffungswesen in hiesigen Krankenhäusern.

Sparen und noch mehr Sparen?

Intransparenz, fehlende interne Kommunikation und unklare Zuständigkeiten sind Kritikpunkte, die auf Fachtagungen auftauchen, wenn es um den Einkauf in hiesigen Kliniken geht. Und noch aus anderer Ecke gibt es Beschwerden. Ärzte hätten immer weniger Einfluss auf die Produkte, die sie nutzen. Etwa auch auf die Implantate in der Endoprothetik, die sie verwenden, ist hinter vorgehaltener Hand häufiger zu hören. Sparen und noch mehr Sparen, am Ende zulasten der Qualität?

Einer derjenigen, welche das offen darlegen, ist der Chefarzt der Orthopädischen Klinik Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig, Karl-Dieter Heller, zugleich Sprecher für die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. innerhalb der DGOOC. Er kenne da so Geschichten, in denen der neue junge kaufmännische Direktor den ärztlichen Chefarzt erst mal „zur Sau macht“, dass der auf Teufel komm raus gefälligst sparen müsse, ärgert sich Heller.

Angespanntea Verhältnis zwischen ärztlicher und kaufmännischer Leitung

Im VLOU, der an die 700 Chefärzte organisiert, hätten ihm knapp 60 Prozent der Kollegen erklärt, daran zu denken, in den nächsten 5 Jahren aufzugeben und etwas anderes zu machen. Der Grund für die wachsende Unzufriedenheit, so Heller, sei das mancherorts angespannte Verhältnis zwischen ärztlicher und kaufmännischer Leitung und generell die immer stärkere Beeinflussung durch die Ökonomie. Wobei er betont, dass in seiner Klinik ärztliche und kaufmännische Leitung gut zusammenarbeiten.

Anlass zur Nachfrage: Was leistet der Einkauf in hiesigen Kliniken? Wer entscheidet über das, was eingekauft wird – Arzt oder Einkäufer? Und: Zwingen Sparrunden mitunter bereits doch hie und da zum Erwerb billigerer Produkte, drohen Patienten womöglich gar qualitativ nicht mehr ganz so gute Implantate? Es geht nicht um Kleinkram. 19,5 Millionen Patienten behandelten die 1 951 hiesigen Krankenhäuser im Jahr 2016 und gaben in dem Jahr neben 61 Milliarden Euro an Personalkosten auch stattliche 37 Milliarden Euro für Sachmittel aus, alias 37,3 Prozent ihrer Gesamtkosten. Bei diesem Posten entfiel fast die Hälfte mit 18,5 Milliarden Euro auf den „Medizinischen Bedarf“ – darunter 4,3 Milliarden Euro für Arzneimittel, 2,27 Milliarden Euro für ärztliche und pflegerische Verbrauchsmittel, für Wundnahtmaterialien, Handschuhe bis hin zu Endoprothesen und anderen Implantaten.

Der Einkaufsmarkt ist im Umbruch

Fest steht: Der Einkaufsmarkt für Kliniken ist im Umbruch. Viele Kliniken leisten große Teile des „strategischen Einkaufs“ immer weniger selbst, stützen sich vielmehr auf Verträge mit Dienstleistern, sogenannte Einkaufsgemeinschaften, oder schließen sich dafür gleich selbst zu Genossenschaften zusammen. Bei den Einkaufsgemeinschaften herrscht aktuell reges Stühlerücken. Ihre Zahl wird weniger. Allein der Marktführer Prospitalia (2,2 Milliarden Euro Umsatz in 2017) hat in letzter Zeit 4 weitere kleine Unternehmen erworben.

Auf Platz 2 kommt nach Umsätzen aktuell der Verbund der Sana-Kliniken (2 Milliarden Euro), danach die UNICO, ein Verbund von 12 Unikliniken (1,4 Milliarden Euro), Clinicpartner (1,3 Milliarden Euro), GDEKK, die Dienstleistungs- und Einkaufsgemeinschaft Kommunaler Krankenhäuser mit etwa 75 Häusern (1,1 Milliarden Euro), sowie die AGKAMED (1,1 Milliarden Euro). Noch gibt es einige Dutzend solcher Einkaufsgemeinschaften am Markt. Schreitet der Übernahmeprozess fort, könnten am Ende in Deutschland nur wenige übrigbleiben. Das dürfte einen Machtzuwachs für die Player bedeuten, die bleiben.

Sparen, sparen

In manchen großen Klinikketten gebe mittlerweile in der Tat die Einkaufsgesellschaft die Wahl der Endoprothesenmodelle vor, erklärt Dr. Thorsten Schache von der Orthopädischen Uniklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main. „Da muss der Arzt sich fügen, das Modell nehmen, das verwendet wird.“ Noch sei eine solche Vorgabe allerdings beileibe nicht flächendeckender Standard. In vielen Häusern wird die Auswahl der Modelle von Ärzten nach wie vor entscheidend mitbestimmt.

