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Angehörigenbesuche in PandemiezeitenKrisenstäbe vernachlässigen psychosoziale Betreuung

Bekommen Patienten keinen Besuch, ist das negativ für ihre Genesung. Deshalb gehöre ein Konzept dafür in jede Pandemieplanung, forderte ein Positionspapier der DIVI im vergangenen Jahr. Doch passiert sei nichts, kritisiert Anke Hierundar. Die psychosoziale Betreuung komme weiter zu kurz.

Beatmung
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Anke Hierundar, DIVI
Universitätsmedizin Rostock

Anke Hierundar ist Sprecherin der DIVI-Sektion Psychologische Versorgungsstrukturen in der Intensivmedizin.

Mitten in der aktuellen Corona-Sommerwelle stellen sich viele die Frage, wie die deutschen Krankenhäuser auf mögliche folgende Wellen vorbereitet sind. Welche Lehren wurden aus den Erfahrungen der vergangenen Pandemie-Jahre gezogen? Ein Aspekt jedenfalls findet dabei noch zu wenig Beachtung, wie Anke Hierundar erkennen musste: die psychosoziale Betreuung von Patienten und Angehörigen inklusive der Regelungen für Besuche in Pandemiesituationen.

„Sie werden nicht hinreichend berücksichtigt und umgesetzt“, sagt Hierundar. Die Diplom-Psychologin arbeitet in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universitätsmedizin Rostock und ist Sprecherin der Sektion Psychologische Versorgungsstrukturen in der Intensivmedizin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Mit viel Engagement war zusammen mit der Sektion Ethik im September 2021 ein Positionspapier dazu erarbeitet, verbreitet und diskutiert worden – nur passiert ist seitdem nichts, bilanziert Hierundar auf Anfrage von kma: „Uns ist kein Krisenstab bekannt, der psychosoziale Expertise eingebunden hätte.“

Intransparente Besuchsregelungen

Entsprechend heterogen und häufig intransparent waren die Besuchsregelungen in den Kliniken so auch nach zwei Jahren Pandemie noch immer. Auch generelle Besuchsverbote wurden in diesem Jahr weiter ausgesprochen – mit den bekannten Folgen für Patienten, Angehörige und Beschäftigte, die weiter Stress, Unsicherheit, Angst und Unzufriedenheit erlebten. Die Macher des Positionspapiers hatten gehofft, Klinikleitungen würden auf Basis ihrer Strukturempfehlungen Konzepte erarbeiten, um all das künftig zu vermeiden – doch das sei ausgeblieben, sagt Hierundar. Eine spürbare Anpassung oder gar Korrektur habe es nicht gegeben.

Positionspapier gibt Strukturempfehlungen

Anke Hierundar und die anderen Verfasser des DIVI-Positionspapiers verstehen Angehörigenbesuche als ein Grundrecht. Das Papier soll den Krankenhäusern eine Strukturempfehlung an die Hand geben, auf deren Grundlage sie anhand der jeweiligen Situation, dem aktuellen Infektionsrisiko und dem Bedarf der Betroffenen entscheiden können. Die Verfasser forderten, dass Krankenhäuser verbindlich Konzepte vorlegen und umsetzen, die die außerordentliche Relevanz von Angehörigenbesuchen berücksichtigen.

„Außerdem müssen sie die dafür notwendigen personellen und materiellen Ressourcen bereitstellen. Das Thema gehört in den Krisenstäben der Kliniken immer auf die Tagesordnung, damit stets die zum aktuellen Zeitpunkt besucherfreundlichste Regelung erarbeitet und umgesetzt werden kann“, hatte Hierundar im vergangenen Jahr im Gespräch mit kma gesagt.

„Fehlender Besuch wirkt sich negativ auf die Genesung aus“

Besuche unter Pandemiebedingungen sollten demnach zum Beispiel durch ein Terminmanagement gefördert werden. Zu den wichtigen Aufgaben eines Krankenhauses gehöre es, Besucher zu priorisieren und die Besuchszeiten patientenorientiert zu gestalten. Es dürfe keine starre Einheitsregelung geben. Zudem sollten Angehörige begleitet sowie Videobesuche angeboten und umgesetzt werden. Das bedeute auch, das Abschiednehmen von sterbenden und verstorbenen Patienten generell zu ermöglichen.

Es dürfe keinesfalls erneut zu einer Isolation von Patientinnen und Patienten kommen, hatte Hierundar im vergangenen Jahr betont. Fehlender Besuch wirke sich negativ auf die Genesung aus. Das zeige sich in der intensivmedizinischen Behandlung ganz konkret. So hätten Studien ergeben, dass reduzierter Angehörigenkontakt zum Beispiel mit einem erhöhten Delirrisiko bei Patienten einhergehe und damit den Genesungsprozess verzögere. Zudem hätten Besuchsverbote auch gravierende Folgen für die Angehörigen und könnten unter anderem zu komplizierten Trauerreaktionen führen.

