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Elisabeth Krankenhaus RecklinghausenWie ist es denn so im Kasack, Herr Chefarzt?

Ungewöhnlicher Rollentausch: Einen Tag lang haben die neun Chefärzte des Elisabeth Krankenhauses Recklinghausen als Pflegehelfer auf ihren Stationen gearbeitet. Die Aktion drückt die Wertschätzung für die Pflege aus – und soll jetzt auch zu Veränderungen führen, wie Gefäßchirurg Michael Pillny im Interview sagt.

Michael Pillny und Xhevat Fazlija
Kristina Schröder/Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen

Neue Erfahrung im Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen: Einen Tag lang begleitete Chefarzt Michael Pillny (l.) den Gesundheits- und Krankenpfleger Xhevat Fazlija bei seiner Arbeit.

Chefarzt Michael Pillny
Kristina Schröder/Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen

Kasack statt Chefarztkittel: Dr. Michael Pillny hospitierte als Pflegehelfer auf seiner Station.

Es ist Dienstagmorgen, 6 Uhr, und für Dr. Michael Pillny beginnt am Elisabeth Krankenhaus Recklinghausen ein besonderer Tag. Seinen Chefarztkittel lässt der Gefäßchirurg heute im Schrank und schlüpft stattdessen in einen Kasack. Eine Schicht lang hospitiert Pillny wie alle seine acht Chefarztkollegen in der Pflege.

Das 230-Betten-Haus, das zur Franziskus Stiftung Münster und der Kirchengemeinde St. Antonius Recklinghausen gehört, beschäftigt gut 500 Mitarbeiter. 212 davon gehören zum Pflegedienst, auf 159,4 Vollkraftstellen. An dem Aktionstag „Chefärzte in die Pflege“ begleitet Michael Pillny den Gesundheits- und Krankenpfleger Xhevat Fazlija. Ihre gemeinsame Schicht beschert dem 63-Jährigen auch überraschende Einblicke in seine Station – wie er kma Online am Tag danach erzählt hat.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Kasack getragen, Herr Pillny?

1986. Während meines Studiums. Damals habe ich in der Uniklinik Düsseldorf und in anderen Krankenhäusern als Krankenpflegehelfer gejobbt, um Geld zu verdienen. Davor hatte ich meinen 18-monatigen Zivildienst in der Krankenpflege absolviert und mich dadurch zum Krankenpflegehelfer qualifiziert. Bei unserem Aktionstag wurde ich also nicht ins kalte Wasser geworfen.

Jetzt waren Sie noch einmal acht Stunden als Pfleger auf Ihrer Station unterwegs. Wie haben Sie die Schicht erlebt?

Das war wie ein Flashback. Ich habe mich an vieles erinnert, das ich im Zivildienst kennengelernt hatte. Der Rollentausch war gut, um bei der Visite auch einmal die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegenden zu beobachten. Da können wir durchaus noch etwas verbessern.

Was hat Sie bei Ihrem Einsatz als Pfleger überrascht?

Wir Ärzte müssen auch viel verschriftlichen, aber der Dokumentationsaufwand in der Pflege ist erheblich größer als mir bewusst war. Jedes Detail des Zustandes jedes Patienten muss stets festgehalten werden: Essverhalten, Fähigkeiten, Wohlbefinden... Das bindet viel Arbeitskraft.

Werden Sie das jetzt angehen?

Auf jeden Fall, das versandet nicht. Wir werden das in der Chefarzt-Runde mit der Verwaltung besprechen und uns direkt mit der Pflege zusammensetzen. Wir haben eine relativ flache Hierarchie im Haus und reden auf Augenhöhe miteinander. Momentan dokumentieren wir zwar schon einiges digital, aber eben auch noch auf Papier, und da gibt es zum Beispiel einige Redundanzen, die wir einfach weglassen können. Im nächsten Jahr oder spätestens 2024 stellen wir dann auf die elektronische Akte um.

 

Unser Ziel ist es, den Stellenwert, den die Pflege im System Krankenhaus hat, hervorzuheben.

 

Gab es ein besonders intensives Erlebnis während Ihrer Schicht?

Eine Patientin, die mich ja als Chefarzt kennt, musste ich erst überzeugen, dass ich bei ihr die Grundpflege übernehme und sie auch wasche. Das hat ein wenig gedauert, aber nachdem sie einverstanden war, lief alles gut.

Wann haben Sie Herrn Fazlija, den Sie ja bei seiner normalen Arbeit begleitet haben, um Rat gefragt?

Also, das Bettenmachen funktioniert noch. Aber ich habe mir genau erklären lassen, was wie und wo dokumentiert wird – damit wir das jetzt besser machen können und den Druck rausnehmen.

Wie haben die Patienten reagiert?

Die waren durchweg begeistert. Der Zuspruch war überhaupt im ganzen Haus sehr gut – auch bei den Pflegenden. Einige waren am Anfang etwas skeptisch und haben sich gefragt, was das soll, aber schließlich hat es allen gefallen.

An dem Rollentausch haben die acht Chefärzte und der leitende Arzt der Palliativmedizin teilgenommen. Was wollen Sie mit der gemeinsamen Aktion erreichen?

Die Idee hatte Dr. Thomas Günnewig, der Chefarzt der Geriatrie und Neurologie, und wir anderen waren sofort dabei. Alle haben gesagt, uns interessiert das, und wir wollen das wirklich. Unser Ziel ist es, den Stellenwert, den die Pflege im System Krankenhaus hat, hervorzuheben und jedem zu zeigen: Du bist genauso wichtig wie jeder andere. Das ist eine Frage der Wertschätzung, und die spielt auch eine Rolle, wenn es darum geht, neue Kräfte zu rekrutieren. Wenn Bewerber eine gut funktionierende Station sehen, auf der es keine Lücken gibt und alle gerne arbeiten, können wir punkten – das wird ja auch nach außen weitergetragen. Die Stimmung auf der Station ist ein Hauptargument für Bewerber.

Wird die Aktion Ihre Zusammenarbeit im Team verändern?

Ich denke, ja. Seit ich 2007 hier angefangen habe, ist mir das „Wir“ sehr wichtig. Wir arbeiten als Team, was sich auch darin zeigt, dass es im Stammteam seitdem keine großen Veränderungen gegeben hat. Und der Aktionstag hat jetzt noch mal eine gewisse Lockerheit reingebracht. Alle haben auf einer anderen Ebene mit mir gesprochen, und ich bin mir sicher, dass das bleiben wird. Nach der Schicht bin ich jedenfalls sehr zufrieden nach Hause gegangen.

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