Auch und gerade im Klinikum Friedrichsheim: „Kein Einkäufer entscheidet bei der Auswahl von Medizinprodukten wie Implantaten gegen die Meinung der Ärzte, betont der Kaufmännische Geschäftsführer des Klinikums, Hauke Heißmeyer (siehe Interview). Und nein, Abschläge an der Qualität der medizinischen Versorgung kämen so oder so nicht infrage, betonen fast unisono beide Mitarbeiter des Frankfurter Klinikums. Statements in dieser Richtung, meint Thorsten Schache, sind immer auch zum guten Teil „taktische Maßnahmen“. An der Qualität wolle und könne man nicht sparen.

Keine Marktübersicht?

Vor allem die Profis bei den Einkaufsgemeinschaften reagieren fast empört auf Vorwürfe, sie würden ihr Handwerk nicht verstehen. Keine Marktübersicht? Gekauft wird, was es immer schon gab? „Nicht vorstellbar“, meint dazu kurz ein Insider solch einer Einkaufsgemeinschaft, der nicht namentlich genannt werden möchte. Bei der Frage danach, wer über die Auswahl der Produkte bestimmt, hört man auch aus den Einkaufsgemeinschaften vor allem den Ruf nach Harmonie mit den ärztlichen Sparring-Partnern.

Fragen nach der Art der Versorgung, der benötigten Modelle, auch nach der Qualität von Produkten, etwa Endoprothesen, bestimmten allein die Anwender, berichtet besagter Insider aus einer Einkaufsgemeinschaft. Die Ärzte legten das Anforderungsprofil fest, die Philosophien, bis hin zu den gewünschten Gleitpaarungen. Vorgaben, mit denen dann allerdings die Einkäufer am Markt nach jenen 2 oder 3 Anbietern fahnden, die am Ende den Zuschlag erhalten. Und klar: Am Ende müssen sich dann die angeschlossenen Kliniken mit den Produkten zufriedengeben, die eben bei der Bündelung durch Einkäufer geordert werden.

Kliniken agieren nicht wie freie Unternehmen

Fest steht weiterhin: Krankenhäuser sind keine Standardwirtschaftsunternehmen. Die Einkäufer dort können bei Medizinprodukten nicht autonom rein nach Preis-Leistungs-Verhältnissen ordern. Rabattschlachten sind obsolet. Es geht am Ende um eine qualitativ bestmögliche Versorgung von Patienten nach medizinischen Kriterien und nicht um Gewinnmaximierung. Keine Klinik kann mal eben allein aufgrund von Preisargumenten auf die Schnelle Produkte wie Implantate komplett umstellen. Dafür ist die kritische Phase der Lernkurve bei den Ärzten bei Neuerungen einfach zu lang, wie auch Thorsten Schache betont.

Andererseits agieren Kliniken generell nicht wie freie Unternehmen am Markt. Denn sie beeinflussen nur bedingt mit, was sie einnehmen, sind vielmehr Bauteil einer großen Umwälzpumpe zur Finanzierung des Gesundheitswesens, die Geld aus den Beiträgen der Versicherten zu den Kassen transferiert, die davon wiederum einen Teil nach festgelegten Spielregeln an die Krankenhäuser geben. 72,95 Milliarden Euro gaben die gesetzlichen Kassen allein 2016 in den Krankenhausbereich.

Dieses Geld, es ist das Gros der Einnahmen für die 1619 „somatischen“ Krankenhäuser hierzulande, wird seit dem Jahr 2004 nach dem komplexen System der Fallpauschalen für die German Diagnosis Related Groups (g-DRG) verteilt. In absoluten Zahlen steigen die Einnahmen der Krankenhäuser über die Krankenbehandlungen nach DRG-System zwar Jahr und Jahr. Verglichen mit 2012 waren es im Jahr 2016 gut 10 Milliarden mehr.

Klinikverbünde können im Einkauf sparen

Zugleich wird Jahr um Jahr im DRG-System angepasst, werden die Erlöse für manche Fallgruppen mal etwas erhöht, für andere gesenkt. Am Ende sind die Einkaufsabteilungen in den Krankenhäusern damit auch die Stelle, die versuchen werden, eventuelle Mindereinnahmen im Kliniketat in Preisverhandlungen auf andere umzuleiten: die Hersteller. Es gilt, in Verhandlungen mit Medizinprodukteherstellern über Rabatte mögliche Mindererlöse zu kompensieren.

Und Krankenhäuser, die dabei womöglich alleine unterwegs sind, haben kaum Chancen, die günstigen Preise zu erzielen, die Klinikverbünde und Einkaufsgemeinschaften rausholen. Das zwingt zur Kooperation. Auf mittlere Sicht werde daher kaum mehr ein Klinikum ohne die Bündelung der Nachfragemacht über Einkaufsgemeinschaften auskommen, sei nochmals besagter Insider aus einer Einkaufsgemeinschaft zitiert. Die Zeiten von Krankenhäusern als Einzelkämpfer am Markt sei vorbei.

Für die Qualität der Versorgung muss das kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Versorgung in Zentren, spezialisierten Kliniken, pingelige Einhaltung von Mindestwerten bei den Fallzahlen sind schon lange Forderungen auch und gerade der Fachgesellschaften in Orthopädie und Unfallchirurgie. Gehen Sie dorthin, wo ein Chirurg viele Jahre Erfahrung mit einigen wenigen Modellen hat, lautet immer noch der häufigste Rat von Hausärzten an ihre Patienten, die ein Krankenhaus für eine „neue Hüfte“ suchen.

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