 

Es wäre extrem wichtig, beizeiten zu schauen, wie sich das umsetzen lässt und woher das Personal dafür kommen soll.

 

Das Echo auf das Positionspapier sei groß gewesen, erinnert sich Hierundar – aus der Öffentlichkeit, aus den Kliniken und insbesondere beim Personal. Auch beim DIVI-Kongress im vergangenen Dezember wurde das Thema intensiv diskutiert. Nur bei den Entscheidern in den Krankenhäusern habe es offenbar untergeordnete Relevanz, bilanziert Hierundar.

Spätestens in diesem Sommer hätte sich etwas tun müssen. Sollten die Konzepte Eingang in die Krisenstäbe finden, hätten sich alle genau in der ruhigeren Phase darüber Gedanken machen müssen. Wie lassen sich künftig „Videobesuche“ organisieren? Wie kann Angehörigen beim Anlegen von Schutzkleidung geholfen werden? „Es wäre extrem wichtig, beizeiten zu schauen, wie sich das umsetzen lässt und woher das Personal dafür kommen soll“, mahnt Anke Hierundar.

Langfristige Folgen sind nicht abzusehen

Stattdessen habe der Fokus in den Kliniken wieder auf anderen Schwerpunkten gelegen. Allen war wichtig, endlich aus dem Krisenmodus herauszukommen, erklärt Hierundar. Auch bei der Mehrheit der Belegschaften seien Ermüdung für das Thema und teils pure Ablehnung spürbar gewesen – „es regierte der Wunsch nach Normalität“. Das habe auch die Macher des Positionspapiers auf den Boden der Realität zurückgeholt.

Es sei jedoch noch nicht abzusehen, welche langfristigen Folgen ein Besuchsverbot für alle Betroffenen habe, betont Hierundar: „Aus unseren Professionen heraus ist es daher wichtig, auch auf diese Konsequenzen hinzuweisen, die für die Entscheidungsträger in den Kliniken bislang nicht ausschlaggebend waren. ‚Spätfolgen‘ betreffen dabei nicht nur ein erhöhtes Risiko für psychische Folgeerkrankungen der Patienten und Angehörigen, sondern auch die Gefahr einer weiteren Zuspitzung der Personalsituation in den Kliniken.“

 

Für die klinische Umsetzung ist das Thema Besuchsregelungen aber erst relevant, wenn es im Krankenhausalarm- und Einsatzplan sowie in den Pandemieplänen steht.

 

Mit Blick auf das Positionspapier zu Angehörigenbesuchen ist Hierundar jedenfalls überzeugt, dass es die Wünsche und die Bedürfnisse von Personal, Angehörigen und Patienten trifft und die Notwendigkeit der Angehörigenbesuche entscheidend aufzeigt. „Für die klinische Umsetzung ist das Thema Besuchsregelungen aber erst relevant, wenn es im Krankenhausalarm- und Einsatzplan sowie in den Pandemieplänen steht – und das wiederum ist stark vom Engagement einzelner in den Krisenstäben oder Klinikleitungen abhängig“, erklärt Hierundar: „Das alles frustriert ein wenig.“

Auch die Chance, in der ruhigeren Phase Personal für Einsätze in anderen Bereichen vorzubereiten und Zuständigkeiten zu addressieren, um die Empfehlungen aus dem Positionspapier überhaupt erst umsetzen zu können, kommt offenbar häufig zu kurz. „Wir sind vielerorts schon so sehr an der personellen Grenze, das Dringlichste zu versorgen, dass überhaupt nicht vorausschauend für mögliche weitere Pandemiewellen vorgegangen wird oder werden kann“, sagt die DIVI-Vertreterin.

Es regiert die Hoffnung, „dass wir irgendwie durchkommen“

Dabei könne eigentlich nur jetzt konzeptionell gearbeitet werden – „Unmittelbar in der Krise, unter Schock geht das nicht“. Würde jetzt weitergebildet und geschult, hätte das Personal zwar eine zusätzliche Belastung, doch diese zahle sich später aus, ist Hierundar überzeugt: „Dann hätten wir im Ernstfall Personal, das sich sicher fühlt und auch vorbereitet ist im Umgang mit den Angehörigen in dieser Ausnahmesituation.“ Stattdessen regiere die Hoffnung, „dass wir irgendwie durchkommen“.

Professionelles Krisenmanagement sei jedoch jetzt gefordert, die bisherigen Regelungen kritisch zu prüfen und eine ergänzende psychosoziale, medizinethische und spirituelle Expertise im Krisenstab zu prüfen, um auch die psychosoziale Notfallversorgung zu gewährleisten, betont Hierundar: „Was nicht akut dringlich ist, schieben wir gerne auf – das ist menschlich und verständlich, doch Krisenstäbe sollten genau das nicht tun.“

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